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Fette Beats, Raps – und Pouletschenkel
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Die beiden Luzerner Pablo Vögtli und Mauro Wolf (v.l.) vereinen die Schweizer Hip-Hop-Szene «Bounce Cypher». (Bild: zvg)

Luzerner vereinen Schweizer Hip-Hop-Szene Fette Beats, Raps – und Pouletschenkel

6 min Lesezeit 26.01.2016, 10:14 Uhr

Sechs Stunden, 80 Rapper – und eine geballte Ladung Testosteron. Am Donnerstag trifft sich die Hip-Hop-Szene zum «Bounce Cypher», dem grössten Live-Rap-Event der Schweiz. Hinter den Kulissen ziehen zwei Luzerner die Fäden. zentral+ hat den beiden während einer Zugfahrt auf den Zahn gefühlt.

Donnerstagnachmittag, 15.32 Uhr, Bahnhof Luzern, Züri-Zug. Bitte einsteigen! Mauro Wolf (29) hat sich bereits in einem Viererabteil ausgebreitet, Pablo Vögtli (30) stösst kurz darauf dazu. Handklatsch, Faust an Faust, Hip-Hopper-Gruss. Vier Jahre schon fahren die beiden Luzerner gemeinsam Zug. Denn immer donnerstags gehen die beiden Freunde auf Sendung. «Bounce» heisst ihre Show auf SRF Virus, die jede Woche von 19 bis 21 ausgestrahlt wird.

«Die legendärste Rap-Show der Schweiz bringt die freshesten Beats, direkt von den Turntables oder live mit den neusten Acts des Landes», verspricht die Webseite des Senders. Am kommenden Donnerstag aber herrscht im «Bounce»-Studio wieder einmal Ausnahmezustand. Es ist «Cypher»-Zeit. Am grössten Live-Rap-Event der Schweiz treten über 80 Rapper mit ihren besten Rhymes gegeneinander an.

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zentral+: Am Donnerstag gibt es auf eurem Sender sechs Stunden Live-Rap zu hören – nonstop und unzensiert. Eine ziemlich heftige Ladung!

Pablo: Grösser, länger und fetter geht’s nicht. Für die Hörer gibt’s den bestmöglichen Querschnitt durch die Schweizer Rap-Szene. Natürlich ist das nicht jedermanns Sache. Wer sich die Show anhören will, sollte Rap nicht scheisse finden, nicht zusammenzucken, wenn er ein Schimpfwort hört – und auf Poulet abfahren.

zentral+: Äh…?

Mauro: Pablo beliefert jeweils alle Teilnehmer mit seinem selbstgemachten Chicken mit Hummus. Das Cypher-Buffet hat schon fast Legenden-Status. 

zentral+: Und wie viele Poulets brauchst du dieses Jahr?

Pablo: 80 Rapper werden mindestens da sein – und dazu erstmals auch einige Zuschauer, welche sich eines der wenigen begehrten Tickets ergattern konnten. 

«Rapper sind mit Abstand die unzuverlässigsten Musiker.»
Mauro Wolf, Moderator

zentral+: Auch abgesehen von den Küchenvorbereitungen dürfte die Organisation eines solchen Events ziemlich nervenaufreibend sein.

Mauro: Oh ja! Die Vorarbeit beginnt zirka ein halbes Jahr vorher. Es dauert ewig, bis die Teilnehmerliste steht und wir alle definitiven Zusagen der MCs haben. Rapper sind mit Abstand die unzuverlässigsten Musiker (lacht). Im Ernst: Es steckt wirklich sehr viel Arbeit hinter dem Projekt.

Pablo: Ich vergleiche es gerne mit einer anstrengenden Bergtour. Der letzte Pilatus-Trip liegt lange zurück und wird entsprechend romantisiert. Sobald man dann aber tatsächlich wieder einmal um fünf Uhr aufsteht, um kurz darauf in Kriens loszumarschieren, wird das Ganze zu einer schweisstreibenden und nervenaufreibenden Angelegenheit. Spätestens wenn man den Gipfel erreicht hat, weiss man aber, dass sich der ganze Aufwand mehr als gelohnt hat.

Immer donnerstags gehen die beiden Freunde auf Sendung. «Bounce» heisst die Show von Pablo und Mauro auf SRF Virus, die jede Woche von 19 bis 21 ausgestrahlt wird. (Bild: zvg)

Immer donnerstags gehen die beiden Freunde auf Sendung. «Bounce» heisst die Show von Pablo und Mauro auf SRF Virus, die jede Woche von 19 bis 21 Uhr ausgestrahlt wird. (Bild: zvg)

zentral+: Wie muss man sich das vorstellen, wenn sich an einem Abend 80 Rapper die Klinke in die Hand geben?

Mauro: Klassenlager trifft auf Weihnachten trifft auf Boxkampf. Die Rapper machen nicht nur zusammen Musik, sie feiern danach auch miteinander.

zentral+: Und dann boxen sie sich?

Mauro: Das war auf die Musik bezogen. Die meisten Rapper mögen sich untereinander. Aber natürlich geht es beim Cypher auch darum, zu zeigen, wer der stärkste Rapper ist …

Pablo: … wer den grössten Schwanz hat.

Mauro: Oder so. Jedenfalls präsentiert jeder Teilnehmer einen bisher unveröffentlichten Text. Der Claim der diesjährigen Cypher-Ausgabe lautet deshalb auch «Sechs Stunden Weltpremiere».

Die Luzern-Stunde der Virus Bounce Cypher 2015 in Zahlen (links) und der Gesamtüberblick der Statistik (rechts). (Quelle: SRF)

Die Luzern-Stunde der Virus Bounce Cypher 2015 in Zahlen (links) und der Gesamtüberblick der Statistik (rechts). (Quelle: SRF)

(Bild: SRF)

zentral+: Mimiks, Knackeboul oder auch Steffe la Cheffe sind beim Cypher dabei – andere grosse Namen wie Baze oder Skor fehlen. Wieso?

Pablo: Es ist vielleicht eine Frage des Hungers. Einige denken möglicherweise, sie hätten es nicht nötig, sich mit der jungen Generation zu messen. Und andere haben wohl einfach Angst davor, von einem Jungspund blamiert zu werden.

Mimiks am Cypher 2015:

zentral+: Habt ihr auch «Pop-Stars» wie Stress oder Bligg angefragt?

Pablo: Haben wir. Und Stress wäre bestimmt dabei, wenn er nicht gerade in den Ferien weilen würde. Bligg hat leider abgesagt – dabei hätte er nur gewinnen können!

zentral+: Ihr beide rappt selber auch. Auch am Cypher?

Mauro: Ich stecke im Voraus des Events jeweils so viel Energie in die Sache und stehe auch am Cypher selbst unter Dauerstress. Irgendwie möchte ich’s aber auch noch ein bisschen geniessen können. Wenn ich dann auch noch einen Rap-Part vorbereiten müsste, wäre das nicht mehr möglich.

Pablo: Ich bin dabei. Für mich ist der Auftritt Pflicht und Kür zugleich.

zentral+: Trotz einiger prominenter Absagen: Die Schweizer Hip-Hop-Szene befindet sich in einem Hoch. War Rap hierzulande jemals so gross?

Mauro: Ich glaube, nein. Es ist ein riesen Thema und es macht viel Freude, zu sehen, in welche Richtung sich unsere Kultur bewegt. Ein Beispiel: Am Royal Arena Openair – einem Hip-Hop-Festival, bei welchem auch viele internationale Acts auftreten – spielten im vergangenen Jahr zur besten Bühnenzeit die «Swiss Rap Allstars». Das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen.

Pablo: Rap war definitiv noch nie so salonfähig.

«Ich bin überzeugt, dass Rapmusik irgendwann so relevant ist, dass die Radios gar nicht mehr drum herumkommen, sie zu spielen.»
Mauro Wolf, Moderator

zentral+: Woran liegt das?

Mauro: Ich glaube, es hat damit zu tun, dass Rap so viele verschiedene Facetten zu bieten hat. Mimiks zum Beispiel bedient die junge Generation, Greis ist der Liebling des Feuilletons, Knackeboul macht sein Ding – und dann gibt es noch die Gangsterrapper.

zentral+: Mit wenigen Ausnahmen werden die Künstler aber auch heute noch nicht im Radio gespielt. Stört euch das?

Pablo: Ach, das ist doch scheissegal.

zentral+: Ah ja?

Pablo: Ganz ehrlich: Mimiks und Kollegah bedienen hauptsächlich Leute, die sowieso nie Radio hören. Radio-Airplay ist nur eine weitere Facette der Musikindustrie. Einer von vielen Kanälen.

Mauro: Ich wünschte mir eindeutig mehr Rap im Radio. Und ich bin überzeugt, dass Rapmusik irgendwann so relevant ist, dass die Radios gar nicht mehr drum herumkommen, sie zu spielen.

zentral+: Was ist eigentlich das Besondere an Mimiks? Warum funktioniert er so gut?

Pablo: Ich bin zwar voreingenommen (Anm.: Pablo begleitet Mimiks seit jeher als Rapper auf Tour), aber meiner Ansicht nach gibt es zwei entscheidende Faktoren. Zum einen die Rap-Technik. Mimiks’ Stimme und Technik bläst dich einfach weg. Das finden auch viele Nicht-Rapper geil.

zentral+: Und der andere Faktor?

Pablo: Sein Verhalten. Mimiks strotz nur so vor Selbstvertrauen. Dieses «bosshafte» Auftreten kommt bei den Jungen extrem gut an. Mimiks sagt: Ihr könnt alles erreichen, ihr müsst es einfach tun.

«Geschätzte Damen und Herren, wir treffen in Zürich ein.» Wir hätten mit Mauro und Pablo noch lange weiterquatschen können, doch nun müssen die beiden ins Studio, um ein Interview mit Knackeboul vorzubereiten. «Haben wir noch was vergessen?», fragt Mauro, während Pablo das Blatt mit den vorbereiteten Fragen zu sich nimmt. «Euer Wunsch für das Hip-Hop-Jahr 2016», heisst es da ganz am Schluss.

Pablo: Mein Wunsch? Noch mehr Schweizer Rapper auf den Openair-Bühnen. Die Festival-Verantwortlichen sind übrigens allesamt zum Cypher eingeladen. Chicken mit Hummus hat’s jedenfalls genug.

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