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«Es wäre auch ohne Drogen so gekommen»
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Beim Luzerner Cyril F. wurde Schizophrenie diagnostiziert. (Bild: cha)

Cannabis und Psychosen «Es wäre auch ohne Drogen so gekommen»

7 min Lesezeit 01.03.2015, 12:00 Uhr

Löst der Konsum von Cannabis Psychosen aus oder nicht? Experten sind sich uneinig. Ein betroffener Luzerner teilt seine Erfahrungen. Ein Gespräch über soziale Probleme, Stigmata gegenüber psychischen Krankheiten und Nietzsche.

Konsum von Cannabis löst Psychosen aus. Dies sagen zumindest mehrere Studien. Andere Versuchsreihen zeigen wiederum auf, dass die Veranlagung zu psychischen Störungen gegeben sein muss, damit diese durch den Drogenkonsum ausgelöst werden können. Die altbekannte Huhn-Ei-Frage – was war zuerst: Der Cannabis-Konsum oder die Veranlagung zur Psychose? – lassen wir beiseite.

Doch was beantwortet werden kann, ist, wie ein Betroffener diese Thematik am eigenen Leibe reflektiert. zentral+ hat mit einem 37-Jährigen gesprochen, der jahrelang viel Cannabis konsumierte und schliesslich mit Schizophrenie diagnostiziert wurde.

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Noch heute in medikamentöser Behandlung

Ich treffe Cyril F.*, der anonym bleiben möchte, an einem Sonntag in einem Café in Luzern. Er ist ein gepflegter, freundlicher und aufgestellter Mann. Doch der 37-jährige Luzerner ist betroffen von Schizophrenie. Ein hoher Drogenkonsum und zwei Psychosen prägen seine Vergangenheit. Bis heute muss er täglich Medikamente einnehmen.

Dabei startete er so erfolgreich ins Berufsleben. «Ich habe die Kantonsschule in Luzern absolviert, habe ein Zwischenjahr in Paris gemacht und anschliessend vier Jahre in Genf Wirtschaft studiert», sagt der 37-Jährige. Wirklich Gefallen fand er an der Ökonomie nie. Trotzdem arbeitete er mehrere Jahre bei einer Bank. Projektleiter und Spezialist war er, bis schliesslich die Kündigung kam. Wie kam es dazu?

«Emotionalität passte nicht in mein Umfeld»

«Dass etwas nicht stimmt, habe ich bereits im Alter von zwölf Jahren gemerkt», sagt Cyril F. Als «krank» würde er jedoch den damaligen Zustand noch nicht bezeichnen. «Die Pubertät war hart. Ich bin ein sehr emotionaler und sensibler Mensch.» Hinzu kommt, dass er in einem sozialen Umfeld aufwuchs, das bürgerlich konservativ, wenig tolerant und leistungsorientiert gewesen sei.

«Ich fühlte mich von Nietzsche vefolgt. Ich dachte, er habe Hirnwäsche mit mir betrieben.»

Cyril F.

«Mit zwölf Jahren fingen mich meine Gefühle an zu nerven und ich wendete mich immer mehr von ihnen ab.» Einige Jahre später begann Cyril F. sogar, die Emotionen mit Drogenkonsum zu verdrängen. «Das erste Mal habe ich mit 16 Jahren gekifft», so der 37-Jährige. Bis zum Alter von 20 Jahren seien es Gelegenheitsjoints gewesen. «Doch dann fing ich an, täglich zu kiffen.» Das war während der Zeit, als der gebürtige Luzerner die Rekrutenschule und anschliessend das Studium in Genf absolvierte. Dazu kam auch Alkohol, den er mehrmals wöchentlich in hohem Masse konsumierte. «Ich würde schon sagen, dass ich während dieser Zeit abhängig von diesen Drogen war.»

«Mit der Psychose hörte ich auf zu kiffen»

Dies ging schliesslich fünf Jahre so weiter, bis die erste Psychose ausbrach. Damals war Cyril F. 25 Jahre alt. «Als ich krankhafte Paranoia bekam, hörte ich von einem Tag auf den anderen auf mit dem Konsum von Cannabis.» Während dieser Zeit vertiefte er sich in philosophische Bücher, insbesondere von Nietzsche, die ihm dann zum Verhängnis wurden. «Ich fühlte mich plötzlich von Nietzsche verfolgt – dachte, er hätte Hirnwäsche mit mir betrieben und ich brächte dies nicht mehr weg», sagt der Luzerner.

Mit 27 Jahren habe er sich dann schliesslich in Therapie begeben. «Mein Umfeld war skeptisch. Es wurde die traditionelle Meinung vertreten, dass man solche Sachen selbst regeln solle und könne.» Cyril F. selbst habe gedacht, er sei depressiv. Vom Experten diagnostiziert wurde jedoch Schizophrenie. Vom Psychiater verschriebene Medikamente konnten ihm zwar die ständige Angst nehmen, nicht jedoch seine paranoiden Gedanken. Das war von 2002 bis 2004.

«Die Wirtschaft hat keinen Platz für psychisch Kranke.»

Cyril F.

«Ich dachte, mein Nachbar wolle mich töten»

Nur zwei Jahre später dann die nächste Psychose. «Wiederum hatte ich Verfolgungswahn. Ich dachte, mein Nachbar verfolge mich und wolle mich umbringen.» Schliesslich wird Cyril F. in die Klinik St. Urban eingeliefert. Noch im gleichen Jahr, das war 2006, konnte er die Klinik wieder verlassen. «Seither habe ich glücklicherweise keine Psychosen mehr erlebt.»

Trotz der schwierigen Situation arbeitete er noch bis 2012 in der freien Wirtschaft, zuletzt bei einer Bank. «Es fühlte sich an, als ob ich aus ‹goodwill› weiterbeschäftigt wurde. Die Vorgesetzten wussten, dass es mir psychisch nicht gut ging und wollten mir deshalb nicht kündigen.» Mit einem neuen Chef war das Verständnis dann auf einmal nicht mehr vorhanden, weshalb er letztlich seinen Job doch verloren habe.

Künftig in der Gastronomie

Cyril F. hat seit einigen Jahren eine Teilrente der Invalidenversicherung. Die Entlassung 2012 habe ihn zwar nicht entmutigt. «Ich habe mich jahrelang für eine Stelle mit einem 50- oder 60-Prozent-Pensum beworben», so der Luzerner, jedoch erfolglos. «Die Wirtschaft hat keinen Platz für psychisch Kranke.» Momentan erhält er noch die IV-Rente sowie Ergänzungsleistungen. Und: «In der Zukunft möchte ich in der Gastronomie arbeiten», sagt der 37-Jährige.

Heute, knapp zehn Jahre nach seiner zweiten und letzten Psychose, ist zwar noch nicht alles, aber vieles, verarbeitet. Und welchen Grund sieht er für den Ausbruch der psychischen Krankheit? «Einige Experten haben dem Cannabis schon Mitschuld an den Psychosen gegeben. Ich möchte klarstellen, dass ich die Drogen nicht als Grund für meine Erkrankung sehe», betont Cyril F.

«Die Probleme kamen nicht wegen dem Kiffen, sondern wegen den Problemen habe ich gekifft.»

Cyril F.

Starke Zunahme zwischen 1990 und 2006

Daten des Bundesamtes für Statistik und von Polizeidaten belegen, dass der Konsum von Cannabis insbesondere im Verlaufe der 90er-Jahre massiv angestiegen ist. Im Jahr 1990 beispielsweise wurden 702 Anzeigen wegen Cannabis-Konsums registriert, 2006 waren es deren 26'147.

Seit zirka 2004 ist der Konsum der Droge einigermassen stabil – nahm und nimmt gar zeitweise wieder ab.

Klar sei kiffen nicht, und schon gar nicht täglicher Konsum von Cannabis, gesund. «Aber wenn ich so zurückblicke, muss ich sagen: Auch ohne den Drogenkonsum wäre es nicht anders verlaufen.» Es sei zu oberflächlich, den Auslöser einer psychischen Krankheit im Konsum einer Droge zu suchen. «Die Probleme kamen nicht wegen dem Kiffen, sondern wegen den Problemen habe ich gekifft», so der Luzerner. Die Gründe für die Psychosen sehe er vielmehr in seiner Rolle in seinem früheren sozialen Umfeld. «Mangelndes Verständnis und zu wenig Liebe gepaart mit dem Leistungsdruck haben zu meiner Krankheit viel mehr beigetragen.»

Neue Freunde gewonnen

«Auch mein ehemaliger Kollegenkreis, von dem ich mich dann schnell gelöst habe, hat mir nicht gut getan. Macho-Getue und Männlichkeitsgehabe standen da an der Tagesordnung», was zu ihm nicht gepasst habe. Heute habe er neue Freunde – teils auch aufgrund seiner Krankheit. «In der Selbsthilfegruppe für Leute mit Psychose habe ich viele neue Kollegen gewonnen.» Und seine Eltern? «Ich hatte und habe immer noch eine gute Beziehung zu meinen Eltern, wenn auch nicht mehr so eng wie früher.» Doch sie hätten immer hinter ihm gestanden, ihn finanziell unterstützt und in der Klinik besucht. «Das ist umso schöner, weil ich weiss, wie schwer die Diagnose und auch die Psychosen für meine Eltern waren.»

Eine Einschätzung zu Cannabis und Psychosen? «Ich glaube nicht, dass Cannabis die Schuld für Psychosen gegeben werden kann.» Als Indiz sagt Cyril F., dass zwar der Konsum in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen habe, die Zahl von Menschen mit Psychosen jedoch konstant sei. «Egal, ob der Konsum von Cannabis zu- oder abnimmt: Der Anteil an Schizophrenen in der Gesellschaft liegt konstant bei einem Prozent.» Man suche in jeder Studie halt gerne einen Sündenbock, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Kampf gegen Stigmata

Doch obwohl er heute psychisch stabil sei, sind die Konsequenzen seiner turbulenten Vergangenheit bis in die Gegenwart spürbar. «Ich bin viel müde wegen den Medikamenten und schlafe viel. Natürlich kiffe ich auch nicht mehr und trinke kaum Alkohol. Und wenn, dann nur ein paar Bier und nicht bis zum Vollrausch.» Cyril F. kämpfe ausserdem gegen Vorurteile, die die Gesellschaft gegen psychisch Kranke, und insbesondere gegen Schizophrene, hat. «Oftmals werden in Zeitungen oder auch Filmen Schizophrene als kriminell bezeichnet», was schlicht und einfach nicht stimme.

* Name der Redaktion bekannt

Was ist Schizophrenie?

Die Schizophrenie ist eine häufige schwere psychische Erkrankung, die mit einem deutlichen «Stigma» behaftet ist und oft falsch verstanden wird. Die Betroffenen leiden unter Störungen ihrer Gedanken und Gefühle und ihres Verhaltens und haben Schwierigkeiten, die Realität zu bewerten. Das kann grossen Einfluss auf ihr eigenes Leben und das ihrer Angehörigen haben.

In den Phasen des Rückzugs treten «Negativsymptome» auf, wie emotionale Abstumpfung, stockende Sprache, Beeinträchtigung der Fähigkeit, Aktivitäten zu planen, zu beginnen und/oder fortzuführen, und verminderte Freude und Interessensarmut. In der Regel sind diese Symptome für Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen und bei Alltagsaktivitäten verantwortlich.

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