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«Es gibt nicht viele schöne Menschen»
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Lisa Schmalzried hat ihre Habilitation in der Philosophie zum Thema Schönheit geschrieben. (Bild: jav)

Die Expertin für Schönheit forscht in Luzern «Es gibt nicht viele schöne Menschen»

5 min Lesezeit 1 Kommentar 22.10.2017, 05:25 Uhr

Ein Schmollmund alleine reicht lange nicht. Lisa Schmalzried beschäftigt sich seit fünf Jahren hauptberuflich mit Schönheit. Die 33-Jährige arbeitet dazu an der Universität Luzern und hat nun eine Definition gefunden: Schönheit sei «physisch-expressive Liebenswürdigkeit». Bitte was?

Mit der Arbeit an ihrer Habilitationsschrift an der Universität Luzern zum Thema «Menschliche Schönheit» hat Lisa Schmalzried fünf Jahre ihres Lebens verbracht. Die 33-Jährige aus Baden-Württemberg schliesst damit eine Lücke im philosophischen Diskurs. zentralplus traf die Philosophin zum Interview über ihr Steckenpferd.

 

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zentralplus: Sind Sie selbst schön?

Lisa Schmalzried: Nein. (Lacht.) Aber das ist immer schwierig in Bezug auf sich selbst zu beantworten.

zentralplus: Was ist denn Ihre Definition von Schönheit?

Schmalzried: Ich glaube, dass wir bei menschlicher Schönheit mit dem Begriff der Liebenswürdigkeit weiterkommen. Also: Eine Person ist schön, wenn sie auf der sinnlich erfahrbaren Ebene liebenswürdig scheint. Schönheit ist physisch-expressive Liebenswürdigkeit.

«Das Äussere umfasst auch den Geruch einer Person, den Klang der Stimme.»

zentralplus: Physisch-expressiv? Können Sie das für uns ausdeutschen?

Schmalzried: Wenn wir von Schönheit sprechen, dann beziehen wir uns hauptsächlich aufs Äussere. Das umfasst aber auch den Geruch einer Person, den Klang der Stimme. Alles, was sinnlich erfahrbar ist. Doch daneben beeinflussen auch «expressive» Aspekte unsere Wahrnehmung: Gestik und Mimik, beispielsweise ein Blitzen in den Augen. Diese Dinge lassen uns scheinbar erahnen, welche Persönlichkeit hinter der Fassade steckt.

zentralplus: Und die Liebenswürdigkeit?

Schmalzried: Liebenswürdigkeit bedeutet, dass mir eine Person gefällt und ich sie gerne kennenlernen würde, mit ihr in Freundschaft oder Partnerschaft verbunden sein möchte und gleichzeitig davon überzeugt bin, dass auch andere Menschen so empfinden sollten.

zentralplus: Aber ist Schönheit nicht subjektiv?

Schmalzried: Das ist die Gretchenfrage der Ästhetik: Liegt Schönheit im Auge des Betrachters? Und damit zielen wir meist auf die Frage ab, ob ein Schönheitsurteil auf einer Erfahrung basiert oder ob es einen Kriterienkatalog für Schönheit gibt.

zentralplus: Und gibt es den?

Schmalzried: Nein. Es gibt zwar typische Merkmale, die mit Schönheit einhergehen: Symmetrie, reine Haut, volles Haar, bei Frauen empirisch gut belegt ist auch das Kindchenschema mit grossen Augen, kleiner Nase, Schmollmund. Aber das sind keine Kriterien, die man abhaken kann. Eine Person kann das alles erfüllen, aber nicht schön sein oder umgekehrt. Der Grund hierfür ist die subjektive Seite der Schönheit, das heisst, dass ein Schönheitsurteil auf einer Erfahrung basiert. Schönheit hat einen subjektiv-objektiven Zwitter-Charakter. Das Schönheitserlebnis, der Wow-Effekt ist subjektiv, doch Schönheitsurteile haben immer einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

zentralplus: Das heisst?

Schmalzried: Schönheitsurteile erheben den Anspruch, richtig zu sein. Wenn ich beispielsweise sage, George Clooney ist schön, und mein Gegenüber widerspricht mir, würde ich sagen: Schau doch noch mal hin. Obwohl das unter Philosophen schwierig sein kann – da kennen ihn einige gar nicht. (Lacht.)

«Extrovertiert zu sein, wirkt wie ein Türöffner.»

zentralplus: Ist schön = sexy?

Schmalzried: Sexuelle Anziehung kann eine der Möglichkeiten sein, Schönheit zu erfahren. Aber es ist sicher nicht die einzige. Denken Sie beispielsweise an Kinder oder deutlich ältere Menschen. Die kann man als schön wahrnehmen, aber nicht als sexuell anziehend.

zentralplus: Kommt Schönheit von innen?

Schmalzried: Ja, obwohl Schönheit «nur» am Äußeren hängt. Wir sind keine Statuen. Wir bringen unser «Inneres» – im Antik-Slang unsere Seele – durch Gestik, Mimik und nonverbale Kommunikation zum Ausdruck.

zentralplus: Alles, was wir Menschen so tun, um unsere Schönheit zu optimieren – Operationen, Extensions, Schminke, Sport –, bringt das denn überhaupt etwas?

Schmalzried: Jein. Ich glaube nicht, dass ich beschliessen kann, jetzt verwandle ich mich in einen schönen Schwan und wenn ich nur genug Geld in die Hand nehme, mich kasteie und trainiere, dann funktioniert das. Denn die Ausstrahlung, das Expressive verändert sich nicht zwingend mit. Es kann sein, dass ich mich wohler fühle und dadurch besser rüberkomme, aber das Ganze ist viel komplexer, als uns Medien und Werbung weismachen wollen. Aber im Alltag gibt es sowieso nicht viele schöne Menschen.

zentralplus: Es gibt wenige Menschen, die schön sind?

Schmalzried: Ja. Es gibt viele, die hübsch sind und auch viele, die charismatisch sind, Ausstrahlung haben. Aber beides zusammen ist im Alltag – im Gegensatz zum Fernsehen – eher selten.

«Wir sind halt sinnliche Tierchen.»

zentralplus: Weshalb gibt es die Schönen eher im Fernsehen?

Schmalzried: Wahrscheinlich, weil die Menschen sich in diese Berufe hineinselektieren. Wenn ich die Wahl habe, sehe ich mir dann zwei Stunden lang einen Film mit Hans Otto von nebenan an oder einen mit Ryan Gosling?

Lisa Schmalzried

Von 2004 bis 2008 studierte Schmalzried Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie an der LMU München. Ein Jahr ihres Studiums verbrachte sie an der University of St. Andrews. Von 2008 bis 2012 promovierte sie in München zur Frage, ob Kunstwerke moralisch bewertbar sind. Seit Juli 2011 arbeitet sie als Assistentin am Philosophischen Seminar der Universität Luzern und habilitiert aktuell zum Thema «Menschliche Schönheit».

zentralplus: Wenn es um Expressivität geht, sind denn extrovertierte Menschen eher schön als introvertierte?

Schmalzried: Das könnte man sagen. Charaktereigenschaften sind zwar nicht direkt sinnlich wahrnehmbar, aber – wie bereits gesagt – glauben wir, dass sie sich durch Gestik und Mimik offenbaren. Auch wenn diese Annahme nicht immer zutrifft, so trifft sie dennoch manches Mal zu. Eine extrovertierte Person mag auch durch ihre Gestik und Mimik, beispielsweise ein breites Strahlen, offener auf ihre Mitmenschen zugehen. Das ist einladend, wirkt wie ein Türöffner. Man hat eher das Gefühl, die Person zeige ihr Inneres. So wird die Person eher als schön wahrgenommen als jemand, der komplett in sich gekehrt ist.

zentralplus: Warum springen wir überhaupt auf Schönheit an?

Schmalzried: Wir sind halt sinnliche Tierchen. Wir können zwar versuchen zu verstehen, wie und worauf wir reagieren, doch der Rest ist Spekulation. Es gibt evolutionsbiologische Ansätze, die Schönheit an Attraktivität und Attraktivität an sexuelle Attraktivität koppeln. Schönheit wäre damit ein Hinweis auf Fruchtbarkeit und Fitness.

zentralplus: Dass Schönheit Vorteile bringt, ist bekannt. Bestätigt Ihre Forschung das ebenfalls?

Schmalzried: So ist es. Nehme ich jemanden als schön war, schätze ich die Person als liebenswürdig ein und gehe dementsprechend auf sie zu. Ein Vorteil für den schönen Menschen, aber auch für den, der das Schönheitserlebnis hat.

zentralplus: Sie forschen zur menschlichen Schönheit. Sind Ihre Erkenntnisse auch auf Tiere oder Dinge anwendbar?

Schmalzried: Natürlich kann man bestimmte Aussagen auf weitere Objekte anwenden. Den Wow-Effekt beispielsweise – also das Wohlgefallen. Oder dass man mit dem schönen Ding eine «Beziehung» aufbauen möchte: eine schöne Landschaft immer wieder besuchen, einen schönen Film immer wieder schauen. Andere Punkte funktionieren nur beim Menschen: Schönheit durch sexuelle Anziehung zu erfahren beispielsweise. Nun – es gibt ja alles. Aber spätestens bei der Landschaft wird’s schwierig. (Lacht.)

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1 Kommentare
  1. Michel Ebinger, 22.10.2017, 17:38 Uhr

    Jeder Mensch ist auf seine Art objektive Kriterien für Schönheit gibt es meiner Ansicht nach nicht. Schönheit liegt einzig und alleine im Auge des Betrachters und ist absolut subjektiv!