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Ein Shopping-Tempel, den keiner will?
  • Wirtschaft
Die «Mall of Switzerland» mit Shoppingcenter (Mitte), dem Multiplex-Kino (links) und ein Büro- oder Hotelgebäude (rechts). (Bild: Visualisierung zvg)

«Mall of Switzerland» Ebikon Ein Shopping-Tempel, den keiner will?

4 min Lesezeit 2 Kommentare 10.09.2014, 05:00 Uhr

Anfänglich war für das gigantische Einkaufszentrum «Mall of Switzerland» viel Begeisterung vorhanden. Doch inzwischen gibt es mehr offene Fragen und kritische Stimmen denn je. Klar ist, dass aus der ganzen Diskussion rund um das Mega-Projekt schon mal eine Gewinnerin hervorgeht: Die Firma Schindler. Sie kann sich über einen lukrativen Landverkauf freuen. 

Seit Juni wird kräftig gebaut in Ebikon. Nach über zehn Jahren Projektphase legen die Baumaschinen das Fundament für die «Mall of Switzerland»: Mit 46’000 Quadratmetern Verkaufsfläche wird sie eines der grössten Einkaufszentren der Schweiz. Ein Mega-Projekt, das einerseits viel gelobt und als fortschrittlich bezeichnet wird. Andererseits ein Projekt, dessen Lack bereits abblättert, bevor es überhaupt fertiggestellt ist. Vieles ist fragwürdig. Wird die Mall of Switzerland zu einer Mall, die schlussendlich niemand will? Auf einzelne Fragen gehen die Verantwortlichen nicht ein. Zeit für eine Übersicht.

Zu viel Angebot und wenig Nachfrage?

Kritische Stimmen zur Mall of Switzerland sind aktuell vor allem aus Wirtschaftskreisen zu vernehmen. Eine echte Nachfrage nach weiteren Einkaufsmöglichkeiten scheint in der Region Luzern nicht zu bestehen. Die Erhebungen des Marktforschungsinstitut GFK sprechen für sich. Die Umsätze der meisten Schweizer Shoppingcenter sind rückläufig oder die Zentren verzeichnen bestenfalls stagnierende Umsätze.

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Gleichzeitig besteht offenbar ein landesweites Überangebot: Im Jahr 2000 gab es in der Schweiz über 100 mittlere und grosse Einkaufszentren, zwölf Jahre später waren es schon 169. Experten wie beispielsweise Thomas Hochreutener, Detailhandel-Spezialist beim GFK, sind sich sicher, dass der Markt gesättigt ist. Dieser Meinung schliessen sich unisono eine Handvoll Wirtschaftsprüfer an. Auch teilen Einschätzungen der beiden Banken Credit Suisse und UBS diese Ansicht.

Das 550-Millionen-Projekt

Die Investitionskosten für den Shopping- und Freizeitbereich belaufen sich auf rund 450 Millionen Franken. Weitere 100 Millionen sind für einen Hotel- und Wohnbereich geplant. Für den Bau verantwortlich ist die Zürcher Firma Halter AG, die in Luzern bereits die Swissporarena auf der Allmend entwickelt und realisiert hat. 

Das Shoppingcenter wird aus rund 140 Geschäften bestehen. Die Baueingabe für die zweite Bauetappe soll im Herbst eingereicht werden. Diese umfasst neben einem Multiplexkino mit zwölf Sälen ein Fitness, Wellness- und Spa-Bereich sowie Räumlichkeiten für Anlässe im Tourismus- und Gastronomiebereich. Die Kinosäle bieten Platz für insgesamt 2200 Personen. Läuft alles nach Plan, soll die Mall of Switzerland im Herbst 2017 eröffnet werden. Zum gleichen Zeitpunkt sollen auch die rund 140 Wohnungen und das 3-Sterne-Hotel fertiggestellt werden.

Währenddem beurteilen die Verantwortlichen bei der Mall of Switzerland die Aussichten aus einer völlig anderer Perspektive. «Im Zeitraum zwischen 2000 und 2020 wird das Marktpotenzial um rund 1,7 Milliarden Franken gewachsen sein», steht in der Mitteilung der Firma Halter AG, welche das Grossprojekt realisiert. Mit Coop habe ein wichtiger Hauptmieter bereits zugesagt, zudem seien mehr als 50 Prozent der Flächen bereits vermietet.

Wirtschaft fürchtet Verdrängungskampf

Die Konsequenz von zu viel Angebot ist ein Verdrängungskampf, zu Lasten der hiesigen Detailhändler. Besonders besorgt zeigt sich in diesen Tagen der Luzerner Wirtschaftsverband, zusammen mit der City-Vereinigung Luzern. Sie fürchten die Konkurrenz, die in der Region Luzern neu auf den Markt drängen wird.

«Wir wollen nicht tatenlos zuschauen, wie Kunden aus der Stadt in Richtung Ebikon abwandern», sagt Franz Stalder, Präsident der City-Vereinigung. Um den Kleingewerblern zu Hilfe zu eilen, organisiert die Vereinigung zusammen mit dem Wirtschaftsverband am 24. September einen Mittagstisch zum Thema «Stadt Luzern, die wahre Mall of Switzerland».

Die Aktion sei durchaus als eine Art Krisensitzung zu verstehen: «Es geht darum, die Geschäfte in der Stadt wachzurütteln», sagt Stalder, dessen Vereinigung rund 200 Geschäfte, Gewerbetreibende und Privatpersonen vertritt. 

Sicher ist auf der anderen Seite, dass die Investoren im Hintergrund einen langen Atem haben werden. Hinter der «Tamweelview European Holdings SA» steht eine Tochtergesellschaft der Abu Dhabi Investment Authority (ADIA), die in ganz Europa grossformatige Investitionen tätigt. Zeit scheint für den aus Öl-Milliarden bestehende Staatsfonds somit keine Rolle zu spielen.

Der Kanton baute die Infrastruktur

Der zweite grosse Kritikpunkt am Mega-Projekt betrifft den Verkehr. Die Kosten für den Autobahnzubringer Rontal seien der öffentlichen Hand entglitten. Sie waren in den vergangenen Jahren mehrmals Gegenstand von Diskussionen im Kantonsparlament. Das ganze Strassenbauprojekt, inklusive Autobahn-Zubringer und flankierende Massnahmen, kostet die öffentliche Hand rund 170 Millionen Franken.

Im Rontal selber sind die Bedenken gross. Der Autobahnzubringer sei heute schon überlastet, sagt der Gemeindepräsident von Root, Heinz Schumacher. Er befürchtet einen Rückfall in den alten Zustand vor dem Verkehrsausbau. «Wer von Zürich oder Aarau her kommt, kann über Root ins neue Einkaufszentrum fahren», so seine Begründung.

Im Luzerner Rontal sei das Verkehrsaufkommen heute schon hoch. Und das Einkaufszentrum dürfte dereinst weiteren Autoverkehr anziehen. Der errechnete Mehrverkehr beträgt bis zu 19’000 Fahrten täglich. Der Zubringer Rontal ist gemäss Angaben des Kantons auf maximal 25’000 Fahrzeuge pro Tag ausgelegt und kann in Spitzenzeiten 2’500 Fahrzeuge pro Stunde bewältigen.

82 Millionen für Landverkauf

Sieht man einmal vom befürchteten «Wirtschafts-Kannibalismus» oder den prognostizierten Verkehrsproblemen ab: Neben der Bauwirtschaft steht schon mal eine Gewinnerin des Projekts «Mall of Switzerland» unbestritten fest. Die Firma Schindler hat sich mit dem Landverkauf die aktuellen Halbjahreszahlen vergolden lassen.

Dank des Verkaufs des Grundstücks in Ebikon, auf welchem das Einkaufs- und Vergnügungszentrum gebaut wird, stieg der Gewinn um 75 Millionen Franken. Dies ist ein schöner Sondereffekt, zumindest für Schindlers Buchhaltung. Ob aus der «Mall of Switzerland» auch ein Gewinn für die Allgemeinheit wird, wird sich zeigen.

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2 Kommentare
  1. Paul Huber, 12.09.2014, 00:39 Uhr

    Schade, dass hier nicht auch die Vorteile aufgezeigt wurden, denn diese gibt es nämlich. Und noch etwas: Wenn wir uns nie verändert hätten, dann würden wir immer noch Höhlen leben.

  2. Daniel Wehner, 11.09.2014, 16:57 Uhr

    Ein Shoppingcenter auf der grünen Wiese zu bauen ist jenseits. Das hat man vor 20 Jahren noch so gemacht. Das Resultat sieht man, Verkehrschaos. Die Mall of Switzerland wird den bereits bestehenden Centers wie Emmen Center die Kundschaft wegnehmen. Ich kennen niemand in meiner Bekanntschaft, der das Mall of Switzerland gut findet. Ausserdem gehen wir zu Fuss oder mit dem Velo in der Umgebung einkaufen. Ein weiteres Stück Land wird verbaut, Investoren aus dem Ausland und ein GU aus Zürich profitieren.