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Drei Luzernerinnen wollen den Modemarkt revolutionieren
  • Kultur
Yasmin Knüsel gehört zu den ersten Abgängerinnen des Bachelors XS Schmuck und kreiert Kostbarkeiten aus Fuchsfell. (Bild: Priska Ketterer )

Hochschule Luzern stellt Abschlussarbeiten aus Drei Luzernerinnen wollen den Modemarkt revolutionieren

4 min Lesezeit 21.06.2019, 13:31 Uhr

An der diesjährigen Werkschau der Hochschule Luzern für Design & Kunst zeigen drei Luzernerinnen ihre selbst kreierten Alternativen zu tierischen Textilien. Im Gespräch mit zentralplus erklären Yasmin Knüsel, Hanna Hüttig und Ramona Teller, wie Pilze zu Leder werden oder warum Füchse für Leben und Tod stehen.

Nachhaltige Textilien sind ein beliebtes Thema der diesjährigen Werkschau im Luzerner Messegelände. Über 230 Absolventen präsentieren bis Ende Juni ihre Arbeiten (siehe Box). Hanna Hüttig und Ramona Teller haben sich für ihr Bachelorprojekt mit knapper werdenden Ressourcen und den negativen Auswirkungen der Modeproduktion beschäftigt. In ihrer wissenschaftlich-experimentellen Grundlagenarbeit forschten die beiden Luzernerinnen nach schnell nachwachsenden, umweltschonenden und biologisch abbaubaren Materialien.

Dabei kamen sie auf den Kombucha-Teepilz, den sie daraufhin selbst heranzüchteten. «Die Pilzzucht braucht im Vergleich zur Baumwollherstellung deutlich weniger Wasser», erklären die beiden gelernten Textildesignerinnen. «Es werden keine Pestizide eingesetzt, die Züchtung kann an verschiedenen Orten stattfinden, wodurch die Transportwege verkürzt werden, und es gibt keine Monokulturen.» Ausserdem seien die Pilzmuster nachhaltig gefärbt.

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Schwierige Pilzzucht

Die Zucht der Pilze gestaltete sich schwierig. Zuerst begannen sie mit dem Myzel zweier Sorten zu experimentieren. «Diese Zucht ist sehr komplex und es muss steril gearbeitet werden.» Weil fachliche Unterstützung und ein Labor fehlten, gelang es den beiden nicht, genügend schimmelfreies Myzel zu züchten. Zudem sei die Textur zu hart und brüchig gewesen. «Nach rund zwei Monaten suchten wir nach einem alternativen Pilz und stiessen so auf den Werkstoff Kombucha.»

Hanna Hüttig (links) und Ramona Teller (rechts) forschen an nachhaltigem Leder aus Teepilz.

Hanna Hüttig (links) und Ramona Teller (rechts) forschen an nachhaltigem Leder aus Teepilz.

(Bild: Priska Ketterer)

Für die Herstellung eines Quadratmeters Kombucha-Leder brauche es 25 Liter Wasser, 2,5 Kilogramm Zucker und 145 Gramm Tee. «Unsere Arbeit besteht darin, Wasser aufzukochen und den Tee 15 Minuten ziehen zu lassen.» Die Wachstums- und Trocknungszeit könnten sie nicht beeinflussen. Dafür sei die Bearbeitung des getrockneten Pilzes sehr zeitintensiv. Die Wachstumszeit des Pilzes dauert rund 20 Tage und das Trocknen danach nochmals rund eine Woche. Das dadurch gewonnene Leder sei zwar noch nicht waschbar, eigne sich aber für Erweiterungen wie beispielsweise Pailletten. «Diese müssen nicht gewaschen werden und stellen eine nachhaltige Alternative zu Plastikpailletten dar», erklären Hüttig und Teller.

Material mit Potenzial

Für das Kombucha-Material sterbe der Pilz nicht, erklären die beiden Entwicklerinnen von FUNGUS TEaXTILE, wodurch keine Lebewesen getötet würden. «Jedes Muster lebt selbst nach dem Trocknen noch weiter und kann sich noch leicht verändern.» So könne der Pilz, nachdem er nass gemacht wird, wieder zusammenwachsen.

«Gerne würden wir mit diesem Werkstoff weiterarbeiten», sagen die Designerinnen. Besonders bei den Pailletten sähen sie grosses Potenzial. «Ausserdem möchten wir an den positiven Eigenschaften des Pilzes weiterforschen und Anwendungsmöglichkeiten finden, wo diese Eigenschaften genutzt werden können.» An der Werkschau kann ihr Ergebnis, haptisch und optisch gestaltete Musterflächen, bestaunt werden.

Von Haar bis Fleisch

Genauso wie die Arbeit von Yasmin Knüsel. Die Luzernerin kreiert Schmuckstücke aus ungenutztem Fuchsfell – und übt so Gesellschaftskritik. In der Schweiz werden jährlich bis zu 30’000 Rotfüchse erlegt oder fallen dem Verkehr zum Opfer. Die meisten Tiere werden ungenutzt über Kadaversammelstellen entsorgt. In der Arbeit von Yasmin Knüsel dient ein einzelner toter Fuchs als Ausgangspunkt, um Schmuckstücke zu entwickeln. Deren jeweiliger Wert soll über den Prozess ihrer Entstehung und die Wertschätzung des Materials hinausweisen.

Werkschau endet Ende Juni

Die Werkschau Design & Kunst 2019 begann am 14. Juni mit der Master-Ausstellung in der Chamer Papierfabrik und dauert bis zum Ende der Bachelor-Ausstellung in der Luzerner Messehalle am Sonntag, 30. Juni. Gezeigt werden die Abschlussarbeiten der Bachelor- und Master-Absolventinnen der Hochschule Luzern. Öffnungszeiten sind täglich von 10.00 bis 20.00 Uhr und am Schlusstag bis 18.00 Uhr. Der Besuch der Ausstellung und des Rahmenprogramms ist kostenlos.

Für Yasmin Knüsel, die schon in ihrer Kindheit auf dem Bauernhof einen Bezug zu Füchsen aufbaute, war der Tatbestand der Verschwendung erlegter Rotfüchse ausschlaggebend für ihre Projektwahl. Zumal tierische Erzeugnisse historisch zu den ersten Schmuckmaterialien überhaupt gehörten.

An der Werkschau werden Schmuckstücke vom kompletten Fuchs ausgestellt – vom Haar bis zum Fleisch. «Jedes fertige Stück behandelt eine eigene Thematik», erklärt Knüsel. «Die Kernaussage ist die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit. Was bleibt nach dem Tod?» Der Fuchs stehe exemplarisch für die Fragilität des eigenen Lebens. 

Ihre Arbeit thematisiere nicht den Pelz, sagt Knüsel. «Ich wählte den Fuchs nicht aufgrund seines Fells, sondern weil Füchse, da sie zivilisationsnah leben, Teil unseres Alltags sind – wenn auch oft unbewusst.» Sie sei sich der umstrittenen Fuchsjagd-Debatte bewusst, erzählt Knüsel. «Ich kenne die Argumente beider Seiten. Meine Arbeit liefert keine Antwort oder klare Positionierung, es ist eine Auseinandersetzung mit dem Fuchs und der Jagd, mit Leben und Tod.» Gleichzeitig sei ihr Projekt auch eine Auseinandersetzung mit den Ursprüngen von Schmuck und somit dessen Sinn und Funktion.

Yasmin Knüsel nutzt einen einzelnen Fuchs als Ausgangspunkt für alle möglichen Schmuckstücke aus Haar bis Fleisch.

Yasmin Knüsel nutzt einen einzelnen Fuchs als Ausgangspunkt für alle möglichen Schmuckstücke aus Haar bis Fleisch.

(Bild: zvg)

Knüsel gehört zu den ersten Abgängerinnen des neuen Bachelor-Studiengangs. «Ich habe mich für XS Schmuck entschieden, weil in diesem Studium viele meiner Interessen und Fähigkeiten zusammenfliessen.» Der Studiengang habe ihr Profil als Gestalterin geschärft und ihre vorherige Grafikausbildung optimal ergänzt. Das Fuchsfell-Projekt sei «ein offengelegter Prozess, der mittendrin eingefroren wurde». Das Potenzial darin sei noch lange nicht ausgeschöpft. «Das Projekt ist ein Einstieg in eine Arbeitsweise, die das Ergebnis meines dreijährigen Studiums ist.»

Szenen-Hotspot

Was die Perspektiven der ersten Schmuckdesigner-Generation der HSLU sind, «wird sich zeigen», sagt Knüsel. «Was wir sind, sieht man an der Werkschau.» Dort werden neben Teepilz-Leder und Fuchsfell-Schmuck fast 200 weitere Projekte ausgestellt. So wird das Luzerner Messegelände auch dieses Jahr wieder zum temporären Hotspot der hiesigen Design- und Kunstszene.

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