Die sichtbaren Folgen steigender Armut
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Armutsbetroffene Personen warten, bis der Laden öffnet und sie im Caritas-Markt in der Stadt Luzern Lebensmittel einkaufen können. (Bild: cha)

Bezüger im Luzerner Caritas-Markt Die sichtbaren Folgen steigender Armut

4 min Lesezeit 1 Kommentar 14.08.2015, 05:00 Uhr

Die «KulturLegi» ist eine Karte für Armutsbetroffene, die ihnen in verschiedenen Bereichen Rabatte gewährt. So auch in den Caritas-Märkten, wo Besitzer der Karte günstig Lebensmittel kaufen können. Jährlich steigt die Zahl der ausgestellten Karten deutlich an – ein Zeugnis wachsender Armut?

Die Schlange vor dem Caritas-Markt in der Stadt Luzern wird immer länger. Diesen subjektiven Eindruck bestätigen auch die Zahlen der Caritas. In diesem Markt haben Armutsbetroffene die Möglichkeit, Lebensmittel und Produkte des alltäglichen Gebrauchs günstiger zu beziehen. Bereits zwanzig Minuten vor Ladenöffnung stehen drei ältere Herren vor dem Eingang.

«Ich bin extrem froh, hier einkaufen zu können», sagt ein Somali in gebrochenem Deutsch. Er wohne bereits seit zehn Jahren in der Schweiz. Obwohl er der Jüngste in der kleinen Gruppe ist, geht er, wie auch die beiden anderen, am Stock. «Ich beziehe eine IV-Rente und habe dadurch Anspruch auf die ‹KulturLegi›». Ein älterer Herr mit Ex-Jugoslawischen Wurzeln mischt sich ein. Auch er geht am Stock, bezieht jedoch eine AHV-Rente. «Es ist ein gutes Angebot und schont das Portemonnaie», gibt er zu verstehen. Aus diesem Grund sei er öfters hier beim Einkaufen anzutreffen.

Massiv mehr Karten ausgestellt

Das morgendliche Bild vor dem Caritas-Markt spricht eine klare Sprache: Die Armut macht auch vor der «reichen» Schweiz nicht halt. Jede zehnte Person lebt unter dem Existenzminimum. Und einer von sieben Schweizern ist von Armut bedroht. Wie stark die Armut auch im Kanton Luzern in den letzten Jahren Einzug hielt und noch immer hält, zeigen unter anderem die massiv steigenden Zahlen der «KulturLegi».

Diese Karte ermöglicht dem Besitzer Zugang zu vergünstigten Angeboten in den Bereichen Kultur, Sport, Bildung und Freizeit. Für die «KulturLegi» berechtigt sind Personen, die wirtschaftliche Sozialhilfe beziehen, IHV- und AHV-Rentner mit Ergänzungsleistungen, Studierende, die Stipendien erhalten oder solche, die am oder unter dem Existenzminimum (siehe Box) leben. Die «KulturLegi» wird seit Anfang 2011 kostenlos abgegeben. Ebenfalls berechtigt diese Karte den Lebensmitteleinkauf in einem der drei Zentralschweizer Caritas-Märkten, die sich in Sursee, Baar und der Stadt Luzern befinden.

Luzern: 5’091 Karten im Umlauf

Dass sich vor Letzterem an so manchem Morgen vor der Öffnung um neun Uhr eine bemerkenswerte Schlange an Menschen bildet, verwundert bei den Zahlen kaum: «Im Kanton Luzern besitzen derzeit 5’091 Personen eine ‹KulturLegi›», erklärt Caritas-Mediensprecher Urs Odermatt auf Anfrage. Allein in den letzten achteinhalb Monaten kamen 262 Karten dazu – das sind knapp 1,2 ausgestellte Karten pro Tag. Zum Vergleich: Anfang 2011 waren gerade mal 1’490 Personen im Kanton Luzern im Besitz der «KulturLegi». In der gesamten Zentralschweiz sind derzeit insgesamt 6’106 Karten im Besitz von armutsbetroffenen Menschen.

«Im Kanton Luzern ist eine Zunahme der Armut zu beobachten.»

Urs Odermatt, Mediensprecher Caritas

Leben unter dem Existenzminimum

Laut Definition leben Personen, deren jährliches Haushaltseinkommen (inklusive Kinderzulagen und Alimente) folgende Summen unterschreitet, am oder unter dem Existenzminimum:

Einzelperson

36'500 Franken

Paare

52'000 Franken

2-Elternfamilie

1 Kind: 63'000 Franken
2 Kinder: 74'000 Franken
3 Kinder: 81'500 Franken
4 Kinder: 89'000 Franken
5 Kinder: 93'000 Franken

Alleinerziehende

1 Kind: 49'000 Franken
2 Kinder: 60'000 Franken
3 Kinder: 67'500 Franken
4 Kinder: 75'500 Franken
5 Kinder: 80'000 Franken

Dieser starke Anstieg von Jahr zu Jahr begründet Urs Odermatt folgendermassen: «Einerseits haben wir uns in den vergangenen Jahren bemüht, verstärkt auf die Karte aufmerksam zu machen.» Schliesslich sollten Betroffene die vergünstigten Angebote auch nutzen, wenn sie schon vorhanden sind. «Andererseits ist aber auch eine Zunahme der Armut im Kanton Luzern zu beobachten.»

«KulturLegi» ist seit 2011 gratis

Den stärksten Anstieg im Kanton war zwischen 2011 und 2012, als sich die Zahl der ausgestellten Karten von 1’490 auf 3’341 mehr als verdoppelte. Urs Odermatt erklärt: «Vor Januar 2011 war die Karte noch kostenpflichtig. Damals haben wir die Gebühr abgeschafft, da es keinen Sinn macht, dass Armutsbetroffene dafür auch noch zahlen müssen. Der starke Anstieg über das Jahr 2011 ist daher eine logische Konsequenz.» Ebenfalls auffällig ist die Anzahl der ausgestellten Karten im Kanton Schwyz, die von Anfang 2014 bis Ende 2014 von 119 auf ganze 1’354 Karten wuchs.

Zum halben Preis

Über die Verteilung der Karte auf die Nationalitäten führt die Caritas keine Korrespondenz. Allerdings wird klar, dass der Grossteil der Besitzer einer «KulturLegi», die diese auch zum Einkaufen im Caritas-Markt nutzen, zugewandert ist. Grundsätzlich strebt der Caritas-Markt eine Preisreduktion von 50 Prozent zum offiziellen Verkaufspreis ihrer Produkte an.

Ausgestellte «KulturLegi»-Karten

  01.01.11 01.01.12 01.01.13 01.01.14 31.12.14 August 2015
Luzern 1’490 3’341 3’662 4’063 4’829 5’091
Nidwalden 17 114 85 97 114
Obwalden 16 66 88 80 90
Schwyz 26 52 69 119 1’354
Uri 4 7 17 9 5
Zug 68 452 499 562 634
Gesamte Zentralschweiz 1’621 4’032 4’420 4’870 5’807 6’106
Günstiger einkaufen im Caritas-Markt

Die Hilfsorganisation Caritas führt in der Zentralschweiz drei Lebensmittel-Läden. In den Märkten in Baar, Sursee und in der Stadt Luzern können so armutsbetroffene Personen Lebensmittel und Produkte des alltäglichen Bedarfs zu vergünstigten Konditionen kaufen. Diverse Lieferanten bieten dem Caritas-Markt diese Produkte sehr günstig oder gar gratis an. So kann das Problem der teuren Vernichtung von Produkten aus Überbeständen, Falschlieferungen und Liquidationen umgangen werden.

Die drei Zentralschweizer Märkte verzeichneten im letzten Jahr einen Umsatz von 1’365’000 Franken (+ 21,5 Prozent zum Vorjahr). Täglich tätigten durchschnittlich 454 Personen auf alle drei Märkte verteilt über das gesamte Jahr 120’042 Einkäufe (+ 16 Prozent zum Vorjahr).

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1 Kommentare
  1. Christian Sterchi, 14.08.2015, 20:45 Uhr

    Während die Kulturlegi grundsätzlich eine sinnvolle Sache ist, hätte mit wenig Recherche festgestellt werden können, dass im Caritas-Markt viele Artikel TEURER sind, als im herkömmlichen Supermarkt. Wer auf günstige Lebensmittel angewiesen ist, kauft besser die Günstig-Produkte von Coop und Migros oder kauft gleich bei Altin oder Lidl ein. Die Caritas bereichert sich mit ihren Märkten an Menschen die es nicht besser wissen und an solchen, die mit Gutscheinen dort einkaufen müssen. Nicht gerade ein feiner Zug von einem Hilfswerk.

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