Die Lösung für das Zuger Verkehrsproblem?
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Vortritt fürs Velo? In Zug kommt man mit dem Fahrrad grundlegend gut durch. Hie und da gibts allerdings Probleme. (Bild: pbu)

Velotour durch die Stadt Zug Die Lösung für das Zuger Verkehrsproblem?

7 min Lesezeit 21.02.2016, 12:00 Uhr

Mit einem Masterplan soll Zug velotauglich getrimmt werden. Nur: Wo liegt eigentlich das Problem? Und wird aus Zug jetzt eine Velo-Stadt? zentral+ schwang sich auf den Drahtesel und ging, oder besser gesagt radelte auf Spurensuche.

Ist Zug eine Velo-Stadt? Glaubt man dem jüngst erstellten «Masterplan Velo», muss in dieser Hinsicht noch einiges getan werden. Ein Flickwerk sei das Wegnetz, befand Gemeinderätin Astrid Estermann und verlangte vom Stadtrat, die städtischen Veloverbindungen zu verbessern.

Nun denn, der Plan ist erstellt. Estermanns Forderungen werden kurz- oder langfristig umgesetzt. In der Zwischenzeit wollen wir uns allerdings selber ein Bild von den Verhältnissen auf Zuger Velowegen machen. Unvoreingenommen stellen wir unsere «Tour de Zoug» zusammen und schwingen uns auf den Drahtesel.

1. Etappe: Theater Casino – Podium41

Ein letzter Check: Die Veloreifen sind gepumpt, die Kette ist frisch geölt und das rechte Hosenbein auf Wadenhöhe hochgekrempelt. Es kann losgehen. Für einmal scheint sogar die Sonne. Perfekt. Wir starten beim Theater Casino und wollen auf direktem Weg ins Podium41. Die Strecke bis zum Kolinplatz und erst recht die Neugasse sind ein verkehrstechnisches Desaster. Gut für den Velofahrer, denn dieser wird über die Pflastersteine der Unter Altstadt und des Landgemeindeplatzes gelotst.

Menschenleere Altstadtgassen. Den Velofahrer freuts.

Menschenleere Altstadtgassen. Den Velofahrer freuts.

(Bild: pbu)

Abgesehen vom Gerumpel hat es durchaus seinen Reiz, so durch den historischen Kern der Stadt zu radeln. Sightseeing inklusive. Ein weiteres Plus: Keine Autos, keine Passanten – einmal mehr zeigt sich, dass die Zuger Altstadt die Ruhe selbst ist (zentral+ berichtete).

So lässt es sich Fahrradfahren.

So lässt es sich Fahrradfahren.

(Bild: pbu)

Auf Höhe der kantonalen Verwaltung wird es dann so richtig gemütlich. Die Pflastersteine weichen hier glattem Asphalt. Die «Velobahn» muss man sich zwar mit Fussgängern teilen, aber die Platzverhältnisse sind geradezu luxuriös. Eine Wonne – und das entlang einer der Hauptverkehrsachsen. Freundlich grüsst der Velokurier, so lässt es sich radeln.

Der Schein trügt aber offenbar. Severin Haupt vom «Velokurier Luzern Zug» findet, dass die vorherrschenden Verhältnisse nicht genügen: «Sie führen an einigen Stellen eher dazu, Velofahrer aus der Stadt zu vertreiben. Mehrere Velowege sind zwar vorhanden, leider jedoch nicht durchgehend.» Der gemeinsame Velo- und Fussweg am Quai entlang sei ein schöner Ansatz. «Eine klar abgetrennte Velospur wäre aber notwendig. Wer bei angenehmen Wetter, wenn viele Leute unterwegs sind, zügig Velofahren will, fährt auf der Strasse. Dem Fussgänger-Velofahrer-Klima zuliebe.»

2. Etappe: Podium41 – Bahnhof

Von Krisenklima ist heute nichts zu spüren. Aber vielleicht liegt das an der Jahreszeit. Guter Stimmung wird das Podium41 erreicht, die Freude währt allerdings nicht lange. Erste Probleme tauchen auf. Denn um zum Bahnhof zu gelangen, muss nun die Chamerstrasse überquert werden.

Keine Leichtigkeit. Der Verkehr ist dicht, von beiden Seiten brausen nonstop Autos und LKW’s vorbei. Es hat keinen Zweck, da tut sich keine Lücke auf. Niemand hält an. Eine sichere Querung der Chamerstrasse ist auf zwei Rädern ein schwieriges Unterfangen. Es bleibt nichts anderes übrig, als vom Fahrrad zu steigen und den Fussgängerstreifen zu nutzen.

Eine heikle Strassenkreuzung. Besser absteigen?

Eine heikle Strassenkreuzung. Besser absteigen?

(Bild: pbu)

 

Unter den Bahngeleisen durch geht es anschliessend direkt auf die General-Guisan-Strasse zu. Wieder eine viel befahrene Hauptachse. Hier kann man sich nun nicht mehr auf einer «Velobahn» vertun, sondern ist unmittelbar ins Verkehrsgeschehen miteingebunden. Die Velofahrer gingen hier aber nicht ganz vergessen: Die Velospur ist bis zum Bahnhof durchgehend markiert und bietet genügend Platz. Das gilt auch für die anschliessende Gubelstrasse.

3. Etappe: Bahnhof – Kantonsschule

«Im Vergleich mit anderen Städten in Nordeuropa ist Zug kaum eine Velo-Stadt», sagt Christian Steiger. Er ist Rektor an der Kantonsschule Zug und beklagt insbesondere die mangelnde Erreichbarkeit der Schulhäuser. «Gerade die Kanti ist von Süden und Westen mit dem Velo nicht so gut erreichbar. Wichtige Verkehrsachsen müssen befahren oder gekreuzt werden.» Dabei könne man davon ausgehen, dass bei einer besseren Erschliessung der Schulen die Räder vermehrt für den Schulweg genutzt würden, so Steiger.

Hätte man den Veloweg nicht abseits der Hauptstrasse verlaufen lassen können?

Hätte man den Veloweg nicht abseits der Hauptstrasse verlaufen lassen können?

(Bild: pbu)

Also machen wir uns nun auf zur Kantonsschule. Auf der Gubelstrasse gehts geradeaus bis zur Kreuzung Baarerstrasse. Ganz wohl ist einem hier wirklich nicht, trotz verkehrsregelnden Ampeln. Im Morgengrauen während dem Berufsverkehr möchte an dieser Stelle niemand lange verweilen. Wir strampeln bis zur Industriestrasse. Links abgebogen geht es auf dieser bis zum Lüssiweg. Auf der Industriestrasse hat es etwas weniger Verkehr. Und innerhalb der markierten Velostreifen kommt man gut voran.

Das ändert sich allerdings beim Abbiegen auf den Lüssigweg. Es gilt Tempo 30 und nach markierten Velostreifen sucht man hier vergebens. Die Strasse ist eng. So ist man geneigt, aufs Trottoir auszuweichen, gerade wenn von beiden Seiten Autos auf einen zukommen. Der markierte Geh- und Radweg auf höhe Kantonsschule dient hier lediglich der Überquerung des Lüssiwegs auf den Lauriedhofweg.

 

Ende des Veloweges – und will man geradeaus weiter, kommt auch lange keiner mehr.

Ende des Veloweges – und will man geradeaus weiter, kommt auch lange keiner mehr.

(Bild: pbu)

So ganz befriedigend ist das nicht. Findet auch Kanti-Rektor Steiger. «Da könnte was gemacht werden. Auch wenn es schwierig ist, nachträglich an einem bestehenden Verkehrsnetz für Motorfahrzeuge passende Änderungen anzubringen. Zudem sind zwischen See und Berg die räumlichen Verhältnisse ziemlich eng.»

4. Etappe: Kantonsschule – Hallenbad Loreto

Wir nehmen das Stichwort «Berg» auf und fahren weiter in Richtung Hallenbad Loreto. Wir meiden das Trottoir, denn Passanten führen ihre Hunde spazieren. Wohl oder übel müssen wir auf dem velounfreundlichen Lüssiweg bleiben. Die Strasse steigt immer stärker an. Die Fahrt verlangsamt sich, so dass es sich anfühlt, als ob die Autos trotz der Höchstgeschwindigkeit von 30km/h an einem vorbeirasen. Mit brennenden Oberschenkeln und Schweissperlen auf der Stirn erreichen wir die Kreuzung Alte Baarerstrasse.

Auch hier gilt Tempo 30. Und noch immer geht es bergauf. Wir haben allerdings Glück. Auf unserer Strassenseite tauchen auf einmal Velostreifen auf. Erstaunlich, wie diese gelben Striche das Sicherheitsgefühl merklich erhöhen. Umso unverständlicher, dass die Strasse nur einseitig damit bemalt ist.

5. Etappe: Loreto – Pädagogische Hochschule

Nichtsdestotrotz sind wir heil beim Hallenbad Loreto angekommen. Eine kurze Verschnaufpause tut gut, denn wir biegen nun in die Loretostrasse ein. Diese sei der Schreck eines jeden Fahrschülers, so sagt man. Bald wird auch klar, weshalb.

Der Strassenverlauf steigt nochmals stark an. Wer nur drei Gänge am Velo hat, der hat schnell das Nachsehen und befördert seinen Drahtesel zu Fuss den Hang hinauf. Die Kreuzung Loretostrasse-Ägeristrasse ist eine einzige Fehlkonstruktion. Über einen Steilhang muss man sich in den Verkehr der Hauptstrasse einfügen. Während man an der Kreuzung wartet, steht man überdies direkt auf einem Fussgängerstreifen. Das hat mit Verkehrssicherheit nichts mehr zu tun.

Nicht nur für Autofahrer eine heikle Stelle.

Nicht nur für Autofahrer eine heikle Stelle.

(Bild: pbu)

Auf einmal tut sich eine Lücke auf. Wir nutzen die Gelegenheit und treten in die Pedale. Die Ägeristrasse wird links liegen gelassen, mit erhöhtem Adrenalinspiegel fahren wir geradeaus auf die Fadenstrasse. Eigentlich eine Einbahnstrasse, doch für Fahrräder gilt dies nicht.

Beim Verein «Pro Velo Zug», der am Masterplan mitgearbeitet hat, bedauert man, dass der Netzgedanke nicht stärker verfolgt wurde. Vereinsvertreter Patrick Steinle denkt nicht, dass Zug so zur Velo-Stadt wird: «Die punktuellen Verbesserungen werden dafür nicht ausreichen. Was es braucht sind insgesamt besser wahrnehmbare Routen, sowohl bezüglich Ausbau, als auch Markierung und Beschilderung.»

Diesen Eindruck können wir bestätigen. Wegmarkierungen sind Mangelware, von Beschilderung möchte man schon gar nicht sprechen. Immerhin wird es auf unserer Strecke nun wieder angenehm, obwohl die Strasse nach wie vor eine leichte Steigung aufweist. Zwischen netten Häuschen und bei wenig Verkehr kommen wir über Bohl- und Kirchmattstrasse unbescholten an der Pädagogischen Hochschule an.

Mit Tempo den Hang hinunter – ganz ohne Velostreifen.

Mit Tempo den Hang hinunter – ganz ohne Velostreifen.

(Bild: pbu)

6. Etappe: Pädagogische Hochschule – Theater Casino.

Jetzt brauchts gute Bremsen. Die zuvor erstiegenen Höhen geht es nun wieder runter. Mit Vollgas vorbei am heiligen Michael. Aber Achtung: Es naht die Zugerbergstrasse. Und diesmal sind wir auf der Verliererseite. Denn die Velostreifen beschränken sich auf die berggerichtete Fahrbahn. Achtsamkeit tut Not, das gilt besonders für Geschwindigkeitsfanatiker. Im Nu sind wir unten an der Kreuzung zur Artherstrasse. Hat man diese überquert, ist man – et voilà – am Ziel.

Zug ist nicht Amsterdam

Zug ist zwar keine Velo-Stadt – so unser Tour-Fazit. Aber grundsätzlich ist sie gar nicht so weit davon entfernt, eine zu sein. Das Radnetz ist stellenweise gut ausgebaut, es bestehen jedoch einige Lücken. «Die Velowege sind unterbrochen und die sichere Querung der Stadt ist erschwert», sagt Kanti-Rektor Steiger. Damit trifft er den Nagel auf den Kopf.

Der «Masterplan Velo» ist ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Es stimmt positiv, dass der Stadtrat innerhalb der nächsten zwei bis vier Jahren einige Problemstellen anpacken will. «Die Förderung des Langsamverkehrs dürfte eine Lösung des gesamten Verkehrsproblems der Stadt sein», sagt Viktor Zoller, Co-Präsident von Pro Velo Zug. Das wiederum ist ein hoch gestecktes Ziel.

Strassenverkehrsunfälle mit Beteiligung mindestens eines Fahrrads (2012 bis 2014)

Visualisierung der anonymisierten und lokalisierten Strassenverkehrsunfälle mit Personenschaden und Beteiligung mindestens eines Fahrrads (inkl. Fahrräder mit elektrischer Tretunterstützung) der Jahre 2012 bis 2014. Quelle: Bundesamt für Strassen.

Visualisierung der anonymisierten und lokalisierten Strassenverkehrsunfälle mit Personenschaden und Beteiligung mindestens eines Fahrrads (inkl. Fahrräder mit elektrischer Tretunterstützung) der Jahre 2012 bis 2014. Quelle: Bundesamt für Strassen.

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