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Die Enklave der Leisen auf der Zwischennutzung NF49
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Der Luzerner Seetalplatz wird zu Ehren des vor 100 Jahren ausgezeichneten Schriftstellers Carl Spitteler zum Lyrikweg. (Bild: Luisa Tschannen)

Ein Lyrikweg auf dem Emmer Verkehrsknotenpunkt Die Enklave der Leisen auf der Zwischennutzung NF49

4 min Lesezeit 08.06.2019, 14:07 Uhr

Vor 100 Jahren erhielt Carl Spitteler den Literaturnobelpreis. «Literatur mobil» nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, zu zeigen, wie  sich zeitgenössische Schriftstellerinnen der Schweiz von den Texten Spittelers inspirieren lassen. Die so entstandene Lyrik wird im Lyrikweg ausgestellt.

Lyrische Texte stehen auf weissen Schildern geschrieben, Schilder, die wie Gebetstafeln aus einem Haufen Schutt und trockener Erde in einen düsteren Himmel ragen: Regenwetter steht bevor, am Abend dieser Eröffnung des Lyrikweges.

Der Lyrikweg – in der Brachenlandschaft der Zwischennutzung NF49 auf einem kleinen Hügel anzutreffen – ist eine Ansammlung von Schildern, auf denen Texte zu lesen sind. Auf dem Gelände von NF49 findet während der Installationszeit auch ein Mittagstisch und Lesungen statt. Nichtsdestotrotz schaut der Weg wie ein Friedhof der sterbenden Gattung Poesie aus, die hier, in der Mitte des gigantischen Verkehrsknotenpunktes Seetalplatz, mit ihrer leisen, zarten Art den lauten, überreizten Städten trotzt.

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Mobil, temporär und abwechslungsreich

Das Logo des Lyrikwegs prangt auf einem weissen Schild, welches an der Wand befestigt ist, die das Gelände von NF49 vom Verkehrsgeschehen des Seetalerplatzes abschirmt. Das Logo zeigt die Zahl des heutigen Jahres 2019 in moderner Schriftart sowie die Jahreszahl 1919 in Fraktur. Das ist jene Schriftart, die damals im deutschsprachigen Raum am weitesten verbreitet war.

Damit weist das Logo auf das Konzept des Lyrikweges hin: 70 Schreibende liessen sich von den Texten Spittelers inspirieren, um zeitgenössische Lyrik für den Lyrikweg zu verfassen. Der Lyrikweg ist mobil und temporär, das heisst, dass er während des Sommers an verschiedenen Orten aufgebaut werden wird, mit jeweils anderen Texten.

So schlängelt er sich zum Beispiel von Ende August bis Mitte September den Carl-Spitteler-Quai hinab, den Spazierweg entlang bis zu den Museggtürmen. Weitere Standorte des Lyrikwegs können der Website literatur-mobil.ch entnommen werden.

Ehrung des Schweizer Autors Carl Spitteler

Carl Spitteler, dessen Verleihung des Literaturnobelpreises sich 2019 zum 100. Mal jährt, war ein Schweizer Autor und lebte in Luzern. «Prometheus und Epimetheus» war sein erstes literarisches Werk, doch erst mit dem Versepos «Olympischer Frühling» gewann er an Beachtung.

In einem Brief des Dichters Gottfried Keller lobt dieser Spittelers «Prometheus und Epimetheus» mit folgenden Worten: «Die Sache kommt mir beinahe vor, wie wenn ein urweltlicher Poet aus der Zeit, wo die Religionen und Göttersagen wuchsen und doch schon vieles erlebt war, heute unvermittelt ans Licht träte und seinen mysteriösen und grossartig naiven Gesang anstimmte.»

«Öde Leere» wird zum Treffpunkt

Der nomadische Charakter der begehbaren Installation Lyrikweg entspricht auch dem Charakter des Ortes, auf welchem der Lyrikweg am vergangenen Freitag Premiere feierte. Das Gelände NF49 wird vom Verein Platzhalter während 3 Jahren als Zwischennutzung bespielt. Die Brache soll, statt eine öde Leere inmitten eines Durchgangsortes zu sein, zu einem Treffpunkt werden.

Ein langer Weg ist es, um eine Brache mit Leben zu füllen, und damit passt auch der Lyrikweg ins Konzept, denn diesen gilt es lesend zu beschreiten und sich dabei Zeit zu lassen, da Poesie den Lesern nicht immer laut entgegenspringt – sich erst entfalten muss in den Gedanken der Leser, um der Stille Raum zu schaffen­ – anders, wie es zum Beispiel ein Youtube-Video täte.

Wie Gebetstafeln ragen die mit Lyrik versehenen Schilder aus der Brache des NF49 auf dem Seetalplatz.

(Bild: Luisa Tschannen)

Doch genau darin liegt die Schönheit der Poesie, einer mittlerweile unkonventionellen Kunst, die differenziertes und vielschichtiges Wahrnehmen in den Mittelpunkt stellt. Subjektive, menschliche Existenzerfahrungen zu versprachlichen versucht.

Schilder des Lyrikweges werden zu Gebetstafeln

Als an der Eröffnung zwei der anwesenden Autoren ihre Gedichte vorlasen, liess dies die Anwesenden vorsichtig zurück, als hätte das Dabeisein von Lyrik die Menschen einen friedvollen Teil ihrer Geister aufsuchen lassen. So war die Eröffnung mit Lesung und Apéro ein angenehmer Anlass, eine Enklave der Leisen.

In der Mitte des Verkehrsknotenpunkts, auf dem Ödland, die Dichterinnen, draussen das laute Bauen und Donnern unserer Zeit. Die Schilder des Lyrikweges ragen aus der Erde wie Gebetstafeln, die den Standort Verstorbener kennzeichnen. So hat die Poesie auch den Künstler und Begründer von «Literatur mobil», Niklaus Lenherr, immer wieder aus den schweren Zeiten seines Lebens geholfen. «Poesie hat mir das Leben gerettet» erzählt er, «immer dann, wenn gar nichts mehr ging».

Die letzte durch «Literatur mobil» kurierte Installation war «Mit Poesie auf Berg- und Talfahrt», als 39 Urner Seilbahnen mit Lyrik bestückt durch die Berge gondelten. Unaufdringlich anwesend standen die Texte den Reisenden nebst der schönen Aussicht auf die Urner Alpen zur Verfügung.

Bis in den Oktober hinein finden Veranstaltungen rund um den Lyrikweg statt. Das detaillierte Programm hier.

Noch bis im Oktober können Veranstaltungen rund um den Lyrikweg besucht werden.

(Bild: Luisa Tschannen)

 

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