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«Die Blockchain-Technologie ist nicht mehr rückgängig zu machen»
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Der 27-jährige Entwickler Reto Trinkler wird als einer der vielversprechendsten Schweizer Blockchain-Köpfe gehandelt. (Bild: wia )

Zug: Reto Trinkler will Hedgefondsmarkt umkrempeln «Die Blockchain-Technologie ist nicht mehr rückgängig zu machen»

9 min Lesezeit 24.09.2017, 05:07 Uhr

Wenn es nach Reto Trinkler geht, dann ist die Bankenszene, wie wir sie heute kennen, dem Tode geweiht und Blockchain-Technologien werden in unserem Alltag bald gang und gäbe sein. Mit einer Ex-Bankerin will der 27-Jährige von Zug aus nichts Geringeres als die Revolutionierung der Vermögensverwaltung angehen.

Zwei junge Leute wollen mithilfe der Blockchain-Technologie eine Vermögensverwaltung ins Leben rufen, die ganz ohne Bank auskommt. Eine jugendliche Schnapsidee? Mitnichten. Die beiden werden in Finanzmedien als «genial» bezeichnet, die «Bilanz» betitelt den Mitbegründer Reto Trinkler als «hierzulande einen der besten Blockchain-Entwickler überhaupt».

Melonport hat seinen Sitz in Zug, gleich neben dem Parkhotel. Und dort treffen wir Trinkler zum Interview. Der junge Mann wirkt anfangs scheu. Umso mehr erstaunt die Klarheit seiner Aussagen. Und noch bevor das Interview über Blockchains und Bitcoins richtig Fahrt aufgenommen hat, nimmt es beinahe philosophische Züge an. Nämlich mit der Frage, warum Trinkler sein Mathestudium an der ETH abgebrochen hat.

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Reto Trinkler: Ich denke, man sollte das Leben in seiner Ganzheit betrachten. Denn unsere Zeit hier ist sehr begrenzt. Ich bin einfach überzeugt, dass jeder Mensch, jeder von uns, sehr viel Potenzial mit sich mitbringt. Und es ist schade, wenn man dieses Potenzial nicht nutzt.

«Plötzlich glichen die bisherigen technischen Lösungen einer Brieftaube, die sich gegenüber einer E-Mail rechtfertigen muss.»

Reto Trinkler, Mitbegründer von Melonport

zentralplus: Und Ihr Potenzial sahen Sie offenbar besser ausgeschöpft, indem Sie Ihr eigenes Ding machten und das Studium an den Nagel hängten?

Trinkler: Ursprünglich wollte ich eigentlich Banker werden. Nach der grossen Bankenkrise von 2008 wurde mir je länger je klarer, was dort passiert ist. Und ich merkte, dass ich nicht Teil sein wollte von diesem ganzen System. 2012 hörte ich das erste Mal von Blockchain und Bitcoin. Und ich nahm diese Technologien als revolutionär wahr, als zukunftsträchtig. Plötzlich glichen die bisherigen technischen Lösungen einer Brieftaube, die sich gegenüber einer E-Mail rechtfertigen muss. Aus meiner Sicht werden Banken, wie sie heute bestehen, keine Zukunft haben.

zentralplus: Das ist aber eine Ansage!

Trinkler: Jedenfalls werden Banken in Zukunft nicht mehr auf die Art existieren, wie sie es heute tun. Natürlich haben sie ihre Berechtigung – manchmal hat ja auch die gute alte Brieftaube noch ihre Berechtigung – doch Banken werden sicher nicht mehr systemführend sein.

Was sind Smart Contracts?

Mittels Smart Contracts lassen sich Verträge elektronisch aufsetzen, ohne dass etwa ein Anwalt engagiert oder ein schriftliches Dokument aufgesetzt werden muss. Die hinterlegten Vertragsbedingungen werden automatisch überwacht. Treffen vertraglich geregelte Eventualitäten ein, werden automatisch Aktionen, etwa Auszahlungen ausgeführt. Ein Beispiel dafür wäre eine Versicherung im Falle von Flugverspätungen. Im Smart Contract hinterlegt sind die Angaben des Reisenden und jene des Fluges. Ist dieser verspätet, wird automatisch eine Entschädigung an den Reisenden ausgezahlt. Das alles funktioniert ohne Institution respektive Versicherung im Hintergrund.

zentralplus: Sie sind in Steinerberg im Kanton Schwyz aufgewachsen. Einem Ort, der womöglich etwas konservativer tickt als etwa Zug. Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert, als Sie diesem erklärten, was Sie machen möchten in Ihrem Leben?

Trinkler: Das war anfangs schwierig. Wie gesagt, das war 2012, damals gab es noch kaum Leute, die sich mit Blockchain befassten. Entsprechend konnte ich ihnen kein Beispiel dafür liefern, was ich machen will. Deshalb waren meine Eltern anfangs ziemlich besorgt. Mittlerweile sind sie aber sehr stolz auf mich.

zentralplus: Und dennoch ist die Gesellschaft noch sehr skeptisch gegenüber Crypto-Technologien. Kaum einer blickt beim Thema durch und die Entwicklung geht sehr schnell. Das ist unheimlich.

Trinkler: Durchaus. Auch ich kann jeden Tag Neues dazulernen. Es gibt noch andere Technologiebereiche, die sich entsprechend schnell entwickeln, wie etwa die künstliche Intelligenz. Es wird sich zeigen, wo das hinführt.

zentralplus: Also können Sie diese Ängste nachvollziehen?

Trinkler: Ja, das ist menschlich. Wenn etwas Neues auftaucht, will man erst einmal nichts damit zu tun haben und wünscht sich das Alte zurück. Das ist nicht schlecht und letztlich ein Überlebensinstinkt. Doch ich glaube, wir werden uns daran gewöhnen.

zentralplus: Auch wenn wir diese Technologien nicht ganz verstehen?

Trinkler: Ja. Blockchain wird überall sein, so wie auch das Internet überall ist. Und dieses ist heute für viele Leute wie ein Freund – obwohl sie keine Ahnung haben, wie es genau funktioniert.

zentralplus: Was sind denn die Vorteile von Blockchain?

Trinkler: Es gibt viele. Es ist technisch besser, ausserdem sind Blockchain-Lösungen günstiger und viel schneller als die herkömmlichen. Wenn ich etwa heute eine Bankzahlung mache, kann es bis zu fünf Tagen dauern, bis diese ausgeführt wird. Das macht im Zeitalter des Internets nicht mehr wirklich Sinn. Es ist schwierig erklärbar, warum etwas in der Komplexität einer E-Mail so lange braucht.

«Ich glaube, die Leute merken, dass bei unserem Finanzsystem etwas schiefläuft. Die Menschen sind schlau.»

zentralplus: Was spricht sonst noch für Blockchain-Lösungen?

Trinkler: Etwa, dass Phänomene wie Negativzinsen einer Bank mittlerweile gang und gäbe sind. Das hätte ich mir früher nie vorstellen können. Ich habe Geld auf der Bank und zahle noch zusätzlich, nur damit ich mein Geld dort lassen darf. Das ist komplett abstrakt. Ich glaube, die Leute merken, dass da etwas schiefläuft. Die Menschen sind schlau.

zentralplus: Und bei diesem Misstrauen setzen Sie mit Ihrem Unternehmen Melonport an. Gemeinsam mit der Ex-Bankerin Mona El Isa wollen Sie nun die Vermögensverwaltung mittels Blockchain revolutionieren. Wie muss man sich das vorstellen?

Trinkler: Das meiste Geld auf der Welt ist in Hedgefonds angelegt. Und wir wollen den Leuten eine Alternative schaffen. Anstatt dass sie ihr Geld einer Bank überlassen, wird dieses mittels Blockchain auf verschiedensten kleinen Hedgefonds verteilt. Dabei kann der Anleger frei entscheiden, wo sein Geld angelegt wird. Zudem wird mittels Smart Contract (siehe Box) sichergestellt, dass die Buchhaltung sauber gemacht wird. Letztlich hat der Anleger jederzeit Zugriff auf sein Geld – ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

zentralplus: Werden Sie von den Banken als Konkurrenz erachtet?

Trinkler: Ich hoffe es.

zentralplus: Mittlerweile beginnen auch einige Banken selbst, die blockchain-basierte Vermögensverwaltung voranzutreiben. Braucht es Sie dann noch?

Trinkler: Es stimmt, die Banken wollen seit Jahren auf diesen Zug aufspringen. Sie versuchen, sich selber zu revolutionieren. Das fundamentale Problem ist jedoch, dass sie die nötigen Ressourcen, das technische Humankapital nicht haben. Es fehlt ihnen an Programmierern.

«Bloss sind die besten Fachleute der Welt nicht am Geld interessiert. Die wollen die Welt verändern und verbessern.»

zentralplus: Es dürfte ein Leichtes sein, diese Leute zu finden.

Trinkler: Bloss sind die besten Fachleute der Welt nicht am Geld interessiert. Die wollen die Welt verändern und verbessern. Egal, wie viel Geld man ihnen anbietet; die kommen nicht, wenn sie selber nicht daran glauben.

zentralplus: Zurück zu Melonport. Im Moment ist Ihre Testversion online. Im Februar 2018 gilt’s ernst. Was passiert dann?

Trinkler: Ich hoffe, dass wir den Leuten zeigen können, dass es eine Alternative gibt zur herkömmlichen Vermögensverwaltung. Und ich hoffe, dass die Idee so gut ist, dass sie – ganz im Sinne von Open Source – von anderen aufgegriffen und verbessert werden kann.

zentralplus: Hand aufs Herz. Jeder Mensch hat doch ein Ego. Können Sie tatsächlich damit umgehen, wenn nun jemand kommt, Ihre hart erarbeitete Idee übernimmt und dann kurzum selber verbessert?

Trinkler: Ja, absolut. Ich fände das schön.

zentralplus: In Fachmedien werden Mona El Isa und Sie hochgelobt, gar als genial bezeichnet. Was halten Sie von solchem Lob?

Trinkler: Es ist wahnsinnig schmeichelnd. Doch ich glaube, wie bereits erwähnt, dass wir alle ein wahnsinniges Potenzial haben. Und ich versuche nur, diesem gerecht zu werden. Ich glaube nicht, dass ich anders bin als andere. Was ich mache, setzt mutige Entscheidungen und sehr viel harte Arbeit voraus. Nur sehen die Leute diesen Teil nicht.

«Blockchain ist nun ein Fakt des Lebens, mit dem man umzugehen lernen muss.»

zentralplus: Was braucht es, damit Blockchain-Technologien in der Schweiz grösser werden können?

Trinkler: Zeit. Ich denke, in der Schweiz sind wir sehr gut positioniert, was Blockchain angeht, insbesondere mit dem Standort Zug. Vielleicht ist uns Singapur etwas voraus. Aber nicht viel. In den USA ist die Gesetzeslage bereits schon zu restriktiv, als dass sich das Potenzial der Unternehmen frei entfalten könnte. Und bei uns setzt sich sogar der Bundesrat dafür ein, dass diese Freiheiten bestehen bleiben.

zentralplus: Erstaunlich, dass gerade der konservative Bundesrat Johann Schneider-Ammann der Crypto-Entwicklung so positiv gegenübersteht.

Trinkler: Ich denke, der Grund dafür ist, dass Blockchain nicht rückgängig zu machen ist. Es ist ein Fakt des Lebens, mit dem man umzugehen lernen muss.

zentralplus: Dann würden Sie den Leuten raten, sich grundsätzlich gegenüber der Technologie zu öffnen?

Trinkler: Es gibt ein schönes Zitat des Technikhistorikers Melvin Kranzberg. «Technologie ist weder gut noch schlecht; noch ist sie neutral.» Es geht in beide Richtungen. Es gibt Technologien, die Menschen überwachen und Geldflüsse kontrollieren wollen. Handkehrum gibt es jene Technologien wie Blockchain, die Menschen befreien wollen. Durch sie wird beispielsweise verhindert, dass Geldflüsse zu stark kontrolliert werden. Weiter ist Blockchain etwas sehr basisdemokratisches.

«Es ist sehr schweizerisch, dem Bürger zu vertrauen. Ob er nun ein Bankgeheimnis oder ein Sturmgewehr zu Hause hat.»

zentralplus: Inwiefern?

Trinkler: Jeder kleinste Nenner im Netzwerk kann mitmachen und etwas bewegen. In vielerlei Hinsicht ist Blockchain etwas, das zur Schweiz passt. Es ist sehr schweizerisch, dem Bürger zu vertrauen. Ob er nun ein Bankgeheimnis oder ein Sturmgewehr zu Hause hat. Wenn nun der Bürger mehr Freiheiten hat, sein Geld zu verwalten, seine eigene Bank, ja gar sein eigener Hedgefond zu sein, ist das etwas Gutes.

zentralplus: Die Währung Bitcoin scheint derzeit zwar in der Krise zu stecken. Es braucht nämlich eine riesige Rechenleistung und sehr viel Strom, um Bitcoins zu erschaffen, ergo haben nun Grossorganisationen angefangen, riesige Mengen zu schürfen. Diese Entwicklung birgt die Gefahr, dass eine mächtige Gruppe – etwa eine Bevölkerung – diese sogenannten Schürfkapazitäten derart ausbauen könnte und damit das System so manipulieren könnte, dass die Währung zusammenbricht. Das widerspricht Ihrer These des Basisdemokratischen.

Trinkler: Es stimmt schon, dass gewisse Unternehmen mehr Einfluss haben als andere in diesem Netzwerk. Der Kern von Bitcoin ist dennoch, dass die Macht verteilt wird.

«Wenn etwas zu Ende geht, gibt es Platz für Neues. Es ist eher problematisch, wenn etwas eben nicht zu Ende gehen kann.»

zentralplus: Und doch ist es nun durchaus möglich, dass Bitcoin an genannten Manipulationen zugrunde geht.

Trinkler: (Er schmunzelt.) Ich argumentiere nun wieder im Kontext der Endlichkeit, die an sich ein sehr schönes Konzept ist. Wenn etwas zu Ende geht, gibt es Platz für Neues. Es ist eher problematisch, wenn etwas eben nicht zu Ende gehen kann. Wenn es zu wichtig ist dafür. Denn genau das haben wir 2008 gesehen.

zentralplus: Ich nehme an, sie sprechen die «Too big to fail»-Problematik an.

Trinkler: Eigentlich wäre dieses System der Banken an der Überschuldung gescheitert. Doch das durfte nicht passieren, da zu viele Menschen ihr Geld verloren hätten. Man durfte diesen Patienten nicht sterben lassen. Davor sollten die Leute Angst haben. Immer wieder in der Geschichte hat man gesehen, was dann passiert. Eine Hyperinflation zerstört die Wirtschaft; wenn diese zerstört wird, kommt es zu Krieg, denn Krieg ist gut für die Wirtschaft. Davor sollten sich die Leute fürchten. Blockchain ist grundsätzlich etwas, das wieder sterben kann. Es handelt sich dabei nur um Programmiercodes, alles ist Open Source und leicht, um wieder von Neuem zu starten. Sollte Bitcoin einst zu stark kontrolliert werden – sagen wir, von gewissen Ländern –, dann nimmt man den Open-Source-Code und beginnt ein neues Netzwerk.

zentralplus: Haben Sie Visionen, was künftig mit Blockchain alles möglich sein könnte?

Trinkler: Dass man seine eigene Bank oder Hedgefond sein kann, ist erst der Anfang. Ich glaube, künftig wird man Blockchain-Technologien brauchen für jegliche Art zwischenmenschlicher Verträge, ohne dabei eine Drittpartei involvieren zu müssen. Wie wir uns gegenseitig als Menschen vertrauen, wird beeinflusst sein von dieser Technologie. Weiter wird Blockchain Einfluss haben darauf, wie wir uns als Gruppe organisieren. Etwa darauf, wie Regierungen funktionieren.

zentralplus: Das müssen Sie mir erläutern.

Trinkler: Das könnte beispielsweise die Einhaltung von Wahlversprechen betreffen. Ein Politiker, der dem Volk etwas verspricht, müsste beispielsweise Geld auf einem Smart Contract deponieren. Den Betrag erhält er erst zurück, wenn er sein Versprechen eingelöst hat. Sprich, wenn er das Versprechen nicht hält, zahlt er eine entsprechende Busse.

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