Frederic Siegel verarbeitet in seinen 2D-Animations-Kurzfilmen Geschichten, die ihn beschäftigen.  (Bild: rah)
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Frederic Siegel verarbeitet in seinen 2D-Animations-Kurzfilmen Geschichten, die ihn beschäftigen.  (Bild: rah)

Einen Baarer Animationsfilmer zieht es in den Big Apple

9min Lesezeit

Frederic Siegel hat sein Talent schon als Kind entdeckt. Zeichnen wollte er, wann immer möglich. Dies hat sich für den gebürtigen Chamer bis heute nicht geändert. Inzwischen verdient er seine Brötchen mit der Produktion von 2D-Animationsfilmen.

Rahel Hegglin

Frederic Siegel öffnet die Tür seiner WG in Baar, in welcher er mit seinem Bruder wohnt. «Ich brauche nicht viel Geld zum Leben», sagt er. «Eine schöne Wohnung und ein bisschen Geld für das Nötigste» – das reicht ihm. Bescheiden ist Siegel. Obwohl er gerade jetzt gutes Geld verdienen könnte.

Denn der 27-Jährige hat ein Talent, das momentan in der Werbeindustrie stark gefragt ist. Er produziert 2D-Animationsfilme. «So ein Clip braucht viel Arbeit und kostet dementsprechend auch viel Geld», sagt der Bachelor-Absolvent der Hochschule Luzern.

Am liebsten eigene Projekte

Nachdem er mit seinem Abschlussfilm vor zwei Jahren zahlreiche Preise gewonnen hatte, standen ihm Tür und Tor offen. Sein Name wurde innerhalb kurzer Zeit in der Branche und weit über die Landesgrenze hinaus bekannt (zentralplus berichtete).

«Es sind Geschichten, die mich in dem Moment beschäftigen.»

Frederic Siegel, Animationsfilmer

Doch Siegel wollte und will sein Ding machen, seine persönliche Note in die Animationen bringen und sich die Freiheiten behalten, die er braucht. So gründete er zusammen mit vier Freunden das Animationskollektiv «Team Tumult» und begann Aufträge anzunehmen. «Die braucht es auch, damit das nötige Geld für das Leben reinkommt», sagt er. Aber viel lieber arbeitet er an seinen eigenen Kurzfilmen.

Hat er wieder genug Geld beisammen, um sich etwas zurückzulehnen, widmet sich der Animationsfilmer seinen Ideen. Er will Geschichten aus seinem Leben erzählen. Wenn diese dazu dienen, andere zu inspirieren und über die Geschichte nachzudenken – umso besser. Absicht stecke aber keine dahinter.

Ein Film, drei Jahre

«Es sind einfach Geschichten, die mich in dem Moment beschäftigen. Also schreibe ich ein Storyboard, bespreche es mit meinen Atelierkollegen und so entsteht der Kurzfilm.» Dieser ist freilich nicht von heute auf morgen gemacht. Für eine Produktion à fünf bis zehn Minuten arbeitet er im Minimum ein halbes Jahr. An seinem aktuellen Kurzfilmprojekt «The Lonely Orbit» sogar schon knapp drei Jahre. «Je nachdem, was dazwischen kommt.» Und das kann vieles sein.

Frederic Siegel wohnt in Baar in einer modernen Neubausiedlung zusammen mit seinem Bruder.
Frederic Siegel wohnt in Baar in einer modernen Neubausiedlung zusammen mit seinem Bruder. (Bild: rah)

Denn sobald Siegel einen Animationsfilm fertiggestellt hat, schickt er diesen an Filmfestivals auf der ganzen Welt und hofft, dass diese ihn zeigen. «So bleibt man in der Branche im Gespräch und steigert seine Bekanntheit. Vor allem natürlich, wenn der Film einen Preis abräumt», sagt er schmunzelnd.

Die Frage nach den Auszeichnungen

In den letzten zwei Jahren war es vor allem sein Abschlussfilm «Ruben Leaves», der sehr erfolgreich war. «Die Auszeichnung zum besten Abschlussfilm war die bisher grösste Anerkennung», sagt Siegel. Wer weiss, ob dies so bleibt. Sein neuster Film «Honour» hat bereits an den Winterthurer Kurzfilmtagen seine Premiere gefeiert und wird im Januar 2019 auch an den Solothurner Filmtagen gezeigt. «Das freut mich extrem», sagt er, denn «die Solothurner Filmtage, das Filmfestival Locarno und die internationalen Kurzfilmtage in Winterthur gehören zu den wichtigsten Schweizer Festivals in meiner Sparte.»

«Meine Mutter musste mir ab und zu einen Schubs geben, damit ich raus ging zum Spielen.»

Frederic Siegel

Das Besuchen der Festivals ist, zusammen mit dem Produzieren seiner eigenen Kurzfilme, Siegels Leidenschaft. «Ich versuche jedes Jahr an so viele Festivals wie möglich zu gehen. Ein grosser Teil davon findet im Ausland statt.»

Alleine gehen mag er nicht, weswegen er sich lieber mit seinen Bekannten verabredet, die überall auf der Welt leben und viele davon in derselben Branche arbeiten wie er. Häufig bekommt Siegel die Reise von «Swiss Films», der Promotionsagentur des Schweizer Filmschaffens, gesponsert.

Die Krux mit den Aufträgen

«Bei ‹Swiss Films› gibt es eine Liste der grössten Festivals. Wird ein Kurzfilm an einem dieser Festivals gezeigt, übernehmen sie die Reise für den Produzenten», erklärt der Chamer. So muss Siegel vor Ort nur noch Kost und Logis übernehmen. «Aber je nach Festival werden auch die Übernachtungen übernommen», sagt er.

Das Leben eines Animationsfilmers spielt sich nicht nur im Atelier ab. Auch auf dem Sofa kann Frederic Siegel bestens arbeiten.
Das Leben eines Animationsfilmers spielt sich nicht nur im Atelier ab. Auch auf dem Sofa kann Frederic Siegel bestens arbeiten. (Bild: rah)

Ist Siegel doch mal in seinem Zürcher Atelier, prüft er die Anfragen und nimmt an, wozu er im Moment Lust hat oder wie nötig er das Geld hat. «Am liebsten sind uns Aufträge, bei denen wir künstlerische Freiheit haben. Aber das ist natürlich nicht immer möglich», gesteht er. «Denn viele Unternehmen haben im Vornherein genaue Vorstellungen, was sie brauchen.»

Früh übt sich

«Toll als Aufträge sind auch Musikvideos», sagt er. Nach seinem Sieg mit dem Abschlussfilm 2016 kam die Band Panda Lux auf ihn zu. Schon zweimal durfte er ein Musikvideo von ihnen animiert untermalen. Das heisst, er baut auf die gedrehten Sequenzen seine Animationen. Auch bei der Luzerner Band «Schööf» kamen seine Animationen in einem Musikvideo zum Einsatz. «Bei diesen Aufträgen hatte ich praktisch immer freie Hand», freut er sich.

«Für eine Sekunde Zeichentrickfilm braucht es mindestens zwölf einzelne Zeichnungen.»

Frederic Siegel

Die Leidenschaft fürs Zeichnen zeigte sich bei Frederic Siegel schon früh. Bereits als Kindergärtner zeichnete er Figuren und Autos. Die Zeichnungen professionalisierte er mit der Zeit, so dass er bereits in der Kanti Monster und Städte zeichnete, die über die Fähigkeiten seiner Altersgenossen hinausgingen.

«Ich zeichnete einfach immer gerne. Meine Mutter musste mir ab und zu einen Schubs geben, damit ich raus ging zum Spielen», sagt er rückblickend. Dass er einmal Animationsfilmer werden würde, zeichnete sich erst viel später ab. «Ich habe den Lehrgang für das Bachelorstudium in 2D-Animation erst beim Vorkurs an der Hochschule Luzern kennen gelernt», so der 27-Jährige.

Viel Ausdauer ist gefragt

Mit der Entdeckung des Studiengangs war für ihn dann klar, was er studieren möchte. «Da ich immer gerne gezeichnet habe und auch fleissig bin, hat mir das Studium extrem Spass gemacht», so Siegel. Nicht alle seiner Studienkollegen blieben in der Branche. «Es braucht wirklich Ausdauer. Für eine Sekunde Zeichentrickfilm braucht es mindestens zwölf einzelne Zeichnungen.»

Siegels preisgekrönter Abschlussfilm:

Häufig unterscheiden sich diese Zeichnungen nur minimal, so dass es für den Zeichner schnell uninteressant werden kann. «Wer aber eine Leidenschaft für das Zeichnen hat, Ausdauer und Fleiss mitbringt, der kann mit Animationsfilmen gutes Geld verdienen», erklärt er.

Der Traum von New York

Siegels Schaffen bleibt auch der hiesigen Kulturförderung nicht verborgen. Jedes Jahr schreiben die Zentralschweizer Kantone die eigenen Ateliers in Berlin und New York aus. Die Ausschreibung richtet sich an professionelle Kunstschaffende mit überzeugendem Leistungsausweis. Frederic Siegel hatte sich um den Atelierplatz in New York beworben und prompt die Zusage bekommen.

Er wird im Jahr 2020 vier Monate lang im Wohnatelier in New York hausen. Die Kunstschaffenden können die Wohnateliers unentgeltlich benützen, erhalten einen Reise-, Neben- sowie einen Lebenskostenzuschuss.

Für Siegel geht damit ein Traum in Erfüllung. New York gilt in der Animationsszene neben London und Paris als Hotspot. Dort treffen sich die Meister ihres Fachs, betreiben Ateliers, Ausstellungen und Festivals. Siegel möchte viele davon besuchen und sich weiter vernetzen. Wohin ihn sein Talent und seine Fähigkeiten bringen, weiss er noch nicht.

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