Die «Väter» und der Stormtrooper-Chor in versammelter Runde. (Bild: Ingo Höhn)
Kultur Rezension

Die «Väter» und der Stormtrooper-Chor in versammelter Runde. (Bild: Ingo Höhn)

Diese «Papis» und «Babas» bringen das Publikum zum Heulen

9min Lesezeit

«Väter» feierte Premiere im Luzerner Theater: In einer Produktion mit Laiendarstellern lassen sechs Väter aus Luzern tief blicken. Das funktioniert zum grössten Teil und sorgt heftig für Tränen.

Ein Jahr nach der erfolgreichen «Mütter»-Produktion, die diesen Mai Wiederaufnahme feiert, legt das Luzerner Theater mit «Väter» nach. Es überlässt sechs Luzerner Vätern die Bühne, um ihre Rolle in diesem ältesten Stück der Welt zu befragen: Was haben wir mitbekommen von unserem Vater? Und was geben wir weiter?

Ein Junge, sechs Väter und vier Stormtrooper

75 Minuten ohne Pause beginnen mit einem leeren Kinderzimmer auf der Bühne. Ein Junge tritt auf. Er spielt Darth Vader, posiert mit Laserschwert und trainiert seine magischen Fähigkeiten. Der Darsteller aus der Kinderstatisterie, Fionn Berchtold, beginnt den Abend mottogetreu. Denn im Stück wird auch Star-Wars-Sound hörbar und vier Stormtrooper tauchen aus dem Hintergrund auf.

Dann treten die sechs Väter auf die Bühne und stellen sich vor. Schnell wird klar: Sie stellen sich nicht als sich selbst, sondern als ihre Väter vor. Die Aufregung der Männer ist zu Beginn spürbar, die Gesichter glühend und angespannt, die Hände suchend. Ein Glück, können sich die sechs an Bauteilen eines Kinderbettes festhalten. Selmir Krajinovic wird von seinen Söhnen, die offensichtlich stolz in der ersten Reihe sitzen, gar kurz aus dem Konzept gebracht. Der Ausfall wird jedoch sofort überspielt. Und es geht weiter im Text.

Matthias Bürgler, Otto Burri, Selmir Krajinovic, Marcus Herzog, Michael Graber und Markus Diebold. (v.l.) (Bild: Ingo Höhn)

Die Männer wechseln die Plätze und stellen sich nochmals vor. Dieses Mal jeweils als eines ihrer Kinder, das etwas Kurzes zur Beziehung zu seinem jeweiligen Vater sagt. Die Vater-Sohn- oder Vater-Tochter-Beziehung so zu reflektieren: Ein schöner Regieeinfall von Maximillian Merker, der die Inszenierung mit den sechs Laien, einem jungen Darsteller und vier Sängern in einer feinen, unaufgeregten Form auf die Bühne bringt.

Auf dieser stehen Otto Burri, Matthias Bürgler, Michael Graber, Markus Diebold, Marcus Herzog und Selmir Krajinovic. Sechs Männer zwischen 34 und 72 Jahren. Sie stehen hier als Söhne und als Väter. Und sowohl die Beziehung zum Vater wie auch diejenige zu den Kindern wird zum Thema, während sie auf der Bühne ein Kinderzimmer einrichten und dabei langsam ihre Aufregung verlieren.

Mütter kochen, Väter bauen?

Ein Bett wird aufgebaut, Möbel werden hereingetragen, Spielzeug wird eingeräumt. Später trinken die Väter im Kinderzimmer gemeinsam Dosenbier und essen Popcorn vom Grill. Was im ersten Moment stereotyp daherkommt, besonders wenn man ihnen die kochenden «Mütter» entgegenstellt, wird durch eine kleine Anekdote von Matthias Bürgler zu Beginn aufgehoben. Es geht darum, wie er in den Monaten der Schwangerschaft auch etwas hatte tun wollen, etwas beitragen: «Etwas bauen» war das Fazit.

Mit den Geschichten des Vaterwerdens beginnt der Abend richtig, es geht ums Vatersein, um die Ansprüche an sich als Vater und an den seinen. Dann auch um die Hoffnungen für die eigenen Kinder und um die Art der Beziehung, die die «Väter» auf der Bühne zu ihren «Babas» und «Papis» pflegten. Sie erzählen von Nähe, von Distanz, vom Erwachsenwerden und von den Krisen. Es sind sechs komplett unterschiedliche Männer, und wenn sie erzählen, scheinen die persönliche, auch politische Haltung oder Charakterzüge durch. Das polarisiert bestimmt auch in einigen Zuschauerköpfen.

Witzige und schräge Anekdoten wechseln sich ab mit privaten, berührenden Geschichten, die in ruhigen Momenten die Tränen hochkommen lassen: wenn Otto Burri vom Abschied von seiner Frau erzählt, oder Selmir Krajinovic vom Tod seines Vaters, Marcus Herzog von der Demenz des seinen.

Wenig Show, viel Natürlichkeit

Der Grossteil der Inszenierung besticht durch ruhige und natürliche Erzählungen, durch trockenen Humor und feine Geschichten. Die Inszenierung kommt mit wenig aus, mit viel weniger Show als die «Mütter». Wo die sechs Bühnenneulinge jedoch noch Potential für die nächsten vier Vorstellungen (siehe Box) mitbringen, ist in den «inszenierten» gegenseitigen Fragestellungen und den Aufforderungen zum weiteren Einrichten des Kinderzimmers. Die kommen doch etwas gar «theäterlet» daher.

Die Aufteilung der Geschichten und Anekdoten ist geglückt und schön «gebüschelt», die Übergänge jedoch holpern noch gewaltig. Im Vergleich zu den internationalen «Müttern» im letzten Jahr kommt «Väter» auch auffällig «schweizerisch» daher. Lediglich zwei der Männer stammen aus einem nicht helvetischen Elternhaus. So bleibt auch die Sprache, abgesehen von ganz kurzen Momenten, beim Schweizerdeutsch.

Herausragend zeigt sich bei «Väter» der vierköpfige Stormtrooper-Chor. Yves Kammermann, Livio Schmid, Benjamin Widmer und Tobias Wurmehl begleiten die Väter mit berührenden, aber auch ironischen und augenzwinkernden Deutschen und Schweizer Liedern. Nicht nur gesanglich, auch choreografisch und kostümtechnisch tragen die vier Sänger den Abend massgeblich mit.

Der Stormtrooper-Chor verabschiedet sich. (Bild: Ingo Höhn)

Besonders der Song «Vater» von Patent Ochsner, zugleich humorvoll und schmerzerfüllt angestimmt von Yves Kammermann, gibt nach den Geschichten über den Tod der Väter dem Publikum den Rest. Die Tränen sind nicht mehr zu halten.

hei vater

Im Luzerner Theater

Zu sehen ist «Väter» noch am 6., am 13. und am 18. Mai sowie am 10. Juni 2018.

Inszenierung: Maximilian Merker
Bühne und Kostüme: Sara Giancane
Licht: Clemens Gorzella
Dramaturgie: Martin Bieri, Angela Osthoff

I hätt dir no so mängs z säge gha
wo mi hüt nach all dene jahr
immer wieder brönnt
so mängs vo verpasste züg
so mängs vo karussell
vo bodelose fässer sowieso
aber du rollsch dervo
du rollsch mir dervo
& jitz bisch liechtjahr wyt äwäg
& jedes wort gheit ungere tisch
verlürt dr sinn & dr zwäck & no viu meh
e grissne film wo nüt als e lääri hingerlat
hei vater
verfluecht & verdammt für alli zyt
I weiss mängisch nümm wie du bisch gsi
hole d foto oder d briefe
die hei längschtens ire schuehschachtle
platz
würd lieber mit em chopf dür d wand als
dür tür
aber du rollsch dervo
du rollsch mir dervo
& jitz bisch liechtjahr wyt äwäg
jedes wort gheit ungere tisch
verlüürt dr sinn & dr zwäck & no viu meh
e grissne film wo nüt als e lääri hingerlat

Während des Liedes verschwinden die Väter aus dem Zimmer und tauchen über der Kulisse wieder auf. Mit dem Rücken zum Publikum blicken sie ins All. Ein starkes Schlussbild. Wäre es gewesen.

Wo ist das Ende?

Doch der Schluss kommt leider reichlich verzettelt daher. Mehrfach glaubt das Publikum, das Ende sei nun da, beginnt zu klatschen, wird wieder ruhig, noch etwas Text hier, noch eine kurze Szene, in welcher die sechs Väter den Jungen ins Bett bringen. Man wähnt sich am Ende. Doch nochmals kommt etwas Text: «Ganz loslassen kann man nie.» Das Licht geht aus.

Es ist noch nicht das Ende. Das übernimmt natürlich Darth Vader.

Trotz all der Verwirrung über den rechten Klatschzeitpunkt in den letzten Minuten: Nach dem Theater sieht man vor dem Spiegel bei den Toiletten so einige verquollene Augenpaare.

Zum Ende wird es sphärischer. Das Ende selbst spielt sich jedoch wieder im Kinderzimmer ab.
Zum Ende wird es sphärischer. Das Ende selbst spielt sich jedoch wieder im Kinderzimmer ab. (Bild: Ingo Höhn)

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