Sie sind ihre eigene Legende: Die Dead Kenndeys machen Halt in Zug. (Bild: Laura Livers)
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Sie sind ihre eigene Legende: Die Dead Kenndeys machen Halt in Zug. (Bild: Laura Livers)

Dead Kennedys: Die Urviecher des Punks bekommt niemand klein

5min Lesezeit

Am Freitagabend spielten mit den Dead Kennedys die Ikonen des West Coast Punk in der Galvanik Zug. Ein Hochfest für eingefleischte Liebhaber, bei dem auch einige kritische Kommentare zu hören waren.

Laura Livers

Endlich Wochenende. Auch eine halbe Stunde nach Türöffnung staut sich das Publikum noch am Eingang, denn keiner will das einzige Schweiz-Konzert der Dead Kennedys verpassen. In der Schlange reihen sich die Alt-Punker mit Lederjacke an die gleichaltrigen, rasierten Geschäftsmänner mit Ehefrauen und Kindern im Schlepptau.

Die Jungen mit buntgefärbten Haaren stehen neben den Alten mit weissen Haaren, mit dabei sind Piercings, Ohrringe, Springerstiefel und Nike-Turnschuhe. Eins haben sie alle gemeinsam: das Dosenbier in der Hand, wie man es von früher kennt. Auf dem Vorplatz wachsen die Müllhaufen neben der Mülltonne, während die Galvanik sich langsam füllt. Und um Punkt 22 Uhr 30 geht's los.

Routine auf der Bühne

Die vier Dead Kennedys, D.H. Peligro, Klaus Flouride, East Bay Ray und Ron Greer, alle weit über 50, wissen genau, was sie tun müssen. Ein paar alte Hits, ein paar neuere Songs, hier ein Kommentar zur politischen Situation in den Staaten, da nostalgiegefärbte Anekdoten zu vergangenen Zeiten. Vorne wird gepoged, hinten mit dem Kopf gewippt, und Greers Aussage, uns den «Real American Football» näherzubringen, mit erhobenen Mittelfingern und Buh-Rufen kommentiert.

«Ohne Biafra ist es nicht dasselbe.»

Konzertbesucher

Alles in allem eine gesittete Angelegenheit für ein Punk-Konzert. Vielleicht sogar zu gesittet? «Das Konzert hat mein Punkerherz nicht wirklich erwärmt», erzählt eine Besucherin, die sich während des Konzerts in den Raucherbereich nach draussen verzogen hatte. «Aber sie spielen an und für sich ganz gut.» Diese Meinung teilt auch ein Besucher an der Bar: «Die Musik ist okay, aber der Sänger nervt. Der labert und labert. Gut, der alte hat auch viel gelabert, aber immerhin waren es seine Texte», ruft er aus und seufzt: «Ohne Biafra ist es nicht dasselbe.»

Ein Fest im vollen Haus

Das Herz erwärmt hat es aber auf jeden Fall den meisten der knapp 400 Gäste, die sich im Konzertraum unten gegenseitig auf die Füsse stehen. Jung und Alt singen laut den Chorus von «California über alles», schwingen die Fäuste in der Luft und schwelgen in Nostalgie. Ein Besucher schreit gefühlte zwanzig Mal «So geil!» zu «MTV Get Off The Air» und schüttelt fast schon zwanghaft seinen Kopf.

«Ich kann jetzt nicht reden, ich muss zuhören», schreit uns eine weitere Besucherin ins Ohr und erklärt nach dem Konzert: «Ich habe die Dead Kennedys vor 15 Jahren das erste und letzte Mal gesehen. Es ist unglaublich, sie live auf der Bühne zu erleben!»

«Es ist unglaublich, sie live auf der Bühne zu erleben!»

Andere Konzertbesucherin

Live ist die Band tatsächlich eine Augenweide. Greer mit seinen Jagger-esken Verrenkungen, Peligro, der am Schlagzeug scheinbar ein Fest mit sich selber feiert, Flouride, der mit seiner opahaften Stimme die Texte falsch ins Mikro schreit, und Ray, der den ganzen Abend über keine Miene verzieht. Sie alle spielen ihre Rolle, und spielen sie gut. Wer West Coast Punk mag, ist an diesem Abend sicher auf seine Kosten gekommen – und sei es nur, weil die Dead Kennedys immer noch klingen wie vor 40 Jahren.

Die Surf-Punks, die schon unsere Eltern verzauberten

Die 1978 gegründete Punk-Band Dead Kennedys war die erste amerikanische Hardcore-Punk-Band, die in Grossbritannien beachtliche Erfolge feiern konnte. Mit ihren polit-satirischen Texten, den Surf-Guitar-Elementen und ihrem Beachboy-Charme tourte die Band durch Europa und Amerika, provozierte die öffentlich-rechtlichen Medien und legte sich mit den Zensurbehören an. Unvergessen sind ihre grössten Hits «Holiday in Cambodia» und «Viva Las Vegas». Letzterer später auch wegen seiner Verwendung für den Film-Soundtrack von «Fear and Loathing in Las Vegas».

Ron Greer singt anstelle von Jello Biafra

Nach vier Alben löste sich die Band 1986 auf – der Punk war kommerziell geworden und zog ein Publikum an, welches mit den Idealen der Band nicht viel gemeinsam hatte. So das offizielle Communiqé. In den darauffolgenden Jahren begannen sich die Bandmitglieder mit dem Sänger Jello Biafra zu streiten, wie so oft des Geldes wegen. Ein Streit, der mit einem Gerichtsurteil endete, welches Biafra die Rechte der meisten Songs entzog.

Seit 2001 sind die Dead Kennedys wieder regelmässig auf Tour, diesmal ohne Biafra, dafür mit dem Sänger der Wynona Riders – Ron «Skip» Greer.

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