Bürgerliche sollen essen, was sie wollen – aber nicht die hiesige Wirtschaft bremsen
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Über 1200 Unterschriften gesammelt: Die Initianten bei der Einreichung ihrer Forderung in Luzern. Auf dem Bild fehlt Meret Schneider. (Bild: jal)

Mario Stübi über die Änderungen im Energiereglement Bürgerliche sollen essen, was sie wollen – aber nicht die hiesige Wirtschaft bremsen

4 min Lesezeit 09.03.2018, 11:32 Uhr

CVP, FDP und SVP verbreiten kulinarische Endzeitstimmung, als ob wir bald alle vegan zwangsernährt würden. Bedauerlich, wie egal ihnen der Klimawandel ist. Dabei würde die Änderung des Energiereglements nichts anderes als Wirtschaftsförderung bedeuten – und zwar ganz lokal, sagt Mario Stübi.

Unsere Ernährung ist ein relevanter Player in der Veränderung des Klimas. 80 Prozent der bepflanzbaren Fläche der Erde werden für die Fleischproduktion verwendet, wie der WWF nachgerechnet hat. Gleichzeitig sind es vor allem wir in den wirtschaftsstarken Ländern, die einen vergleichsweise hohen Konsum an Fleisch aufweisen.

Die städtische Volksinitiative «Nachhaltige und faire Ernährung» wollte mit einem zusätzlichen Artikel im Energiereglement unter anderem dafür sorgen, dass die Behörden (und mit ihnen EWL, VBL usw.) in ihren Gastrobetrieben täglich mindestens ein veganes Menü anbieten müssten. Stadtrat und Parlament ging dies zu weit (auch mir), sie ebneten aber einem Gegenvorschlag den Weg, der den Fokus weg von der Ernährung hin zu «grauer Energie» im Allgemeinen legt. In der Folge hat das Initiativkomitee seine Initiative zugunsten dieses Vorschlags zurückgezogen.

Der Gegenvorschlag: eigentlich ziemlich brav

Graue Energie bezeichnet diejenige Energiemenge, welche beispielsweise für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produkts oder für das Erbringen einer Dienstleistung aufgewendet wird und in unserer Wahrnehmung oft vergessen geht. Nicht nur bei unserem Konsumverhalten liesse sich graue Energie reduzieren, sondern auch in der Bauwirtschaft oder beim Beschaffungswesen.

Mit dem Gegenvorschlag sollen uns die Behörden darüber mittels Informationsaufbereitung und Aufklärungskampagnen in Kenntnis setzen können (zum Beispiel mit einem Artikel im Stadtmagazin, mit Plakaten wie gegen das Füttern von Tauben oder vielleicht einer Broschüre mit nachhaltigen Einkaufstipps). Das ist alles, was der Gegenvorschlag beinhaltet. Für meine Verhältnisse ziemlich brav, aber immerhin mehrheitsfähig – ausser bei den bürgerlichen Parteien und ihren zugunsten von mehr Glaubwürdigkeit herbeigepfiffenen Sparringpartnern.

Bevormundung? Welche Bevormundung?

Was für scharfes Zeug haben die wohl gegessen, als sie sich dazu entschlossen haben, das Referendum mit der Kampfparole «Wir entscheiden, was auf unseren Teller kommt!» zu ergreifen? Wo genau wird im Gegenvorschlag diese Entscheidungskompetenz in Frage gestellt?

«Ein Blick über den Tellerrand liefert verhältnismässig simple Ansätze.»

Das Komitee schreibt wörtlich: «Wir goutieren Essempfehlungen aus dem Stadthaus nicht. Gegen solche Bevormundungen der Bürgerinnen und Bürger wehren wir uns.» Die Partei widerspricht sich dabei in aufeinanderfolgenden Sätzen. Wie kann eine Empfehlung bevormundend sein? Eine Empfehlung erhalten bedeutet, anschliessend in Kenntnis davon selber eine Entscheidung fällen zu können. Genau das (und nur das) will der Gegenvorschlag mit der Ergänzung des Energiereglements.

Wie aber könnte denn graue Energie konkret verringert werden? Ein Blick über den Tellerrand liefert verhältnismässig simple Ansätze wie Wiederverwendung statt Neubeschaffung oder die Verkürzung von Transportwegen. Je ein Beispiel:

  • Wird irgendwo in der Stadt ein Trottoir saniert und muss dabei der Randstein dem Behindertengesetz angepasst werden, sollen die bestehenden Randsteine abgeschliffen und wiederverwendet werden statt aus China tonnenweise neues Gestein herbeigekarrt.
  • Statt Geflügelfleisch aus Übersee zu bestellen, besser den Kleinviehbauer aus dem Kanton mit einer Lieferung beauftragen.

Gastronomen, Bauern, Handwerker: alle würden profitieren

Und genau hier verkennen SVP, FDP, CVP und die Gastroverbände das Potential dieses Gegenvorschlags: Er ist nämlich nichts anderes als aktive (Gast-)Wirtschaftsförderung für unsere Region. Was hilft der Landwirtschaft und dem Gewerbe des Kantons mehr, als wenn wir, die hier wohnen, ihre Produkte kaufen und konsumieren? So bleibt die Wertschöpfung in der Region und die Umwelt freut’s.

Statt Verantwortung für die Region zu übernehmen, redet das Referendumskomitee aber lieber die drohende Veganisierung unserer Stadt herbei, sobald die Änderung des Energiereglements am 10. Juni angenommen würde. Dummes Zeug!

Das bedauerliche Fazit: Die bürgerlichen Parteien (und in ihrem Fahrwasser die beiden Gastroverbände) scheren sich keinen Deut um die Folgen unseres Konsumverhaltens für das Klima des Planeten. Bezeichnend für diese Haltung ist CVP-Präsidentin Andrea Gmür-Schönenbergers Tweet zur Lancierung des Referendums.


 

Mit anderen Worten: Umweltschutz macht Spass, so lange ich nichts dazu beitragen muss. Das nenne ich Lifestyle-Nachhaltigkeit. Etwas weniger Fleischverzehr schadet keinem, dazu gezwungen werden kann aber niemand von uns (schon gar nicht von der Politik).

Wer nicht auf «Schwinigs» oder eine Wurst verzichten mag, kauft mit gutem Gewissen regional ein, im Übrigen auch saisonales Gemüse. Und dass die Behörden uns darüber informieren dürfen, ist völlig legitim. Wegen den bürgerlichen Parteien Luzerns ist diese Sache jetzt aber noch nicht gegessen. 

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