Noten für Seelen-Striptease Und auf einmal war ich auf der Slam-Bühne

28.09.2021, 10:56 Uhr 3 min Lesezeit
Henrik Amalia beim ersten Auftritt auf einer Slam-Bühne.
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Henrik Amalia beim ersten Auftritt auf einer Slam-Bühne. (Bild: Rainer von Arx)

Das erste Mal auf der Bühne stehen bleibt immer eine spezielle Erinnerung. Das geht auch Henrik Amalia nicht anders. Was ging der damals 19-Jährigen durch den Kopf, als sie das erste Mal mit Poetry-Slam auftrat? Eine kleine Erinnerungsreise zum ersten Mal Bühnenpoesie.

Das erste Mal bin ich der Kunstform Poetry-Slam im Deutschunterricht begegnet. 2012 war Poetry-Slam schon etabliert, aber immer noch neu und «underground». Ich fühlte mich so richtig cool, mich in dieses neue Thema zu vertiefen und stundenlang Videos auf YouTube zu schauen. Ich erinnere mich noch an den Text von Theresa Hahl «Ich weiss nicht mehr», der davon handelte, wie Erwachsene die Verspieltheit der Kindheit vergessen hatten.

Damals hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich selbst einmal einen Poetry-Slam-Abend veranstalten würde, an dem Theresa Hahl auftreten würde. Sie war mein ganz persönliches Vorbild – unter all den verschiedenen Menschen, die auf einer Slam-Bühne anzutreffen waren, wollte ich sein wie sie: wortgewandt, sanft, tiefgründig. Ich wollte Texte schreiben, die mich als komplexen Menschen irgendwie erfassen konnten, und sie präsentieren, als wären sie die einfachsten Kochrezepte.

Mit Worten spielen

Poetry-Slam wurde und wird heute noch mit «Wortspieltexten» gleichgesetzt. Lustige Wortspiele und eine unerwartete Pointe, quasi als Vorstufe der Stand-up-Comedy. Doch Slam-Poesie war für mich nie ein Ding des Witzes oder der Wortspiele. Es ging darum, in sechs Minuten eine Geschichte zu erzählen. In einer kurzen Zeit das Publikum zu packen und in andere Denkmuster zu entführen, die Welt neu zu beleuchten. Dazu Worte aneinander zu reihen und vorzutragen – das ist leichter gedacht als getan.

Nach vier Textversuchen schaffte ich es schliesslich, einen Text zu schreiben, auf den ich einigermassen stolz war. Er hiess: Donnerstagabend oder auch «Die Sturmnacht» und handelte von der Beziehung mit meinem ersten Freund, die zu Ende ging, weil ich mich neu verliebt hatte. Meine komplexen Gefühle packte ich in das Bild eines aufbrausenden Sturmes, der vorüberzieht. So konnte ich es verstehen und auch mir selbst greifbar machen.

Dickes Fell für schlechte Noten

Poetry-Slam ist ein Dichterwettstreit. Zumeist bewertet das Publikum bei Slams die Texte mit einer Note von 1 bis 10 und diese Noten können auch ganz schön wehtun. Trägst du einen Text vor, der dir richtig viel bedeutet – einem Seelen-Striptease gleichend – trifft es dich besonders nah am Herzen. Ich ging an meinem ersten Slam-Abend mit 19 von 30 möglichen Punkten von der Bühne – anderswo würde es für die gleichen Worte 22 Punkte geben, aber das wusste ich damals ja noch nicht.

Die Wertung bedeutet nicht per se, dass der Text gut oder schlecht ist, denn die Jury ist zufällig aus dem Publikum gewählt und bewertet subjektiv. Aber genau das macht es spannend, geradezu unvorhersehbar. Das erste Mal auf der Bühne zu stehen, war Nervenkitzel pur. Einen Text, der aus der eigenen Feder stammt – so etwas Persönliches hatte ich noch nie vor Fremden vorgetragen.

Poetry-Slam ist Familie

Doch neben dem Auftritt war etwas umso aufregender: Ich verbrachte den Abend mit anderen Bühnenpoetinnen im Backstage, welche alle auch einen Text vortrugen – und viele von ihnen gaben mir Rückmeldung zu meinem Auftritt, der über die Noten hinausging. Wie ich meinen Text überarbeiten könnte; was es für Tricks im Einstellen des Mikrofons gibt oder was sie gegen die Nervosität vor dem Auftritt machen.

Ich wurde gefragt, ob ich denn wieder einmal an einen Slam-Abend kommen würde und ich solle doch auf poetryslam.ch schauen, wo es weitere Open-List-Slams gibt – also solche, bei denen sich alle, die wollen, melden können, um aufzutreten.

So traue ich mich immer mehr bei Poetry-Slams aufzutreten und lerne immer mehr Menschen kennen, die auch regelmässig auftreten. Diese Menschen werden mit der Zeit mehr und mehr zu einer kleinen Familie – der «Slamily» eben. Nun, acht Jahre später, organisiere ich mit dem Verein Zebrafant Poetry-Slam-Abende und nehme selbst neue Leute in diese wortgewandte Künstlerfamilie auf.

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