Übung im Warten
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Hat Übung im Warten: Autor Silvano Cerutti. (Bild: zvg)

Zehn Jahre und viel «Gemurks» zur Veröffentlichung Übung im Warten

3 min Lesezeit 1 Kommentar 16.03.2021, 11:01 Uhr

Als Wortarbeiter bin ich eh der Grottenolm im Umzug. In der aktuellen Situation fehlen mir meine Leute, aufs Schreiben aber hat sie wenig Einfluss. Dies die Kurzzusammenfassung des Zuger Autors Silvano Cerutti.

Darf ich jetzt an die Öffentlichkeit und anderen den Platz wegnehmen? Die aktuelle Situation ist sozial mühsam, bedrückend etc. – aber in meiner Arbeit berührt sie mich wenig.

Diesmal bin ich nicht plötzlich arbeitslos, wie der Simon Berz, der jetzt in seiner Kabause wahrscheinlich an den Ranzen friert. Was braucht ein international rockender Drummer schon anderes als Homebase, denn ein kleines Zwischenlager? Meinereiner braucht einen Computer, aber zur Not kann ich auch draussen im Park tippen, bis der Zwirbel eingeschlafen ist, da hab ich auch schon Übung drin.

Vom Schreiben leben oder ohne Schreiben leben?

Nach 9/11 war es anders. Da war ich kurz davor, mich im Brotjob als Fachjournalist zu etablieren, aber eben nur kurz davor. Wegen 9/11 gab es einen totalen Werbestopp, sofort Sparmassnahmen auf den Redaktionen und 14 Tage später war ich praktisch ersatzlos gestrichen, ohne Netz und doppelten Boden. 2008 dann nochmal dasselbe nur nicht so schnell und schon etwas besser abgesichert. Danach habe ich begonnen, mich nach Jobs mit mehr Zukunft umzusehen.

Vom Schreiben leben, das können in der Schweiz nur wenige. Aber ohne Schreiben leben geht auch nicht, hab ich versucht, ist mir nicht gut bekommen. Ich suchte lange eine Kombination, in der ich einen Erwerbsjob und regelmässiges Schreiben verbinden kann. Seit letztem Sommer habe ich endlich eine gute Situation und freue mir darüber immer noch Löcher in den Kopf. Diese plötzliche Absenz von Existenzängsten …

Ich hatte noch nie Talent fürs Warten

Klar, als letzten Herbst «Im Durchschnitt lebenslänglich» erschien, war die Situation nicht optimal, an Lesungen habe ich von Anfang an nicht gedacht und kaum war das Büchlein in den Buchhandlungen, wurden sie geschlossen. Aber erstens war es für meinen Freund Giuliano Musio schlimmer. Der hat fünf Jahre an «Wirbellos» geschrieben, dann erscheint der Roman endlich, bekommt gute Besprechungen und zack, werden alle Lesungen abgesagt. Das ist ein Gefühl, wie mit vollem Effort in die Schublade gearbeitet.

Zweitens hatte ich schon zehn Jahre lang versucht, die «Einwürfe» zu veröffentlichen, aber Verlage wollen lieber nur Romane. Jetzt überwiegt die Freude, dass es endlich geklappt hat. Heute ist per Mail ein Bild aus Australien gekommen. Caroline und Wayne – eine Freundschaft aus Zuger Tagen – führen dort eine Buchhandlung und ich steh jetzt im Gestell. Das ist rührend. Ausserdem kommt bald mein erstes Kinderbuch, das war auch fast sechs Jahre Gemurks mit Verlagen. Ich hatte noch nie Talent im Warten, aber Übung hab ich jetzt, wirklich ganz viel Übung.

Zum Autor

Der Autor Silvano Cerutti ist im Kanton Zug aufgewachsen und lebt in Bern. Aktuelle Veröffentlichung: «Im Durchschnitt lebenslänglich».

Corona-Blues? Sorry guys, im nächsten Herbst sieht die Welt schon wieder anders aus, das dauert nicht mehr lange. Und bis dahin, falls euch das tröstet, bin ich für den Zwirbel etwa fünfmal täglich der «Gagifurz». Kopf hoch – die Tage werden wieder länger.

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1 Kommentare
  1. Peter Bitterli, 16.03.2021, 14:55 Uhr

    Ok, wenn man in Zug aufgewachsen ist, kann man schon mal auf die Idee kommen, nach Bern umzuziehen.

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