Edwin Beeler
Filmförderung auf dem Abstellgleis?

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Gefundenes Fressen: Die Filmförderung ist vor allem für die SVP überflüssig. (Bild: yb)

In der Politik wird das Lied der globalisierten Mainstream-Wirklichkeit gespielt: Die Filmförderung ist zu streichen. Filmregisseur Edwin Beeler macht Druck und fordert das Kantonsparlament auf, sich fundierte Kenntnisse über Film- und Kulturschaffende zuzulegen.  

Der Planungsbericht des Kantons Luzern zur Kulturförderung ist erschienen. Darin wird auch die Notwendigkeit beschrieben, die Filmförderung der Zentralschweiz auszubauen beziehungsweise auf ein mit anderen Regionen vergleichbares Niveau zu heben, auf jenes von Kan­ton und Stadt Bern beispielsweise. Dafür kämpft seit bald fünf Jahren auch der Verein Film Zentralschweiz mit seinen rund achtzig Mitgliedern.

Was die kantonale Exekutive erkannt hat, dürfte es beim Kantonsparlament leider wohl eher schwer haben. Die einen sich vernehmlassenden Parteien halten die Filmförderung teils für ganz überflüssig (SVP), teils für sekundär (FDP). Die CVP möchte den Tourismus in die Filmförderung einbeziehen, die Grünliberalen wollen die bisherigen Mittel auf den Jugend- und Animationsfilm konzentrieren (Spiel- und Dokumentarfilme sollen sich auf die Förde­rung durch den Bund stützen). Die Sozialdemokraten verstehen es nicht, dass man den Film schwerpunktmässig fördern sollte. Bloss für die Grünen ist die Erhöhung der Filmfördermittel nur ein erster, aber wichtiger Schritt hin zu einer Stärkung des regionalen Filmschaffens.

Politik geht nachlässig mit Kulturförderung um

Da haben wir ihn wieder, den dilettantischen Geist der Hobby- und Freizeitpolitik, wenn es um Kultur geht – einen Ungeist, der sich bereits bei den peinlichen Debatten rund um die zentrale Hochschulbibliothek oder das Medienausbildungszentrum gezeigt hat. Man könnte sich zwar informieren, könnte sich fundierte Kenntnisse zulegen, könnte mit uns, den Filmschaffenden, sprechen, könnte unsere Veranstaltungen besuchen oder, noch besser, unsere Filme anschauen, um sich danach auch entsprechend sachkundig vernehmen zu lassen. Dann wüssten beispielsweise die sich vernehmlassenden Grünliberalen, dass der Bund nicht einfach so Spiel- und Dokumentarfilme fördern und finanzieren kann, dass es dazu nämlich mindestens 20 Prozent regionale Gelder braucht, dass die Bundesfilmförderung maximal 50 Prozent der Kosten eines Filmes deckt (zentral+ berichtete).

Ein Bundes-Kulturfranken schafft Arbeitsplätze, generiert Einkommen, bringt Kultur, stiftet Identität, berührt und bildet.

Im Grunde weiss man es nämlich, aber man begegnet den Fakten trotzdem mit Ignoranz: Anderen Regionen fliessen gegenwärtig bis zu zehnmal mehr Bundesfranken pro Kopf ihrer Bevölkerung zu als der Region Luzern. Selbst das strukturschwache Bern (Stadt und Kanton) hat die gesellschafts- und kulturpolitische Relevanz des Kinofilms erkannt und entsprechende Massnahmen umgesetzt. Doch scheint bewusste Wissens- und Kommunikatonsverweigerung zu herrschen. Denn was macht ein erhaltener Bundes-Kulturfranken? Wird er vom ängstlichen Filmrentner in die Matratze gesteckt, um an Wert zu verlieren? Nein, dieser Franken wird umgesetzt, wird reinvestiert. Er schafft Arbeitsplätze, generiert Einkommen, bringt Kultur, stiftet Identität, berührt und bildet.

Bundesgeldern fliessen nur, wenn auch in der Region ausreichend Mittel zur Verfügung stehen

Die Hoffnung stirbt zuletzt, die Hoffnung nämlich, dass unsere regionalen Parteipolitiker den sehr fundiert verfassten Planungsbericht auch wirklich lesen, bevor darüber im Parlament debattiert wird. Auf Seite 53 steht dort nämlich: «Die Ausschüttung der Beiträge des Bundes ist an eine Finanzierung durch die Regionen oder Kantone gebunden. Das Filmschaffen einer Region kann daher nur von Bundesgeldern profitieren, wenn auch in der Region ausreichend Mittel zur Verfügung stehen. Das heisst, je weniger finanzielle Mittel aus der Region zur Verfügung gestellt werden, desto weniger Geld fliesst aus der Bundeskasse. Sobald jedoch die regionalen Mittel vorhanden sind, haben diese die doppelte Wirkung aufgrund ihrer Ergänzung um die Gelder des Bundes.»

 «Je weniger finanzielle Mittel aus der Region zur Verfügung gestellt werden, desto weniger Geld fliesst aus der Bundeskasse.»

Leider verortet man auf üblicher Seite eine populistische Politik der Verneinung und der Verweigerung, statt sich guten Willens und aufrichtig mit Fakten, Zahlen, Kunst und Kultur zu beschäftigen. In anderen Kantonen beispielsweise behindert diese prinzipiell ignorante, bildungs- und kulturfeindliche Haltung, sogar die Arbeit parteieigener, seriös amtierender Exekutivmitglieder. Werktags arbeitet der Populist im Dienst der Globalisierung, um dann am Wochenende das Bild der Réduit-Schweiz zu pflegen und am Stammtisch den Polterjass der nationalen Mythen und einer angeblich mehrheitlich bäuerlichen Schweiz zu klopfen, radikal alles ausgrenzend, was nicht in dieses Heidiland-Klischeebild passt.

In der parteipolitischen Alltagsrealität wird offensichtlich nur das alte Lied der knallharten, globalisierten Mainstream-Wirklichkeit gespielt: Die Filmförderung ist zu streichen.

Die KMU- und Finanzwirtschafts-Realität wird einer Lebenslüge gleich verdrängt. Diese Verweigerungshaltung deutet in ihrer Absolutheit auf eine Neurose hin, eine Krankheit, die leider weder die Wiesenberger, noch die Napfkinder, Wätterschmöcker, Sentenbauern, Wildheuer oder alpinen Sagenerzähler kurieren können – allesamt Themen unserer einheimischen, erfolgreichen Filme der letzten Jahre, Themen, von denen man hätte glauben können, sie würden ins Weltbild auch solcher Verneinungsfanatiker passen, Filme, die naiverweise vermuten liessen, sie hätten zu Wohlwollen, filmpolitischem Entgegenkommen und auch zu berührenden Kinoerlebnissen geführt. Doch in der parteipolitischen Alltagsrealität wird offensichtlich nur das alte Lied der knallharten, globalisierten Mainstream-Wirklichkeit gespielt: Die Filmförderung ist zu streichen – dass eine Verwirklichung dieser Verweigerungshaltung aus Prinzip das Aus für viele Klein- und Kleinstunternehmen der Filmbranche bedeuten würde, dass auch keine ureigenen Schweizerland-Geschichten mehr auf der Leinwand erzählt werden könnten – es kümmert sie nicht, es ist Teil ihres Kalküls, ihres Pfeifens auf unsere regionale Identität. Für sie zählt Rocky-Stallone, nicht Wachtmeister Studer; die Geschichte vom Rodeo-Held aus Texas darf ihnen in englischer Sprache erzählt werden, nicht aber jene des hart arbeitenden Bergbauers vom Schächental im Urner Dialekt, und zuhören mögen sie lieber dem Musicalstar aus Hollywood als dem Schwyzerörgeler vom Hinterthal.

 

Vor dreissig Jahren ging es um eine Erhöhung des Bundesbeitrags für die Filmförderung. Der Bundesrat stand dem positiv gegenüber und sah den Film auch als Möglichkeit der Darstellung der Schweiz (Karikatur: Nebelspalter 30.10.1984).

Vor dreissig Jahren ging es um eine Erhöhung des Bundesbeitrags für die Filmförderung. Der Bundesrat stand dem positiv gegenüber und sah den Film auch als Möglichkeit der Darstellung der Schweiz (Karikatur: Nebelspalter 30.10.1984).

 

Filmbranche, nicht Filmlocation

Wer es hingegen gut meint, wie vielleicht die sich vernehmlassende CVP, indem sie den Tourismus in die Filmförderung einbeziehen möchte, verwechselt die Filmbranche mit der Filmlocation, stellt Marketing und Bildkulisse mit Drehbuch und Filmlandschaft gleich. Beide Bereiche mögen gegenseitige Bezugspunkte haben, die der Film beispielsweise aus technischen Gründen auch mit der IT-Branche hat. Mit derselben Logik könnte man beispielsweise auch die Werbebranche in die Literatur- und Fotografieförderung einbeziehen oder die holz-, metall- und steinverarbeitende Industrie mit der Förderung der bildenden Künste verknüpfen.

Die CVP meint es gut, verwechselt aber die Filmbranche mit der Filmlocation.

Nun, ein Kinofilm trägt eine Handschrift. Er erzählt eine Geschichte mit seinen ihm ureigenen Mitteln, setzt sein Personal in Szene. Zur Szenerie gehören Figuren, Objekte, Landschaften und dergleichen, und der Regisseur, der metteur en scène, kennt sich aus in der Welt der Dramaturgie, denn er – oder sie – ist in diesem Fach ein Profi, kein Hobbyist. Die Tourismusbranche hingegen trägt keine individuelle Autoren-Handschrift, sondern handelt aus kommerziellem Antrieb (was nichts Schlechtes ist). Sie lockt da und dort mit schönen, verschönten, beschönten Landschaften, Naturschauspielen, Shoppingmeilen; sie verführt mit Gastfreundschaft, überzeugt mit dem Vorhandensein von Museen und Kulturevents, vermittelt also den Konsum bereits vorhandener Kunst und Kultur.

Bilder vom einfachen Bergvolk: Nostalgie als Hindernis?

Die Touristen selber bleiben uns im Grunde fremd (und umgekehrt), doch das Publikum eines gelungenen Kinofilms findet in einer Geschichte eigene Identitäten, erkennt sich selber wieder. In diesen Zusammenhang passt vielleicht auch ein Zitat von Peter von Matt («Das Kalb vor der Gotthardpost»): «Von den Bergen her definierte man sich schon lange, aber ökonomisch zielbewusst erst dann, als der Tourismus aufkam und mit den Bildern vom einfachen Bergvolk ein interessantes Geschäft zu machen war. Jetzt wurde es wirtschaftlich einträglich, den Europäern ein Volk vorzuspielen, das unter Gletschern wohnt, niemanden stört, nicht gestört werden will und beim Melken seiner Kühe leise vor sich hin jodelt.» In Wahrheit, so Peter von Matt, sei es also um «kontinentale Vernetzung» gegangen. Vielleicht waren wir ganz einfach naiv und haben uns, allzu stark mit einem möglichen Publikums­erfolg kokettierend, unbeabsichtigt mit unseren Filmthemen der letzten Jahre selber eine Grube gegraben, wo wir doch Brücken bauen wollten, auch hinüber zu jenen, die sich uns, unserer Existenz und unseren Arbeiten aus populistischem Kalkül und prinzipieller Ignoranz dauerverweigern?

 

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