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Macht aus der Corona-Krise eine Märchenzeit
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Märchen inspirieren Kinder in Zeiten von Corona. (Bild: Pixabay)

Lernen ohne Homeschooling-Stress Macht aus der Corona-Krise eine Märchenzeit

5 min Lesezeit 29.03.2020, 10:57 Uhr

Wie soll man Kinder in Zeiten des Corona-Virus beschäftigen? Eine Möglichkeit ist das Erzählen von Märchen. Wie diese auf das Kind wirken und was die Erzähler tun können, damit es «so richtig spannend» wird, weiss Elternbloggerin Sabrina Forrer.

Wir lieben Märchen. Und zwar die richtigen, ungesüssten Versionen der Gebrüder Grimm. Dass die Märchen ungeschönt und vermeintlich ein bisschen unpädagogisch sind, ist kein Zufall. Sie waren ursprünglich als Revue für Erwachsene gemeint. Es waren alte Volksabrisse, die über Generationen hinweg mündlich überliefert wurden.

«Die blutigen Szenarien in Grimms Märchen gleichen Bestrafungen in mittelalterlichen Gesetzesbüchern», sagt Märchenforscher Heinz Rölleke, Professor für Germanistik und Volkskunde der Universität Wuppertal.

Bewährte Grimm-Märchen

Die ursprünglich weit drastischeren Grausamkeiten milderten Jacob und Wilhelm Grimm etwas ab und verpassten ihnen den typisch verzückten Stil, für den sie auf der ganzen Welt wohlbekannt wurden. Kindgerecht ist oftmals anders, das stimmt.

Aber sind wir ehrlich: Davon gibt es doch eh genug, denn auch wir horten überdies eine opulente Sammlung an sehr kindgerechter Kinderliteratur.

Es wohnte noch jeder abendlichen Märchenstunde ein ganz besonderer Zauber inne. Ich glaube, meine Kinder schaudern auch einfach gern. Eingekuschelt in Kerzenschein und Wolldecken, mit Milchschaumschnauz und Butterkuchen in den Händen und dicht an Mama geschmiegt ist der Märchengrusel eben ein echt schöner Grusel.

Bei mir gesellt sich aber zudem ein Gefühl hinzu, dass die Märchenstunden, einmal abgesehen von der Behaglichkeit, die sie mit sich bringen, sogar sehr wichtig für die kindliche Entwicklung wären.

Wenn sich Kinder mit den Märchenfiguren identifizieren

Vorab zum Trost aller beunruhigter Erwachsener: Märchenforscher haben herausgefunden, dass die Wesensart des Märchens Kinder nicht wirklich bedrängt. Die böse Erscheinung, die darin immer vorkommt, ist Part eines Gruselszenarios, mit dem sich das Kind im Allgemeinen nicht identifiziert.

Und wenn doch, dann eigentlich bloss als Bedürfnis, auch einmal in eine dunkle Seite hineinschlüpfen zu wollen. Diese kann aber nach ebendiesem Erleben getrost abgestreift werden, ohne dass es Konsequenzen zur Folge hätte.

In aller Regel erkennt sich das Kind selbst in der guten Figur, die ja auch immer eine sehr zentrale Rolle spielt und darüber hinaus auch immer über die böse siegt.

Selbst bei dramatischen Episoden wie beispielsweise wenn der Wolf die sechs Geisslein frisst, identifiziert sich das Kind scheinbar mit dem siebten, das sich im Uhrenkasten verstecken und zudem der Mutter in erheblichem Masse bei der Befreiung seiner Geschwister helfen konnte.

Meine eigene Kindheitserinnerung an obgenanntes Märchen ist noch sehr expressiv – ich selbst war in meinem kindlichen Erleben zweifelsohne auch das siebente Geisslein.

Wenn das Kind in die Geschichte eintaucht

Märchen ermöglichen Kindern durch ihre ausdrucksstarken, dezidierten Sprachbilder einen Zugang zum eigenen Erleben. Durch die Erzählung gewinnen Worte und Geschehnisse an Sinn.

Indes lassen sie im Vergleich zu einer normalen Geschichte mehr Interpretationsspielraum, worin das Kind sein inneres Schauspiel derart mit dem Inhalt des Märchens verknüpfen kann, als dass das Märchen dadurch gar einen diagnostischen Wert in einer jeden Kindheit erlangt.

Ängste des Kindes können auf diese Weise gespiegelt und mit einer neuen Distanz verarbeitet werden. So spricht denn die alte Geiss nicht darüber, wie ihr zumute ist, als ihre kleinen Kinder gefressen wurden.

Wohl weint sie und man spürt ihre Trauer in aller Deutlichkeit, aber die Verlustangst, die letztmöglich in uns allen wohnt, kann höchst individuell ausschraffiert werden, gerade so, wie es für einen selbst eben heilsam ist.

Märchen bedienen also im Grunde die ersten Berührungspunkte mit elementaren und für das Kind sehr abstrakten Wahrheiten wie Angst, Tod, Armut oder Wut.

Diesen traurigen Gefühlswelten zum ersten Mal in einem geborgenen Umfeld zu begegnen, um die Dinge der Welt darin einzuordnen, ist in summa für jede weitere Auseinandersetzung damit durchaus förderlich.

Was Märchen einzigartig macht

Märchen sind stets nach demselben Schema aufgebaut. Der Held kommt in eine derart verzwickte Situation, dass er schier keinen Ausweg mehr weiss. Durch Mut und Geschick schafft er es aber jedes einzelne Mal, sich aus der misslichen Lage zu befreien und schlussendlich über das Böse zu siegen.

Kindern suggeriert dieses Format sehr stark, dass auch sie alles schaffen können, wenn sie es denn wollen und auch bereits sind, dafür tätig zu werden.

Auch die besondere Sprache der Märchen möchte ich hier als Trumpf erwähnen. Sie ist alt und voller Zauber. Vergessene Worte werden wieder verstanden, der Sprachschatz wird erweitert.

Wenn man es schafft, ein Märchen atmosphärisch zu erzählen (soll heissen, passendes Ambiente zu schaffen und beispielsweise auch selbst zu erschaudern, wenn es gerade schauderhaft ist), wird für das Lernen ein optimaler Zustand erreicht.

Gerald Hüther sagt, dass das Lernen immer dann am besten stattfinden kann, wenn etwas «unter die Haut» geht.

Warum Märchen jetzt Sinn machen

Zu guter Letzt sind Märchen schlicht ein Kulturgut. Die Grimm’sche Märchensammlung gilt als eines der bekanntesten und meistverbreiteten Werke der deutschen Kulturgeschichte. Eine solche Kulturtradition lasse ich liebend gerne weiterleben.

Ich bin sehr überzeugt, dass die Krisenzeit eine Märchenzeit werden sollte. Zumindest ein Mal am Tag für eine halbe Stunde. Die Kinder können dabei so viel lernen, ganz ohne Homeschooling-Stress.

Sie werden für ihr weiteres Spiel, ihre nächste Bastelei oder ihre zukünftigen Texte ganz nebenher inspiriert und lernen, ihrer eigenen dramatischen Realität Ausdruck zu verleihen.

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