Ein Moment, in dem wir als Eltern wirklich zuhören
  • Blog
  • Eltern-Blog
Manche Rituale können helfen, die Harmonie in der Familie zu erhalten. (Bild: pexels)

Ein neues Familienritual Ein Moment, in dem wir als Eltern wirklich zuhören

3 min Lesezeit 18.04.2021, 10:58 Uhr

Wir versuchen uns zurzeit in der Einführung neuer Alltagsrituale. Unser derzeit liebstes ist das Abendritual. Damit haben wir eine Möglichkeit gefunden, bei der alle erzählen und die Eltern wirklich zuhören können.

Letztens beim Abendessen verkündete ich, dass ich gerne ein neues Ritual einführen würde, bei dem wir uns alle nach dem Essen bettfertig machen, zusammen hinsetzen und einander vom vergangenen Tag erzählen. Meine Tochter antwortete prompt: «Können wir das Ritual gleich jetzt machen?» Ich erklärte ihr, dass ich es gerne als Einschlafritual einführen möchte, worauf sie betrübt reagierte. Als ich daraufhin meinte, dass sie uns natürlich trotzdem jederzeit alles erzählen könne, sprudelte es direkt aus ihr heraus.

Unterhaltung ermöglicht

Heute bei unserem Spaziergang im Wald sei sie «total frustriert» gewesen, da sie sich diesen ganz anders vorgestellt hatte. Sie hatte gedacht, sie könne mit dem Fahrrad kräftig in die Pedale treten und wir joggten neben ihr her. Leider waren wir aber mit dem übermüdeten Bruder und seinem Laufrad auf dem Arm sehr langsam und nicht gerade erpicht darauf zu joggen.

Als wir zu Hause ankamen, entlud sich ihr Frust in einem Wutausbruch. Die Ruhe am Tisch ermöglichte es uns aber, in Ruhe zusammen zu besprechen, was am Nachmittag nicht möglich gewesen war. Daraufhin traf ich mit ihr die Vereinbarung, bald mit ihr joggen zu gehen. Dabei würde ich sie dann, so schnell sie könnte, neben mir herpedalen lassen. Noch bevor also das eigentliche Ritual das erste Mal stattgefunden hat, ermöglichte es uns bereits eine wunderschöne Unterhaltung.

Reden heilt Wunden

Am Abend, als sich alle die Zähne geputzt hatten und in ihren Pyjamas steckten, setzten wir uns im Kreis aufs grosse Bett und begannen zu erzählen, was uns besonders gefallen hatte am heutigen Tag.

Das Feuer im Wald und Papas «Focaccia speciale» wurden von allen genannt. Aber richtig interessant wurde es erst nach den ersten paar Durchgängen, denn da fingen die Kinder an, richtig nachzudenken: Was war sonst noch passiert, was hatten sie gesehen, gespürt und gefühlt? Wir sprachen natürlich auch über die Dinge, die uns nicht so gefallen oder uns sogar traurig gemacht hatten. Spannend war, dass der grosse Frust, dass der geplante Fahrradausflug nicht die Erwartungen unserer Tochter erfüllt hatte, kein Thema mehr.

Einmal durchgesprochen und alle Gefühle angenommen, war der Fall für sie erledigt. Das zeigte mir einmal mehr, wie hilfreich es oft schon ist, wenn man sich jemandem anvertrauen kann und sich verstanden fühlt. Uns Erwachsenen geht es ja nicht anders, wie oft rufen wir schnell eine Freundin an, um unseren Frust abzuladen und danach verschwindet die Anspannung in der Brust.

Kinder – Philosophen in kleinen Körpern

Was mich aber besonders berührte, war der Blick in die Welt meiner Kinder. In einem Durchgang erwähnte unser beinahe drei Jahre alter Sohn, dass ihm die Springspinnen besonders gut gefallen hatten. Ich erinnerte mich, dass wir auf einem sonnigen Plätzchen im Wald plötzlich ganz viele dieser kleinen Achtbeiner entdeckt hatten. Für mich war das eine kurze Sequenz, doch für diesen kleinen Menschen war es eine riesige Entdeckung, er philosophierte danach einige Minuten darüber, was die Spinnen wohl alle da gemacht hatten.

Ich liebe es, meinen Kindern zuzuhören, ich liebe ihre Ideen und ihre Art, die Welt zu sehen. Doch leider geht dies im Trubel des Alltags oft auch unter. Währendem ich koche, höre ich nur mit halbem Ohr zu. Und allzu oft sage ich ihnen: «Warte einen Moment, ich muss das noch kurz fertig machen.» Deshalb liebe ich diesen neuen Raum, den wir geschaffen haben. Einen Raum, in dem alle erzählen und wir Eltern wirklich zuhören können.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.