Luzerner «Krawallnacht» blieb nicht ohne Folgen
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Versammlung junger Leute vor der Polizeiwache, 5. Januar 1969. (Bild: Actualité Suisse Lausanne ASL, Stadtarchiv Luzern F2a/ANLASS/EREIGNIS/60:05). (Bild: Stadtarchiv Luzern, 0060-05-D. Fotograf: Actualité Suisse Lausanne ASL)

68er-Bewegung kam mit einem Jahr Verspätung an Luzerner «Krawallnacht» blieb nicht ohne Folgen

6 min Lesezeit 1 Kommentar 24.09.2020, 11:01 Uhr

Kalifornien–Berlin–Zürich–Luzern. So ungefähr lässt sich der Weg der 1968er-Bewegung in die Leuchtenstadt rekonstruieren. Mit einjähriger Verzögerung eskalierte auch in Luzern die Konfrontation zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und der Nachkriegsjugend. Die mediale und politische Empörung über die Luzerner «Krawallnacht» vom 4. Januar 1969 war gross und das Ereignis blieb nicht ohne Folgen.

Von Kalifornien ausgehend erreichte die 1968er-Bewegung bald auch die Schweiz: «Sit-Ins», «Love-Ins» oder «Teach-Ins» waren auch hierzulande keine Seltenheit und Che Guevara, Ho Chi Minh oder Mao waren in aller Munde. Ziel der Kritik der Bewegung in der Schweiz waren die Aktivdienstgeneration des Zweiten Weltkriegs, die Schweizer Waffenexporte und das altmodische und hierarchische Schulsystem.

Im Juni 1968 kam es in Zürich zu gewalttätigen Ausschreitungen mit der Polizei, als Jugendliche das Globus-Provisorium an der Bahnhofsbrücke in ein «autonomes Jugendhaus» umwandeln wollten. Die Akteure dieser Ausschreitungen spielten auch ein halbes Jahr später eine Rolle, als «Krawalltouristen» aus Zürich in Luzern an einem ähnlichen Zwischenfall beteiligt waren: die Rede ist von der «Krawallnacht» vom 4. Januar 1969.

Tod in Polizeigewahrsam als Auslöser

Mit einer «provinziellen Verspätung», wie es Walter Steffen nennt, erlebte auch Luzern eine Nacht der gewalttätigen Ausschreitungen. Schauplatz war die Hauptwache der Luzerner Stadtpolizei, welche von mehreren Hundert Demonstranten belagert und beschädigt wurde.

Sturm auf das geschlossene Tor der Hauptwache. (Bild: Stadtarchiv Luzern F2a/ANLASS/EREIGNIS/60:02).

Was war der zündende Funke, der zu dieser «Krawall-Orgie», wie sie der «Blick» nannte, führte? Am Samstag 4. Januar 1969 wurde der 23-jährige Kurt Buff beerdigt, der unter damals ungeklärten Umständen in Polizeigewahrsam verstorben war. Die «Junge Linke Luzern» und das «Komitee Freier Bürger» riefen im Anschluss an die Beerdigung zu einer «friedlichen Demonstration» auf. Sie forderten eine lückenlose Aufklärung des Fall Buffs.

Friedlich blieb es an diesem Abend nicht: Die Demonstration verlagerte sich vor das Gebäude der Luzerner Stadtpolizei und artete schnell aus: Fensterscheiben, Leuchttafeln, Türen und Schaukästen wurden zerstört, der Versuch das Gebäude zu stürmen konnte aber abgewehrt werden. Aber wer waren denn genau die Akteure in diesem Drama?

Krawalltouristen oder einheimisches «Hippie-Heer»?

Der «Blick» zieht in seiner Berichterstattung über den «Sturmangriff der tobenden Demonstranten» eine direkte Verbindung von den Rädelsführern der Globus-Ausschreitungen im Juni 1968 in Zürich zum «Luzerner Januar» 1969. Das legt den Schluss nahe, dass für die Ausschreitungen in Luzern einzig und allein die «Krawalltouristen» verantwortlich gewesen seien. Das ist eine zu bequeme Antwort. Tatsächlich waren unter dem «jugendlichen und vielfach langhaarigen Sturmtrupps», wie sie der «Blick» abwertend nennt, sowohl einheimische als auch auswärtige Akteure.

Auch in Bezug auf ihre «Sozialkategorie» waren die Demonstranten keine homogene Gruppierung. Wie die Luzerner Stadtpolizei feststellt, waren die «Krawallanten» zum grössten Teil Hilfs- und Gelegenheitsarbeiter und nur eine Minderheit von jeweils zehn Prozent seien Schüler und Lehrlinge gewesen.

Sit-In vor der Polizeihauptwache, 5. Januar 1969. (Bild: Photopress Zürich, Stadtarchiv Luzern F2a/ANLASS/EREIGNIS/60:03).

Auch lassen sich die Demonstranten nicht verallgemeinernd als gewalttätige Chaoten abstempeln, sondern es wurden drei Hauptgruppen definiert: Erstens gab es «planlos pöbelnde Halbstarke», zweitens «gewalt-averse politisch-naive Extremisten» und drittens «systematisch handelnde Aufwiegler».

Den meist jugendlichen Akteuren stand die Luzerner Polizei gegenüber, die erfolgreich «ihre Burg» verteidigte und die Krawalle mit Wasserwerfern auflöste.

Heikle historische Vergleiche

Historische Vergleiche gestalten sich oft schwierig und wie wir am letzten Wochenende bei Andreas Thiels Stasi-Vergleich gesehen haben, ist die Gefahr gross, in ein Fettnäpfchen zu treten. Die Versuchung, die Komplexität historischer Phänomene zu reduzieren, ist aber dennoch gross: Deshalb versuche ich hier kurz einige Parallelen zu den aktuellen Protesten gegen die Polizeigewalt in den USA zu nennen und zu zeigen, dass dieser auf den ersten Blick naheliegende Vergleich stark hinkt.

Wenn wir darüber sprechen, dass ein junger Mann in Polizeigewahrsam ums Leben gekommen ist, denken wir unweigerlich an Personen wie Freddie Gray. Gray erlitt 2015 nach seiner Verhaftung in Baltimore beim Transport schwerwiegende Verletzungen und verstarb später.

Buff schied freiwillig aus dem Leben

Weniger klar ist auf den ersten Blick der Fall von Kurt Buff aus Luzern im Jahr 1969. Auf den zweiten Blick hingegen stellt sich heraus, dass es sich bei dem angeblichen Fall von Polizeigewalt (die als Grund für die Demonstration in Luzern genannt wurde) um eine Selbsttötung handelt. Buff wurde von der Luzerner Polizei wegen Tätlichkeit gegen seine Mutter am 28. Dezember 1968 verhaftet und nahm sich noch in der selben Nacht in der Arrestzelle das Leben.

Damals wie auch heute richtet sich die Wut nicht nur gegen die Polizei, sondern gegen das verhasste politische System insgesamt. 1969 warfen die Demonstranten in Luzern der «mörderischen und faschistischen» Polizei Willkür vor und verglichen ihre Methoden mit den der SS oder der Gestapo. Es ist natürlich anzufügen, dass sich Vergleiche mit dem Dritten Reich sowieso oft auf sehr dünnem Eis bewegen.

Die Rocker vor dem Kunsthaus. (Bild: Hans Blättler, Stadtarchiv Luzern F2a/ANLASS/EREIGNIS/60:06).

Wie die Ermittlungen der Luzerner Polizei ergaben, wies Kurt Buff tatsächlich Hautschürfungen und Prellungen auf. Diese stammten von seiner Verhaftung, gegen die er sich mit Gewalt zu wehren versuchte. Tödlich waren diese Verletzungen aber nicht, sondern wie erwähnt nahm Buff in seiner Zelle das Schlafmittel Vesparax ein, welches zu einer «akuten Vergiftung» und letztlich zu seinem Tod führte.

Zürcher Rädelsführer

Interessant ist aber der Verweis auf die «Krawalltouristen», die in beiden Fällen als Sündenböcke herhalten müssen, um die Existenz lokaler gewalttätiger Akteure bis zu einem gewissen Grad abzustreiten. Im Fall der Luzerner «Krawallnacht» war es André Chanson aus Zürich, der als Rädelsführer in Luzern identifiziert wurde und der schon bei den Ausschreitungen um das Globus-Provisorium ein halbes Jahr zuvor eine zentrale Rolle gespielt hatte. Gegenwärtig werden in den USA unter anderem die «Antifa» und Personen aus angrenzenden Bundesstaaten für die gewalttätigen Ausschreitungen und Zusammenstösse mit der Polizei zum Beispiel in Kenosha im Bundesstaat Wisconsin verantwortlich gemacht.

Dass der Vergleich aber bei näherer Betrachtung einer Prüfung nicht standhält, ist klar. Während die Luzerner «Krawallnacht» ein einmaliges Ereignis war, das aus einer Kombination verschiedenster Faktoren entsprang, dauern die Proteste gegen die Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA seit dem Tod von George Floyd im Mai diesen Jahres weiter an und wurzeln in der systematischen Diskriminierung und historischen Ungleichbehandlung der schwarzen Bevölkerungsminderheit in den Vereinigten Staaten.

Nachwirkungen der Luzerner «Krawallnacht»

106 Personen wurden im Anschluss an die Ausschreitungen vor der Luzerner Stadtpolizei wegen Landfriedensbruch verfolgt und mussten für die entstandenen Sachschäden aufkommen. Diese Schadensersatzforderung avancierte zum Streitpunkt zwischen der Stadt Luzern und der neu eingerichteten Kommission für Jugendfragen. Diese wurde als Sofortmassnahme nach den Krawallen einbestellt und bestand mehrheitlich aus konservativen Personen wie Lehrern, Rektoren, Pfarrherren und Juristen.

Die Kommission versuchte den Stadtrat erfolglos davon zu überzeugen, die Schadensersatzforderung zu erlassen. Dies führte zum Zerwürfnis zwischen der Stadt und der Kommission und letztlich zu deren Auflösung.

Grösserer Stellenwert für Jugendfragen

Was blieb also von der Krawallnacht 1969 übrig? Ganz konkret wurde der Blick der Politik auf Jugendfragen geschärft und man nahm sich der Anliegen der jugendlichen Bevölkerung an. Ein Lokal, das für mich als Millennial selbstverständlich ist, aber erst vor rund 50 Jahren Einzug in Luzern erhielt, war das Jugendhaus. Den Anfang machte 1971 die «Teestube» im St. Karli-Quartier.

Krawall vor Polizeistation, 1969. (Bild: Photopress Zürich, Stadtarchiv Luzern F2a/ANLASS/EREIGNIS/60:01).

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1 Kommentare
  1. Silvano Silberzahn, 24.09.2020, 21:57 Uhr

    Herr P. Bucher erneut haben Sie wiedere einmal ein guter und auch spannender Bericht geschrieben.
    Die Stadtarchivbilder sind sehr eindrücklich und passent!
    Freue mich auf weiteres!

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