Das Bourbaki-Panorama: Erinnerung an eine Sternstunde der Solidarität in Luzern
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Algerischer «Turcos» macht Brotzeit auf einem Pferdekadaver. (Bild: Bourbaki Panorama Luzern)

Nächstenliebe für Geflüchtete Das Bourbaki-Panorama: Erinnerung an eine Sternstunde der Solidarität in Luzern

6 min Lesezeit 25.06.2021, 11:02 Uhr

Vor 150 Jahren kam das Elend des Krieges in die Schweiz. Mehr als 80’000 Soldaten der Bourbaki-Armee querten die Grenze im Jura. Ein Blick auf die Luzerner Hilfsbereitschaft zeigt: Die Empathie für die Geflüchteten war gross, die Tierliebe dagegen klein. Tausende von Armeepferden verendeten auf Schweizer Boden. Ein Beitrag von UntergRundgänger Delf Bucher.

Ein kalter Wind pfeift über die Juraebene. Ein elender Haufen von Soldaten überschreitet am 1. Februar 1871 die jurassische Grenze, gedrängt von der ihr nachfolgenden deutschen Armee. In den Gesichtern der 87’000 Franzosen spiegelt sich Hunger und Hoffnungslosigkeit. Ihre abgemagerten Pferde können kaum mehr Kanonen und Gepäck durch die verschneite Winterlandschaft ziehen. Viele brechen zusammen und verenden. Die drastischen Bilder sind beinahe jedem und jeder in Luzern durch einen Besuch im Bourbaki-Panorama vertraut. Es ist das einzige Historien-Panorama des 19. Jahrhunderts, das nicht die Glorie eines Sieges feiert, sondern das Elend des Krieges aufzeigt.

«Das Elend, das so ein Krieg an Menschen und Tieren anrichtet …»

«Grosse Mission fürs Vaterland»

Was passierte in Luzern? Die Bevölkerung wurde schon vor der Ankunft auf die Aufnahme der Internierten vorbereitet. So schärfte das Luzerner Tagblatt seinen Leserinnen vor dem Einzug der Flüchtlinge ein: «Thun wir indessen unsere Pflicht – mit Muth und Hingebung an die große Mission unseres Vaterlandes.» Und da das Entlebucher Bataillon 66 bei der Entwaffnung der Bourbaki-Armee beteiligt war, schlüpfte mancher Soldat in die Rolle des Sonderkorrespondenten.

Einer dieser «embedded journalists» schrieb beispielsweise im Luzerner Tagblatt von der «Flüchtlingsfront»: «Der Durchzug bot einen wehmütigen Anblick. Die meisten Soldaten mit schlechten Schuhen, teilweise ohne Lebensmittel wurden immerfort weiter in’s Innere der Schweiz beordert. Während der ganzen Nacht vom 1. auf den 2.ds. hörte man unaufhörlich das Geschrei der französischen Fuhrleute: ‹Hü! Hü!› ‹Diable de charogne›, welche ihre schwerbespannten abgemagerten Pferde mit Peitschen und Stöcken trieben, bis die Pferde in Folge des schlechten Weges zusammensanken. Auf unserer Rückkehr von Loberson nach hier haben wir neben der Straße vier tote Pferde angetroffen.»

Bild von totem Pferd, aufgespiesst im Zaun.

Wie elend und hilfsbedürftig die geschlagenen Franzosen waren, erlebten die Luzerner aus nächster Nähe. Vom 9. auf den 10. Februar war die Kaserne längst überfüllt und auch das Kloster St. Urban meldete Vollbelegung. 1’100 Soldaten fanden eine provisorische Bettstatt in der Jesuitenkirche.

Das Luzerner Tagblatt berichtete von einem «Herr aus der Stadt». Er «erbot sich einem Unglücklichen, dessen Stiefel auszuziehen. […] Der Herr zerschneidet die Stiefelrohre und nun geht’s an’s Abziehen. Aber eine Menge größerer und kleinerer Fleischklümpchen lösten sich vom Beine und vom Fuße ab und blieben am Stiefel hangen. Das ist schrecklich zu hören, schrecklicher zu sehen, aber am schrecklichsten an sich selbst zu erfahren.»

Dass sich die Jesuitenkirche – in dieser bitterkalten Nacht notdürftig von zwei grossen Feuern erwärmt – zu einer improvisierten Übernachtungsstätte verwandelte, hat mit dem typischen «Kantönligeist» zu tun. Tausende von Flüchtlingen gelangten per Bahn nach Luzern. Die sonst beschworenen gutfreundschaftlichen Beziehungen unter den Kantonen hatten indes in diesem Februar 1871 keinen Bestand.

Die Innerschweizer Kantone weigerten sich fürs Erste, die nach einem Verteilschlüssel ihnen zugewiesenen Internierten zu übernehmen. Der Luzerner Regierungsrat telegrafierte in grosser Aufregung an das Oberkommando von General Herzog in Yverdon: «Wir ersuchen um behördlichen Bericht, wohin die zu viel hierher gesandten französischen Soldaten befördert werden sollen.»

«Verschiedenste Übungen der Nächstenliebe»

Die Szenen in der Jesuitenkirche zeigen noch anderes: die Hilfsbereitschaft gegenüber den Geflüchteten. Von überall in der Stadt eilten Menschen her, um die Hungernden und Frierenden mit Brot und Wolldecken, mit Süssmost und Wasser zu versorgen.

Um es noch einmal mit dem Berichterstatter des Luzerner Tagblattes zu umschreiben: «Abgesehen von der Wohltätigkeit gegen schon früher hier Internierte, war besonders am letzten Freitag erbauend zu sehen, wie ganze Gruppen von Stadtbewohnern mit Gaben der Jesuitenkirche zuzogen, wo vom 9. auf 10. 1100 Soldaten übernachteten. Besonders zeigte sich unter der Damenwelt ein herrlicher Wetteifer in den verschiedensten Übungen der Nächstenliebe.»

Solche Sternstunden der Solidarität spielten sich nicht nur in Luzern ab, sondern allerorts. Das trug massgeblich zum Image bei, eine Nation der «guten Dienste» zu sein. Das Bourbaki-Ereignis, das auch das noch junge Rote Kreuz auf den Plan rief, war ein wichtiger Baustein im ideologischen Kitt der «Willensnation» Schweiz.

Bild vom Rot-Kreuz-Wagen.

«Söhne der Wüste»

Viele Luzernerinnen und Luzerner begegneten im Frühling 1871 erstmals Menschen aus Afrika, die dem berühmten Corps «Tirailleurs d’Afrique» angehörten. Da ist zum Beispiel Abdel Kadr Ben Castroy. Er berichtete, wie er als «Turcos» bestaunt wurde, und manche Passantin und mancher Betrachter auch Angst vor ihm hatten.

Der muslimische Soldat verstarb im Spital. Er wurde wie die anderen muslimischen Verstorbenen auf dem protestantischen Friedhof nahe dem Hofkirchen-Totenacker beerdigt. Es war ein Glück für die katholische Kirche in Luzern, dass sie wenige Jahre zuvor den Protestanten ein Grundstück für ein Gräberfeld abgegeben hatte. So war das Problem gelöst, wie man Muslime in sogenannter ungeweihter Erde beerdigen konnte.

Über ein anderes Begräbnis berichtet das Luzerner Tagblatt ausführlich: «Der Leichnam ward unmittelbar nach dem Absterben von den Glaubensgenossen, welche hier als Kompagnie der Tirailleurs d’Afrique interniert sind, gewaschen und einbalsamiert, hernach in Leinwand eingehüllt und dann in einem Sarge, die Füße gegen Sonnenaufgang, unter einem ganz kurzen Gebete in’s Grabe gesenkt.»

Noch heute erinnert ein Obelisk hinter der Hofkirche an die mehr als 70 verstorbenen Boubarkis in Luzern und darauf ist auch eine spezielle Widmung an die «Söhne der Wüste» angebracht.

Das grosse Pferde-Elend

Prominent ist im Bourbaki-Panorama ein dunkelhäutiger Soldat ins Bild gesetzt. Er nimmt eine Brotzeit auf dem verendeten Pferd. Vielleicht gibt es noch einen Rest von Körperwärme ab. Das Schicksal der Pferde nimmt in den Lebenserinnerungen von Heinrich Meier – Direktor der von Moos’schen Eisenwerke und erster Präsident des Luzerner Tierschutzvereins – eine bedeutende Rolle ein.

Dort beschreibt er nicht nur die chaotischen Zustände der Schweizer Armee. Denn die Übergabe der Waffen ist nicht so reibungslos verlaufen, wie es das Panorama-Bild nahelegt. Aber der Herr der Hochöfen auf der Emmenweide hatte auch ein Herz für Tiere.

So schreibt er über die 12’000 Pferde der Bourbaki-Armee, die in der kältestarrenden Landschaft ums Überleben kämpften: «Die Pferde hatten in einer Nacht massive hölzerne Gartenhäge fast rübis und stübis aufgefressen, weil niemand ihnen Heu gab. Wo kein Holz, keine Stauden und Kries, keine Bäume, Wagenräder, Deichsel, Fußpedal etc. vorhanden waren, fraßen sie einander Hals- und Schwanzhaare, wie abgeschert. Große Pappelbäume wurden angefressen, bis sie umfielen. Auch Miststöcke, an denen vielleicht etwas Stroh hervorguckte, verschmähten sie nicht und frassen Löcher in dieselben. Das Elend, das so ein Krieg an Menschen und Tieren anrichtet, trat uns da vor Augen, und die Gedanken dabei sind nicht zu beschreiben.»

Der Emmenbrücker Major Meier ist empört, dass selbst am «17. Tage nach dem Einmarsch dieses Elend» weiterhin vorherrschte.

Bild vom Handel mit Armeepferden.

Auf der anderen Seite war schnell klar: Beinahe 12’000 Pferde zu verpflegen, hätte den noch unterentwickelten Bundesstaat mit seiner damals leeren Staatskasse ruiniert. Bereits den Wehrsold für das kleine Aufgebot der Schweizer Soldaten für die Grenzwache zu zahlen, überforderte das Militärdepartement. Futter für 12’000 Pferde in dem eiskalten Winter zu finanzieren, war undenkbar. Vor allem, nachdem mit dem Eintritt der französischen Armee die Preise für Futtermittel gestiegen waren. Dafür, so wird es wenigstens im Historien-Roman von Charles Lewinsky «Melnitz» beschrieben, sanken die Preise fürs Pferdefleisch. Hoffentlich gelangten nicht die zu Tausenden an Seuchen gestorbenen Rösser als Kadaverfleisch zum Verkauf.

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