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Darum wurde das Projekt in 70er-Jahren stillgelegt

Als Inwil LU für ein eigenes Atomkraftwerk abstimmte

An einer Kundgebung in Gösgen, am 21.06.1981, verlangen AKW-Gegner, dass alle AKW abgestellt werden. (Bild: Staatsarchiv Luzern: PA 475/61.1)

In den frühen 70er-Jahren wird Inwil zum Standort eines Atomkraftwerks auserkoren. Es folgt eine denkwürdige Volksabstimmung. Doch das Grossprojekt hat nicht nur Befürworter. Warum es zum Stillstand kam.

Am 8. Juli 1973 kam es in der Luzerner Gemeinde Inwil zum Showdown. An diesem Sonntag stimmten die Rontaler ab. Das Gelände der Schweissmatt sollte von einer Landwirtschafts- in eine Industriezone umgezont werden. Sollten die Stimmberechtigten das Vorhaben annehmen, würde in ihrem Dorf ein Atomkraftwerk errichtet.

Noch am selben Tag zählte man die Stimmen aus. Von 738 wahlberechtigten Bürgerinnen konnten sich 574 zu einer Stimmabgabe motivieren. Das Ergebnis fiel äusserst knapp aus. Die Befürworter der Umzonung gewannen mit einem Vorsprung von lediglich 12 Stimmen.

Der Urnengang des 8. Juli 1973

Der Abstimmung war ein hektischer Monat vorangegangen.

Am 20. Juni flatterten allen Stimmberechtigten mehrere Kuverts ins Haus. Inhalt waren Unterlagen verschiedener Absender. Zum einen ein Brief der Gemeinde. Sie informierte über den kommenden Urnengang betreffend der Umzonung. Dem gemeindlichen Schreiben lag jedoch noch ein weiterer Bogen bei. Persönlich meldeten sich dort die «CKW», die «Centralschweizerischen Kraftwerke». Inhalt war eine Abstimmungsempfehlung für die kommende Wahl. Separat erreichte auch eine bunte Broschüre die Inwiler Haushalte. Diese informierte über Atomenergie.

Die Bemühungen der CKW um die Errichtung eines Atomkraftwerks an der Schweissmatt war für die Inwiler nichts Neues. Bereits seit November 1971 wussten sie vom geplanten Projekt. Die unverfrorene Art und Weise, wie der Elektrizitätsanbieter sich jedoch in die Gemeindewahl einmischte, verärgerte die Bewohnerinnen.

1978 demonstrierten in Luzern Atomgegner für Hungerstreikende gegen das ebenfalls gescheiterte AKW Kaiseraugst.
Demonstration 1978 gegen die Atomkraft in Luzern (Bild: Emanuel Ammon)

Die Dietwiler Opposition

Monate vor der Gemeindewahl in Inwil, im Dezember 1971, lag ein Aargauer Nachbardorf bereits im Zwist mit den CKW: Dietwil, das unmittelbar an den Kanton Luzern grenzt. Das Dorf liegt an der Reuss, mit freiem Blick auf den Pilatus. Diese Aussicht drohte nun, durch das unmittelbar an der Gemeindegrenze zu stehen kommende AKW beeinträchtigt zu werden. Die Bewohner empörten sich, nicht zuletzt aufgrund der drohenden visuellen Umweltverschmutzung.

Da die Nutzung der Flüsse als Kühlsystem vom Bundesrat im April zuvor untersagt worden war, mussten Atomkraftwerke nun auf Kühltürme setzen. Neben der Vorstellung, die ländliche Idylle durch einen über 100 Meter hohen Kühlturm zu zerstören, empörten sich die Bewohnerinnen auch über Sicherheitsrisiken. Bei einem Treffen mit der Direktion der CKW konnten sie ihre Vorbehalte anbringen. Die Bewohner stellten kritische Fragen bezüglich der Sicherheit. Die Dietwiler wollten wissen, was im Falle einer Naturkatastrophe oder eines unerwarteten Bombenangriffs passieren könnte. Themen wie die Versorgung des atomaren Mülls und das Potenzial von austretender radioaktiver Strahlung beschäftigten sie.

Die CKW dagegen beschwichtigte. Sie nahmen die Atomkraft als saubere, umweltfreundliche und sichere Alternative zu fossilen Brennstoffen wahr.

Inwiler Gegenreaktion

Zurück in Inwil, nach der Umzonungsabstimmung. Die Ergebnisse der Abstimmung schockierten so manche Bewohnerin. Eine lokale Gruppe, welche gegen den geplanten Bau des AKW war, legte mithilfe eines Anwalts staatsrechtliche Beschwerde ein. Sie bemängelten unter anderem die Geschwindigkeit, mit welcher die Wahl einberufen worden war. Auch die Beeinflussungsversuche vonseiten der CKW wurden angesprochen. So wiesen sie auf eine «grosszügige» Spende der CKW hin. Diese hatte der lokalen Musikgesellschaft Inwil zehn neue Uniformen spendiert.

Der damalige CKW-Chef Adolf Gugler lieferte sich Mitte der 70-er-Jahre hitzige Diskussionen rund um das geplante Atomkraftwerk Inwil.
Der damalige CKW-Chef Adolf Gugler lieferte sich Mitte der 70er-Jahre hitzige Diskussionen rund um das geplante Atomkraftwerk Inwil. (Bild: Ausschnitt «Luzerner Tagblatt»)

Da der Kanton Luzern Miteigentümer der CKW war, bestand auch ein direkter Draht zu Regierungsräten. Diese konnten dem Unternehmen eine Entwarnung geben, die staatsrechtliche Beschwerde der Inwiler wurde abgewiesen. Im Oktober 1973 antwortete der Luzerner Regierungsrat mit einer offiziellen Stellungnahme. Begründung ist die Nichteinhaltung der fünftägigen Rekursfrist, welche bei kommunalen Wahlen gilt.

Die Inwilerinnen gaben sich jedoch nicht geschlagen und zogen in nächster Instanz vor das Bundesgericht. Doch auch hier wurde ihre Beschwerde abgelehnt.

Verzögerungen

Die Inwiler Beschwerde verfehlte zwar ihr Ziel, brachte der Protestbewegung aber Aufwind. Auch in Luzern bildete sich eine Bewegung gegen die Atomkraft, die «Gewaltfreie Aktion Inwil». Sie verteilten Flugblätter mit der Aufschrift «Verbrechen an unseren Nachkommen». Doch auch behördliche Überlastungen führten zu Verzögerungen.

Inwil wurde nicht priorisiert. Die Elektrowatt, welche an der Planung des AKW Inwil beteiligt gewesen war, zog gar Mitarbeiter und finanzielle Mittel vom Projekt ab. Die Vollendung des Atomkraftwerkes rückte immer weiter in die Zukunft.

So kam es zum Abbruch des AKW-Projektes Inwil

Nachdem 1979 der Bundesbeschluss zum Atomgesetz angenommen wurde, rückte die Realisierung des AKW in Inwil in weite Ferne. Das Übergangsrecht schrieb fest:

«Bei Atomanlagen, für die eine Standortbewilligung, aber noch keine Baubewilligung besteht, wird in einem vereinfachten Verfahren für die Erteilung der Rahmenbewilligung nur noch geprüft, ob an der Energie, die in der Anlage erzeugt werden soll, im Inland voraussichtlich ein hinreichender Bedarf bestehen wird (…).»

Der Bedarf an nuklearer Energie schien fürs Erste gesättigt zu sein. Die Bauarbeiten in Inwil wurden nie aufgenommen. Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986, bei welcher ein Reaktor explodierte, wurde das Projekt des AKW in Inwil endgültig beerdigt.

Verwendete Quellen
  • Fischer, Raffael (2014): Kein AKW an der Reuss. Das nicht realisierte Projekt eines Atomkraftwerks in Inwil. In: Historische Gesellschaft Luzern. Jahrbuch 32.
  • Kohn, Michael (1990): Energieszene Schweiz. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich.
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