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Bizarrer «Krieg der Kaffeeröster»
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In der Kaffeerösterbranche wird mit harten Bandagen um jede Bohne und jeden Franken gekämpt. (Bild: zvg)

Strafuntersuchung und Zivilverfahren Bizarrer «Krieg der Kaffeeröster»

6 min Lesezeit 28.08.2014, 11:30 Uhr

Kaffeeröster liefern sich seit einiger Zeit über Medien und vor Luzerner Gerichten einen Kleinkrieg. Betroffene oder Involvierte sind, je nach Sichtweise, auch die Kaffeeröstereien Rost in Sursee und Hochstrasser in Luzern. Auf der Suche nach Indizien sind die Parteien alles andere als zimperlich; Privatdetektive, Wanzen und Strafklagen sind Mittel zum Zweck.

Im Kaffeemarkt wird mit harten Bandagen gekämpft. Das beweist eine Art Scheidungskrieg, den sich eine Kaffee-Grossrösterei seit einigen Jahren mit ehemaligen Mitarbeitern liefert, die das Unternehmen verlassen haben.
Es geht um die mögliche Verletzung von arbeitsrechtlichen Konkurrenzverboten, um zivilrechtliche Klagen gegen Restaurants und andere Kaffeeabnehmer, die den Lieferanten gewechselt haben. Aber auch um Vorwürfe der aktiven Abwerbung von Mitarbeitern und Kunden, für welche Privatdetektive angeblich Beweise gesammelt haben. Auch Luzerner Gerichte müssen sich mittlerweile mit dem «Kaffeebohnenkrieg» beschäftigen: Gegen einen Ex-Mitarbeiter der klagenden Kaffeerösterei läuft ein Strafverfahren.

Besitzerwechsel bei Grossrösterei

Den Anfang nahm die Geschichte in Sursee, in der Kaffeerösterei Rost AG. Die Rösterei belieferte bis vor einigen Jahren die Mehrheit aller Restaurants, Hotels, Cafés der Region mit frischem Kaffee der Marke «Rosco», sagt ein Branchenkenner. Heute, fügt er hinzu, sei der Markt unter verschiedenen Röstereien aufgeteilt. Was ist geschehen? Die Rost AG gehörte vor einigen Jahren noch zur Grossrösterei «United Coffee (Schweiz) Holding AG». Dann gab es einen Besitzer- und Namenswechsel: Die UCC (Ueshima Coffee Company), ein japanisches Familienunternehmen, übernahm das Unternehmen.

Besitzerwechsel bei Hochstrasser

Die Familie Giopp, welche die renommierte Kaffeerösterei Hochstrasser seit fünf Generationen führte, hat sich aus dem Unternehmen zurückgezogen und ihre Aktien verkauft, wie aus einer Firmenmitteilung hervorgeht. Unterschrieben ist die Mitteilung vom CEO R.V., dem neuen starken Mann in der Firma. Viktor M. Giopp trat als Verwaltungsratspräsident zurück (er war bis Juli auch Co-VR-Präsident der Bündner Rösterei Don George, wo er ebenfalls ausgeschieden ist). Giopp übernahm die Firma 2004 von seinem Vater. 2007 holte er die Hamburger Kaffeegrossrösterei J.J. Darboven als Partnerin an Bord. Noch 2008 hatte Giopp in der «Neuen Luzerner Zeitung» erklärt: «Ein Verkauf ist kein Thema, denn es gibt keinen Grund dafür. Als Familienunternehmen sind wir geschäftlich und auch emotional stark mit der Firma verbunden.» Warum er das Schiff verlassen hat, ist unklar: Sämtliche Anrufe blieben unbeantwortet.

Gemäss dem Branchenkenner änderten damals nicht nur die Besitzer und der Geschäftsführer, sondern auch die Philosophie und die Strategie. Statt die lokalen Kunden von Sursee aus zu bedienen, wurde vieles zentralisiert, die Restaurants oder Cafés mussten bei der Zentrale der UCC in Zollikofen anrufen. Die lokalen Verkäufer mussten zudem neben «Rosco» andere Marken verkaufen und betreuten grössere Regionen. Unmut machte sich breit, bei Kunden wie Mitarbeitern.

Einige Zeit später verliess der langjährige Geschäftsführer R.V.* die Rost AG. Unfreiwillig. «Er hatte ein verschärftes Konkurrenzverbot», erklärt Marco Giuoco, der CEO der UCC. Was nachher geschah, ist Spekulation. Giuoco behauptet, dass sein Vorgänger in der Folge für Konkurrenzunternehmen tätig war. «Vermuteterweise hat er schon während seiner Tätigkeit bei den Rechtsvorgängerinnen der UCC für Konkurrenzunternehmen gearbeitet», sagt er.

Heute Chef bei Hochstrasser in Luzern

R.V. will keine Stellung nehmen dazu. Heute ist er Geschäftsführer der Don George Spezialkaffee Rösterei AG in Untervaz. Ausserdem amtet er als Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident der Hochstrasser AG in Luzern (siehe Infobox). Beide Firmen stehen in Konkurrenz zu den Röstereien und Marken der UCC.

Aber nicht nur R.V., sondern auch andere Mitarbeiter verliessen die UCC. Sie könnten Geschäftsgeheimnisse mitgenommen haben, sicher aber ihre Kontakte. Die UCC ging in der Folge zivilrechtlich gegen Mitarbeiter vor. Man einigte sich teilweise mit Vergleichen. «Einige ehemalige Mitarbeitende haben die von UCC geltend gemachte Konkurrenzverbotsverletzung anerkannt und freiwillig eine Konventionalstrafe bezahlt», sagt Marco Giuoco.

In 15 Monaten 38 Mitarbeiter gegangen?

Viele der früheren Mitarbeiter sind gemäss «Gastro-Journal» inzwischen tatsächlich bei der Konkurrenz beschäftigt. «Insgesamt haben laut inoffiziellen Informationen in gut 15 Monaten rund 38 Mitarbeitende die UCC verlassen», schreibt die Wirtezeitung. Sieben davon arbeiteten jetzt bei ihrem ehemaligen Chef R.V. «Alle haben aus freien Stücken bei uns angefragt», sagt R.V. dem «Gastro-Journal».
Giuoco sagt zum Aderlass bei seiner Firma: «Die Grössenordnung von 38 stimmt.» Doch er sieht die Gründe für die Abgänge nicht in seinem Unternehmen. Er wirft R.V. und anderen früheren Mitarbeitern vor, diese aktiv abgeworben zu haben. «Als sich ehemalige Mitarbeiter von uns selbständig gemacht hatten, ging es los.» Beweise kann Giuco zentral+ nicht vorlegen. UCC hat gegen R.V. als einzigen kein Verfahren angestrengt. Obwohl es diesen als geheimen Drahtzieher vermutet.

R.V. respektive seine Beratungsfirma hatte umgekehrt gegen seinen Ex-Arbeitgeber United Coffee ein Verfahren wegen eines ausstehenden Geldbetrags von über 100’000 Franken in Luzern laufen. Das Bezirksgericht Willisau trat auf die Klage nicht ein, darauf legte R.V. Berufung ein. Das Kantonsgericht Luzern bestätigte jüngst den Entscheid der Vorinstanz.

Üble Nachrede und unlauterer Wettbewerb?

Der Vorwurf der Abwerung ist nicht der einzige, den UCC erhebt. Ein zentral+ vorliegender Rundbrief an Kunden in der Zentralschweiz vom Mai ist überschrieben mit dem Titel «UCC Coffee Switzerland wehrt sich gegen üble Nachrede und unlauteren Wettbewerb». Und weiter: «Seit mehreren Jahren leidet unsere Gruppe unter übler Nachrede, unlauterem Wettwerb sowie weiteren strafbaren Handlungen durch Konkurrenten. Um uns gegen die fortlaufende Rufschädigung zu schützen, haben wir bereits vor einiger Zeit gegen ehemalige Mitarbeiter und heutige Mitbewerber rechtliche Schritte eingeleitet.»

Marco Giuco sagt, ehemalige Mitarbeiter, die bei der Konkurrenz arbeiteten, hätten das Gerücht verbreitet, dass die Rösterei in Sursee mangels Aufträgen geschlossen werde. Giuco dementiert dies: «Die UCC steht zu ihren regionalen Röstereien und somit zum Standort Sursee.»

Das Gleiche passiert übrigens auch gemäss der Zeitung «Südostschweiz» in anderen Regionen wie Graubünden, wo sich die UCC-Kaffeemarke «Sima» und die Rösterei «Don George» konkurrenzieren. In Graubünden wurde gemäss der «Südostschweiz» der selbe Brief verschickt.

«Jährlich 200’000 bis 300’000 Franken verloren»

Der UCC-Chef sagt gegenüber zentral+, er habe mittlerweile auch zirka 200 Kunden verloren. Giuco: «Der Schaden ist massiv. Jährlich gehen wir von 200’000 bis 300’000 Franken aus, die wir verlieren.» In der Innerschweiz und in Zürich habe man am meisten Kunden verloren an die Firma Hochstrasser aus Luzern.

R.V. zieht es vor zu schweigen. Von seinem Anwalt lässt er zentral+ einen Brief schicken, der untersagt, seinen Namen oder den Namen Hochstrasser im Zusammenhang mit den Rechtsstreitigkeiten der UCC zu nennen. Andernfalls wolle man rechtlich vorgehen.

Bei der Staatsanwaltschaft Sursee läuft seit 2012 ein Verfahren wegen möglichen Wirtschaftsdelikten.  Es richtet sich gegen G.C., der früher ebenfalls bei der Rost AG in Sursee arbeitete und das Unternehmen verliess. Dabei geht es um Abklärungen bezüglich Nötigung, Diebstahl, unbefugte Datenbeschaffung, Verletzung des Fabrikations- und Geschäftsgeheimnisses und Widerhandlungen gegen das Bundesgesetz gegen unlauteren Wettbewerb. Tatsache ist: G.C. sitzt mit R.V. im Verwaltungsrat der Bündner Kaffeerösterei Don George und der Firma Hochstrasser.

Hausdurchsuchung

Bei C.G. fand eine Hausdurchsuchung statt. Gemäss dem Einnahmeprotokoll der Luzerner Polizei, das zentral+ vorliegt, wurde C.G. während der Hausdurchsuchung angewiesen, mit niemandem ausser mit seinem Rechtsanwalt in Kontakt zu treten. Dennoch soll er während dieser Zeit mit R.V. per SMS Kontakt aufgenommen haben, was er bestreitet.

C.G, für den die Unschuldsvermutung gilt, wird zum Beispiel vorgeworfen, «im Sitzungszimmer der United Coffee, Rost AG und Cafag Kaffeemaschinen AG eine professionelle Abhörwanze installiert zu haben», wie es in der Strafanzeige unter anderem heisst.
Das «Gastro-Journal» entkräftet diesen Vorwurf allerdings gleich wieder. Es zitiert aus einem Gutachten des Kriminaltechnischen Dienstes der Luzerner Polizei, wonach es sich um einen so genannten Voice-Recorder für Grusskarten handle. «Im vorliegenden Zustand können damit keine Gespräche aufgezeichnet werden», zitiert die Zeitschrift.

Bei der Hausdurchsuchung bei G.C. wurden diverse Daten, Papiere, Computer sichergestellt. Die Luzerner Untersuchungsbehörden mussten darauf die Entsiegelung beantragen, das Zwangsmassnahmengericht stimmte zu. Daraufhin klagte G.C. bis vor Bundesgericht. Das höchste Gericht entschied im Juli 2013, dass die Akten freigegeben werden können.

Privatdetektive sammelten Beweise

Die Kaffeerösterei UCC ihrerseits scheut keinen Aufwand, um Beweise für das unlautere Verhalten ihrer ehemaligen Mitarbeiter zu finden. Die publik gemachte Überwachung von Ex-Mitarbeitern mit Privatdetektiven, um sie bei der Verletzung von arbeitsrechtlichen Konkurrenzverboten zu ertappen, wird von UCC-Chef Marco Giuoco nicht geleugnet.
«Um ein Konkurrenzverbot gerichtlich durchzusetzen, sind konkrete Beweise notwendig. Diese Beweise haben wir auf unterschiedliche Weise erbracht», sagte Giuoco. Man habe Fotodokumentationen, Videos und Mailverkehr gesammelt.

Die Querelen der UCC mit ehemaligen Mitarbeitern sowie Kunden füllen mittlerweile Dutzende von Bundesordnern und beschäftigen verschiedene Luzerner Behörden. Die Sache ist und bleibt undurchsichtig, es gibt keinen Schuldspruch und in der Strafuntersuchung gegen G.C. wurde bisher keine Anklage erhoben.

Das «Gastro-Journal« spricht von eine «Scheidungskrieg», bei dem schmutzige Wäsche gewaschen wird und «am Ende wohl keine Seite mit absolut blütenreiner Weste dasteht». Dies zeigten die in einzelnen Fällen geschlossenen Vergleiche.

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