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Band-Invasion in der Zuger Galvanik!
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Frontal, die älteste Band auf dem Sampler. (Bild: Rolf Fassbind)

Der Zuger Sampler lädt zur Monster-Plattentaufe Band-Invasion in der Zuger Galvanik!

7 min Lesezeit 17.12.2016, 12:03 Uhr

Dieses Wochenende wird nun endlich, endlich der Zuger Sampler getauft. 21 von 22 aufgenommenen Bands finden sich zur dreitägigen Plattentaufe in der Galvanik ein und lassen es auf zwei Bühnen ordentlich krachen. Und unsere Reporterin war mittendrin.

Mit dem Zuger Sampler erscheint in diesem Winter wohl eines der ambitioniertesten Musikalben, das Zug seit Langem gesehen hat. Björn Bredehöft, seines Zeichens Tontechniker und Bassist, versammelte während des Sommers fast die komplette Rockszene des Kantons Zug und bat sie, einen Song aufzunehmen. Zwischen Mikrofonkabeln, leeren Bierflaschen und gerissenen Gitarrensaiten packten viele der Bands die Gelegenheit beim Schopf, um Songs, die es bis dahin nie auf ein Album geschafft hatten, neu zu arrangieren und auf die CD zu packen.

10½ Stunden Musik an drei Abenden

Am Donnerstag um 20.15 Uhr ging es los. Trotz noch nicht ganz Wochenende und eisiger Kälte fanden sich bereits zu Konzertbeginn über 100 Besucher in der Galvanik ein. Den Anlass eröffnete Gracchus. Die relativ junge Band, bestehend aus Bernhard Schnellmann (git, voc), Philippe Fuhrer (git), Marcel Bütikofer (b) und Alan Murphy (dr), die gerade ihre erste EP MCMLXXX (1980) aufgenommen hat, probt normalerweise in einem umgebauten Schweinestall in Oberwil. An diesem Abend hauen sie den Konzertbesuchern verzerrte Gitarrenchords und deftige Schlagzeugrhythmen um die Ohren. Und dazwischen die raue, melodiöse Stimme Schnellmanns.

Grachus macht den Festivalauftakt.

Gracchus macht den Festivalauftakt.

(Bild: Rolf Fassbind)

«There’s a crack in everything, that is where the light gets in», ist die Songzeile, welche er gerne selber geschrieben hätte, erzählt der Sänger später im Gespräch. «Leider ist Leonard Cohen zuerst drauf gekommen.» Die Band macht zurzeit eine Konzertpause, um genügend Material für ein richtiges Album zu schreiben, damit sie im 2017 voll durchstarten kann.

Verpasst? Heute Abend geht es noch weiter

Der dritte und letzte Festivaltag am Samstag hat es noch mal in sich: Welträumer, Blue Moon, Ramon Clau, Rundfunk, Preef, Humanoids, Mindcollision und extra aus Berlin angereist R We Alone? spielen ab 20.15 Uhr im 45-Minuten-Takt.

Als Nächstes folgen Thin & Crispy. Flurin Egler (voc), Renato Iten (cajon, voc), Erich Meienberg (git, voc) und Matteo Huwyler (git, voc) bewegen sich mit ihrer Musik zwischen Irish Folk und Singer-Songwriter-Material. Sie singen über gestrandete Mexikaner in der Wüste und eine hübsche Bardame namens Molly, vierstimmig im Chörli und mit einem Zwinkern in den Augen. Und kaum fertig folgt auch schon Troubadueli. Im echten Leben Ueli Stampfli, besingt der Troubadour die schönen und hässlichen Seiten des Lebens. Alleine mit seiner Gitarre, wie ein junger Mani Matter, schimpft er über Wirtschaftsextremisten, amüsiert sich über unfähige Hundeherrchen und wird tiefgründig, wenn er über seine eigene Existenz als Teil eines riesigen Mosaiks singt.

Spionagefilme und Trash Punk zum Schluss

Und dann kommt Öz Ürügülü. Unbestritten eine der seltsamsten Bands, die der Kanton Zug zu bieten hat. Ihre Musik lässt sich am besten als der Soundtrack zu einem imaginären Siebzigerjahre-Spionagefilm mit Super-Mario-Sequenzen und düsteren Marylin-Manson-Gitarren beschreiben, gemischt mit Free-Jazz-Soli.

Herrlich absurd – Öz Ürügülü

Herrlich absurd – Öz Ürügülü

(Bild: Rolf Fassbind)

Ausnahmsweise mal ohne weisse Schutzanzüge auf der Bühne, spielen sie sich durch ihr herrlich absurdes Repertoire, während die Galvanik-Leitung draussen umherrennt, da pünktlich zu Öz Ürügülüs Konzertbeginn vor dem Haus eine Wasserleitung geplatzt ist und die Strasse unter Wasser setzt. Das Publikum drinnen feiert währenddessen unbeeindruckt weiter.

Den Schluss des Abends bestreitet Frontal. Die älteste Band auf dem Sampler (Gründungsjahr 1998), geschmückt mit Lametta-Perücken und Lichterketten, steht für hochdeutschen Punk mit einer gehörigen Portion Trash. Obwohl es bereits kurz vor Mitternacht ist, pogt das Publikum ungeniert vor der kleinen Bühne, Punks, Musiker und Besucher zugleich.

Dann ist der Spuk vorbei und ein Grossteil macht sich auf den Weg zur S-Bahn-Haltestelle – die meisten müssen am Freitag zur Arbeit.

Der zweite Festivaltag

Den Freitagsauftakt machen A.K.A. Unknown. Als Musikschul-Coverband gegründet, gaben sich Linus Meier (b), Dominik Zäch (git), Collin Bos (dr), Daniel Gieger (keys, tp, flh) und Oskar Arnold (as) 2013 den Namen A.K.A. Unknown und beschlossen, fortan nur noch Musik zu spielen, die sie selber geschrieben haben. Dabei setzen sie sich selber keine Grenzen, weder stilistisch noch technisch. «Wir haben alle grosses Interesse an komplexen Rhythmen und Taktwechseln», erzählt Daniel Gieger später. Auf der Bühne sitzt er meist an den Keys, nur um mitten im Song aufzuspringen und mit dem Flügelhorn oder der Trompete den Saxofonisten zu unterstützen. «Das Flügelhorn hat einen weichen runden Klang, der super zu unserem Sound passt. Aber manchmal muss es auch körniger, direkter sein. Dafür ist die Trompete da», sagt Gieger. Die fünf Jungs legen grossen Wert auf ihren Sound, das hört man.

Thin and Crispy bei der Zuger Sampler-Plattentaufe in der Galvanik.

Thin and Crispy bei der Zuger Sampler-Plattentaufe in der Galvanik.

(Bild: Rolf Fassbind)

Kaum haben sie die Bühne freigegeben, installiert sich bereits Oals. 2011 gegründet, spielen Lenz Gnos (dr), Pascal Seeberger (keys), Marcel Sigrist (b) und Stefan Keiser (git, voc) vor allem in der Galvanik. «Das ist praktisch, weil unser Bandraum auch hier ist», lacht Stefan Keiser. «Hauptsache, wir können Musik machen. Ob nun an Konzerten oder privat, für uns spielt das keine grosse Rolle.» Die Band legt weniger Wert auf Perfektion als auf den Moment. Ihre Musik ist mal hart, mal wütend und dann wieder fast verliebt. «I love you more than Elvis», singt Keiser auf dem Sampler.

Mit Stuberein folgt eine der bekannteren Bands aus Zug. Mit dem Spruch «Mier sind stuberein und heissed au so» beginnen Pascal Bühler (git, voc) Manuel Meienberg (perc), Buddy Stocker (tb), Rafael Jerjen (b) schon seit Jahren ihre zahlreichen Konzerte in Bars, Clubs, Festivals und WG-Partys. So kennen auch die meisten Zuhörer mindestens die Refrains und singen fleissig mit.

Leise Töne zum Verschnaufen

Mit Etienne Merula nähern wir uns langsam der Halbzeit. Mit Gitarre und Stomp-Box besingt der Zuger Singer-Songwriter, der mittlerweile in Zürich wohnt, die bittersüsse Melancholie der Liebe. Für den Sampler und das dazugehörende Konzert hat sich Merula Verstärkung geholt: In der zweiten Hälfte seines Konzert spielt er mit Sämi Büttiker (dr) und Rafael Jerjen (b) im Trio. «Nächstes Jahr möchte ich gerne endlich ein Album aufnehmen und dafür mit verschiedenen Besetzungen experimentieren», verrät Dominique Duss, wie er bürgerlich heisst. «Vielleicht sogar mit Streichern, so richtig grosse Arrangements schreiben und Vollgas geben.»

Mit Mothership Caldonias lautem Funk-Sound wird das Publikum wieder in den Saal gelockt. Die neunköpfige Band spielt seit 2014 in der aktuellen Besetzung. «Früher hiessen wir noch Monochrome. Als dann unser deutscher Namensvetter erfolgreich genug für Konzerte in der Schweiz wurde und sogar unsere Freunde verwirrt waren und sich fast ein Ticket kauften, haben wir beschlossen, uns umzutaufen», erzählt Bariton- und Alt-Saxofonist Fabian Kessler.

«Vorher war’s eigentlich ganz lustig, als wir plötzlich mit deutschen Festivals verlinkt wurden. Ich habe sogar mal ein Interview für sie gegeben und ziemlichen Mist erzählt. Am Schluss hat die Journalistin es aber gemerkt und das Interview nicht veröffentlicht.» Mit dem neuen Namen kam auch eine neue Sängerin, die sich energiegeladen gegen die acht Musiker durchsetzt und das Publikum zum Pirouettendrehen verleitet.

Gleich danach geht’s weiter mit den ominösen Margrit Garlic. Das Trio mit Matthias Ulrich (git, voc), Beny Süess (dr) und Christoph Rohrer (b) kennt man vor allem als Waldstock-Kuba-Bar-Band, die mittlerweile bereits zum Inventar gehört. Als Line-check spielen sie «Put the Lime in the Coconut» von Harry Nilsson und verteilen Kokosnuss-Limetten-Shots an das bereits ungeduldig wartende Publikum.

Troubadueli bringt etwas Ruhe ins Getümmel.

Troubadueli bringt etwas Ruhe ins Getümmel.

(Bild: Rolf Fassbind)

Endspurt!

Die Galvanik ist mittlerweile so gefüllt, dass während der Konzerte auf der kleinen Bühne kaum mehr ein Durchkommen zur Bar ist. Fans aller Musikrichtungen und Alters schaukeln mit einem Bier in der Hand zur Musik, tanzen und schwatzen und freuen sich über die Konzerte.

Um 00.45 Uhr betritt mit Stuck In Traffic eine weitere ambitionierte Band die Hauptbühne. Seit sie vor vier Jahren das Sprungfeder-Finale gewonnen haben, entwickelten sich die vier Musiker ständig weiter. Mit Ausnahme vom Basissten Fernando Schnellmann spielen alle noch in weiteren Bands: Bastian Inglin (dr) bei Welträumer, Andreas Schwendener (git, voc) in seinem neuen Projekt The Flying Turtles und Dino Sabanonic (git, voc) hat vor zwei Wochen mit dem Zuger Rapper Weibello schon wieder die Sprungfeder gewonnen.

Während drinnen gerockt wird, platzt draussen eine Wasserleitung.

Während drinnen gerockt wird, platzt draussen eine Wasserleitung.

(Bild: Rolf Fassbind)

Die vier sind ein eingespieltes Team – die Songs ihres Albums «Midnight Show» sitzen und auch der neue Song, den sie exklusiv für den Sampler geschrieben haben, fügt sich nahtlos in ihr Programm ein. «In nächster Zeit werden wir vor allem im Bandraum neue Songs schreiben», erzählt Sabanovic vor dem Konzert. Im selben Bandraum, den sie übrigens mit Gracchus, der ersten Band des Festivals, teilen.

Mit Troimer tritt um 1.30 Uhr die letzte Band des Abends auf. Mit «A Clockwork Orange» angehauchten Kostümen lassen sie sich den bereits fortgeschrittenen Abend nicht anmerken. Obwohl Sämi Büttiker (dr) und Pascal Seeberger (keys) schon mit anderen Formationen am selben Abend aufgetreten sind, Björn Bredehöft (b) den Sampler produziert und das Festival organisiert und wohl schon lange nicht mehr geschlafen hat, geben sie alles, was sie haben. Das Foyer ist mittlerweile zugenebelt und die Zuschauer verlangen eine Zugabe. Eigentlich sind Zugaben nicht erlaubt, zu straff ist der Zeitplan, aber am Schluss eines so langen und abwechslungsreichen Konzertabends wurde doch noch eine Ausnahme gemacht. Kurz vor halb drei ist Freitagabend zu Ende.

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