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21st Century: Um das Luzerner Filmorchester tobt ein Machtkampf
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Die KKL-Filmvorführung von Braveheart mit Ludwig Wicki als Dirigent. (Bild: zvg / 21st Century Symphony Orchestra)

Orchester und Veranstalter streiten um Namen 21st Century: Um das Luzerner Filmorchester tobt ein Machtkampf

5 min Lesezeit 15.09.2017, 08:44 Uhr

Seit Jahren füllt das «21st Century Orchestra» den KKL-Konzertsaal mit Live-Musik zu Filmblockbustern wie Herr der Ringe, Star Wars und James Bond. Doch um das lukrative Geschäftsmodell und den etablierten Namen streiten Produzent und Orchester seit über einem Jahr.

Der Luzerner Dirigent Ludwig Wicki hatte Ende der 90er-Jahre eine durchschlagende Idee: Die Kombination aus Filmvorführung und Live-Orchester (zentralplus berichtete). Der grosse Durchbruch kam 2008, als er die Weltpremieren der Filmtrilogie «The Lord of the Rings» im KKL Luzern durchführte. Seither geht es stetig bergauf, die Konzerte füllen das KKL und die internationalen Bühnen zugleich. Doch im Hintergrund beherrschen derzeit Misstöne das Ensemble.

Das «21st Century Symphony Orchestra» unter dem musikalischen Leiter Ludwig Wicki verhandelt mit seinem Veranstalter Pirmin Zängerle. Seine Produktionsfirma «21st Century Concerts» vertreibt die Konzerte des Orchesters seit vielen Jahren.

«Pirmin Zängerle wirbt mit dem Namen 21 Century für Konzerte, bei denen wir nicht auftreten.»

Andy Weymann, Präsident 21st Century Symphony Orchestra

Grund für den Knatsch: Zängerle führt parallel unter seiner eigenen Produktionsfirma mit dem Label «21st Century Concerts» Konzerte durch. Gegründet hat er die Firma laut Handelsregister im Juni 2016. Der Name klingt zwar sehr ähnlich, dahinter stecken jedoch zuweilen andere Musiker und Dirigenten. So wird zum Beispiel «La La Land» Mitte Oktober mit der Sinfonietta Lausanne aufgeführt oder «West Side Story» mit dem Sinfonieorchester Mailand im Januar. «Für diese Vorführung von West Side Story wurden wir von Herrn Zängerle nicht angefragt, das ist eigenartig», sagt Andy Weymann, Präsident des Orchestervorstandes. Er bestätigt: «Die Verhandlungen laufen bereits seit Ende letzten Jahres.»

Der zentrale Vorwurf: «Herr Zängerle wirbt mit dem bekannten Namen des Orchesters an Veranstaltungen, an denen das Ursprungsorchester nicht beteiligt ist», erklärt Weymann. «Er wirbt mit dem Namen 21st Century beispielsweise für Konzerte, bei denen wir nicht auftreten. Das geht einfach nicht.»

Das Original wurde vor 18 Jahren von Ludwig Wicki gegründet. Das «21st Symphony Orchestra» besteht laut Weymann aus rund 120 Stammmusikern. Hinzu kommen 300 Zuzüger, die in unregelmässigen Abständen eingesetzt werden. «Eine Mehrheit der Musizierenden stammt aus der Innerschweiz. Einige von ihnen sind bereits seit Beginn mit dabei.» Seither holte Wicki über 20 weltweite Premieren ins KKL.

Ludwig Wicki vor dem Auftritt im Flecken Beromünster.

Der musikalische Leiter des 21st Century Symphony Orchestra, Ludwig Wicki.

(Bild: giw)

Bewegen Zängerle finanzielle Motive?

Eigentlich möchte Wicki mit seinem Orchester viel öfters in Luzern auftreten. «Das KKL ist so etwas wie unser Heimstadion», wie Orchesterpräsident Weymann ausführt. Die Musiker des «21st Century Orchestra» sind hier verwurzelt. Doch mit den Konkurrenzveranstaltungen von Zängerle wird das zunehmend schwieriger.

«Zu Gerüchten und falschen Unterstellungen nehme ich keine Stellung.»

Pirmin Zängerle, Produzent und Konzertveranstalter

Um was genau hinter verschlossenen Türen verhandelt wird, verraten die beiden Parteien nicht. «Juristisch ist die Sache sehr komplex. Es gibt kein einfaches Schwarz-Weiss in dieser Geschichte», erklärt KKL-CEO Philipp Keller. Das KKL selbst möchte eine neutrale Position einnehmen in den Verhandlungen. Denn für Keller ist klar: «Sowohl Herr Zängerle als auch das Orchester sind sehr wichtige Partner für uns.»

Weymann vermutet: «Hinter den Gastspielen stehen möglicherweise auch finanzielle Motive.» Möchte Zängerle mit den Auftritten von ausländischen Orchestern Geld sparen? Der Unterschied zu den Vorführungen bestehe neben der Herkunft der Musiker auch im Erfahrungsschatz des Orchesters und dessen Dirigenten: «Mich wundert das Vorgehen von Herrn Zängerle», so Weymann. «Ludwig Wicki ist sehr renommiert in diesem Bereich – das zeigen die zahlreichen Anfragen aus der ganzen Welt.»

«Versuch, mich zu diskreditieren»

Hinter vorgehaltener Hand wird Zängerle als dominant und machtbewusst wahrgenommen. Weymann möchte das nicht kommentieren, sagt aber: «Pirmin Zängerle verhandelt, wie er das eben tut. Ich denke, die Geschwindigkeit der Verhandlungen spricht für sich.»

Pirmin Zängerle will sich auf Anfrage von zentralplus nicht zu den Vorwürfen äussern: «Zu Gerüchten und falschen Unterstellungen nehme ich keine Stellung.» Zängerle wirkt am Telefon verärgert. «Es geht um einen Versuch, mich zu diskreditieren. Das zeigt: Herr Weymann ist nicht an einem guten Verhandlungsresultat interessiert.» Zu seinen Beweggründen äusserte sich Zängerle im Gespräch nicht.

Wie lange die Sitzungen um die zukünftige Zusammenarbeit noch andauern oder bis wann eine Lösung gefunden wird, ist völlig offen. «Es wäre ein enormer Verlust für das KKL, wenn die Gespräche scheitern.» Doch auch wenn alle Stricke reissen sollten: «Ich denke, wir werden weiterhin Premieren spielen im KKL», so Orchesterpräsident Weymann.

KKL: «Sehr wichtige Partner»

Doch was ist die Haltung des KKL in diesem Schlagabtausch? Schliesslich füllen die Konzerte des 21st Orchestra unter der Leitung von Wicki und dem Veranstalter Zängerle den Saal immer und immer wieder. «Das 21st-Format ist ein starkes Angebot und bedeutend für das KKL. Es zeichnet das Haus in der Deutschschweiz aus.» So richtig Fahrt aufgenommen habe die Auseinandersetzung eigentlich erst im Mai 2017, erklärt Keller. Nur wenige Wochen nachdem Keller das Amt übernommen hat (zentralplus berichtete).

«Die beiden Seiten müssen ja nicht gemeinsam in die Ferien.»

Philipp Keller, CEO KKL

Der KKL-CEO hofft weiter, dass sich die Parteien einigen: «Ludwig Wicki leistet eine herausragende Arbeit als Dirigent, während Pirmin Zängerle die Vermarktung erfolgreich vorantreibt.» Diese Konstellation habe über eine lange Zeit hinweg sehr gut funktioniert: «Man darf nicht vergessen, die beiden haben über Jahre hinweg erfolgreich zusammengearbeitet.»

Pirmin Zängerle (links), Ludwig Wicki, Martin Böttcher und Howard Shore.

Da waren sie sich noch einig: Pirmin Zängerle (links), Ludwig Wicki, Martin Böttcher und Howard Shore am Orchester-Jubiläum 2009.

(Bild: zvg)

Wird Publikum getäuscht?

Im Konzerthaus versucht man deshalb die Parteien an einen Tisch zu bringen und erwartet weiterhin einen positiven Ausgang der Verhandlungen. «Die beiden Seiten müssen ja nicht gemeinsam in die Ferien, aber zumindest eine Fortführung der Zusammenarbeit wäre wünschenswert und optimal», sagt Keller. Aus Sicht des KKL geht es insbesondere darum, die etablierte Vorreiterrolle zu sichern: «Das Format passt sehr gut. Wir erreichen dadurch ein Publikum, das sonst keinen Zugang zum KKL hat – aus der gesamten Deutschschweiz», meint Keller.

Dass nun Konzerte unter dem Namen 21st stattfinden, ohne dass das Orchester von Wicki beteiligt ist, sieht Keller nicht als problematisch. «Ich denke nicht, dass das Publikum getäuscht wird. Einerseits steht im Programm, welches Orchester spielt, andererseits geht es vielen überregionalen Besuchern des Filmmusik-Formates vor allem insbesondere auch um diese Art der Vorführung an sich», so der KKL-CEO. «Zudem geben wir dieses Wochenende dem Orchester mit zwei Daten im Konzertsaal ebenfalls eine bestmögliche Plattform, sich im KKL mit einer eigenen Produktion ihren Fans zu präsentieren.» Gesichert sind die gemeinsamen Produktionen von Zängerle mit dem «21st Century Symphony Orchestra» bis im nächsten April. Wie es danach weitergeht, weiss niemand so genau.

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