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Der Luzerner Tatort im Visier von zentral+. (Bild: SRF/ Fotomontage jav)

Kritik zu «Schutzlos» zentral+ nimmt den Luzerner Tatort ins Visier

5 min Lesezeit 1 Kommentar 05.07.2015, 21:15 Uhr

Nach dem Luzerner Tatort: Die Kritik von zwei zentral+-Redaktoren zu «Schutzlos». Einig sind sich beide, dass diese Folge ausgesprochen stark war. Und dass einer der beiden Kommissare ersetzbar wäre.

«Schutzlos», der neuste Luzerner Tatort handelt vom 18-jährigen Asylsuchenden Ebi Osodi aus Nigeria. Dieser wird erstochen unter einer Brücke an der Reuss aufgefunden. Der Fall konfrontiert Liz Ritschard und Reto Flückiger mit einer Wand von Vorurteilen, dem erbarmunglosen Drogenmilieu und komplexen Lügenkonstrukten seitens Asylsuchender. Und während Flückiger mit seiner Gesundheit kämpft, lässt Ritschard sich immer mehr emotional hineinziehen.

Jana Avanzini sagt:

Am Ende dieses Tatorts musste ich mir mehrmals die Augen zuhalten und eine Träne habe ich auch vergossen– für Jola. Ich habe mitgefiebert, war betroffen, berührt und aufgebracht. Doch der Weg dahin war holprig. Ich brauchte eine ganze Weile, um in den Film reinzukommen.

Die Dialoge kommen stellenweise etwas krampfig daher, die Sprache hölzern, glatt und zu schriftlich. Mehr Improvisation über das Textbuch hinweg wäre bestimmt kein Fehler gewesen.

Der neuste Luzerner Tatort greift ein wichtiges Thema auf, die Asylpolitik und ihre Auswirkungen. Oder das Klischee des dealenden Schwarzafrikaners.

Die Botschaft aber ist oft belehrend und moralisierend. Es scheint, als möchte uns dieser Tatort erklären, wie die Asylpolitik wirklich funktioniert, oder besser: nicht funkioniert. «Es sind keine Schmarotzer, sondern schlimme Schicksale.  – Das Volk entscheidet über diese Schicksale und den Umgangston, nicht der arschige Beamte. – Die Perspektivlosigkeit und die verschuldeten Verwandten in der Heimat treiben die Flüchtlinge in die Kriminalität.» Und zu offensichtlich fehlt es den Beamten im Film immer wieder an Respekt, an Mitleid und Anstand gegenüber den Asylberwerbern – so, dass man Ritschard gern noch ein paar Fäuste mehr austeilen lassen würde.

Doch man kann Leute nicht durch einen Tatort belehren oder gar umdrehen. Dieser aber packt die Moralkeule aus und wirkt dadurch etwas lehrerhaft. Einfach etwas zu viel des Guten.

Und was war bitte der Sinn dieser seltsamen Aussetzer von Flückiger? Man hätte ihm auch einfach eine Grippe verpassen können. Seine irren Blicke und dann noch die Vertauschung von Ebi und Mattmann waren doch einfach übertrieben.

Die Schauspieler

Delia Mayer als Liz Ritschard – grossartig. Wie sie emotional reingezogen wird – und auch der Umgang mit dem angeschlagenen Flückiger ist sehr sympathisch.

Der Drogenfahnder Franz Hofstetter gefällt, stark gespielt von Andreas Krämer. Man nimmt ihm die Härte und seine Aufreger auch wirklich ab.

Und auch die jungen Schauspieler Rauand Taleb als Navid und Marie-Hélène Boyd als Jola überzeugten mich komplett. Doch die Figur des Dolmetschers alias «Nelson Mandela» war mein absoluter Favorit.

Schön, als es Polizeichef Mattmann doch etwas an Herzchen geht, nachdem er Ritschard wegen ihres Engagements angepflaumt hat.

Peinlich sind die übertrieben abwesenden Junkies mit Letten-Outfits, Schlafzimmerblick und lallenden Zungen. Bisschen 90er Jahre-Vorstellung.

Lustig, wenn man die Baselstrasse kennt und sich da plötzlich Prostituierte, bergeweise Abfall und Dealer tummeln, statt der üblichen Kunsti-studenten und Partygänger. Aber wenn man halt kein solches Quartier hat, in einer hübschen Dorf-Stadt wie Luzern, dann muss man sich eines herrichten. Auch für Gubser gibt’s von mir diesmal ein kleines Lächeln, für sein «Lächeln» beim – natürlich – deutschen Arzt.

Schlusswort:

Ich gehe hoffnungslos aus diesem Tatort. Denn diese fiktiven Schicksale, die mir sehr ans Herz gingen, sind zu Hunderttausenden Realität.  Trotz der immer wieder kritisierten sprachlichen Qualität, fand ich diesen Luzerner Tatort spannend, berührend und stark gespielt. Und Kommissar Flückiger darf von mir aus auch die nächste Folge noch krank sein.

Note für den Film: 7

Note für Kommissar Flückiger: 6

Note für Kommissarin Ritschard: 9

 

Luca Wolf sagt:

Nun erwischt mich der aktuelle Luzerner Tatort «Schutzlos» auf dem falschen Fuss. Denn diesmal war ich richtig angetan vom Machwerk. Dabei wollte ich doch schon dazu aufrufen, dem Spuk ein Ende zu setzen.

Doch «Schutzlos» ist ein starker Film geworden. Getragen von starken Schauspielern, von einer überzeugenden Geschichte und einem meist durchgehenden Spannungsbogen.

Das Thema ist hochaktuell: Flüchtlinge aus armen Ländern kommen aus wirtschaftlichen Gründen in die Schweiz, um Geld zu verdienen, ihre Familien zu Hause zu ernähren, ein besseres Leben zu finden. Doch wirtschaftliche Not ist kein Asylgrund, oft droht deshalb die Ausweisung. Der Fokus von «Schutzlos» ist schlau auf unbegleitete, minderjährige Asylsuchende (UMA) gesetzt. So entsteht eine grössere Betroffenheit, gleichzeitig erfährt der Zuschauer mehr über diese tragischen Fälle. Mit dieser Produktion haben die Tatort-Macher nicht nur ein feines Werk hingelegt, sondern auch auf die schwierige Lage von Asylsuchenden aufmerksam gemacht.  

Spezielle Momente

Herausragend war die schauspielerische Leistung von Jola, grossartig gespielt von Marie-Hélène Boyd. Hut ab!

Peinlich fand ich Flückigers Migräne-Attacken. Das war völlig überflüssig. Keine Ahnung, was die Produzenten uns damit sagen wollten. Vielleicht, so mein noch immer bestehendes Unbehagen gegen den Luzerner Tatort, werden die Migräne-Fälle bald so stark, dass ein neuer Kommissar ran muss …

Langweilig fand ich immer diese Zwischenstellen mit der bedeutungsschwangeren, monotonen Musik. Mal beim Auto fahren, mal beim Blick in die Baslerstrasse – soll damit die Spannung gehalten werden? Ich fand, dass genau das Gegenteil erreicht wurde: Schläfrigkeit.

Merkwürdig fand ich die Szene, als Flückiger den Navid freundlicherweise fast erschiesst – um den jungen Flüchtling vor dem angedeuteten Selbstmord mit einer Pistole zu bewahren. Reagiert die Polizei in solchen Fällen wirklich so? Ich glaub das nicht.

Schlusswort

Wie gesagt: «Schutzlos» hat Klasse und ist für mich der beste der bisherigen Schweizer Tatorte. Würde ich nicht arg daran zweifeln, dass die nächsten Produktionen genauso überzeugen, würde ich mich eventuell sogar für einen Verbleib in Luzern freuen.

Note für den Film: 9

Note für Kommissar Flückiger: 5

Note für Kommissarin Ritschard: 7

Hinweis: Hier berichten wir über die träfsten, witzigsten und skurilsten Twitter-Reaktionen auf den Luzerner Tatort.

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1 Kommentare
  1. Beat Koller, 06.07.2015, 11:05 Uhr

    Tatsächlich eine spannende Frage: Was sollen wir von den seltsamen Aussetzer von Flückiger halten ? Vielleicht der Anfang vom Ende des Luzerner Polizisten? Zuerst nun ein paar Halluzinationen und dann die Demission aus medizinischen Gründen in der nächsten Folge?
    ( -> http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/fernsehen/Will-das-SRF-einen-neuen-Schweizer-Tatort/story/10652543 ).

    Und hier auch noch gleich ein Vorschlag für die Ablösung von Herrn Gubser: Roeland Wiesnekker. Regisseur Manuel Flurin Hendry hatte ihn 2004 im Milieu-Thriller „Strähl“ schon mal in Szene gesetzt und seither hat die Schweiz keinen besseren Fernseh-Kommisar mehr gesehen.

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