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«Wo bleibt die Sonne, wenn ich sie brauch?»
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Ein Troimer: Sänger Etienne Bühler. (Bild: mam)

Bei Regen und Kälte: 10 Jahre Rock the Docks «Wo bleibt die Sonne, wenn ich sie brauch?»

4 min Lesezeit 03.09.2017, 16:41 Uhr

Was macht man als Musiker, wenn man an einer Jubiläumsveranstaltung spielen sollte, die im Schlamm versinkt? Man kann so tun, als wäre nichts – oder einfach nicht auftauchen. Am Rock the Docks in Zug gab’s am Samstag noch weitere Varianten zu sehen.

Zehn Jahre Gratis-Open-Air in Zug – dazu passen warme Abende mit strahlend schönem Sonnenschein. Was tun, wenn stattdessen der Freitag im Dauerregen versinkt und der Samstag auch nicht besser beginnt? Als der Regen gegen Abend nachlässt, begeben wir uns zum Zuger Hafen, um nachzusehen.

Auf dem Weg kommen wir am 200 Meter entfernten Zuger Eisstadion vorbei, wo ebenfalls ein Jubiläum gefeiert wird und sich gerade 4’000 Leute entspannt im gedeckten Stadion ein Champions-League-Spiel des EVZ ansehen.

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Alle in weisses Plastik gehüllt

Am Hafen hingegen trotzen Musikfreunde den 11 bis 13 Grad Aussentemperatur und dem nieselnden Regen mit Schirmen oder Pelerinen. Die weissen Umhänge gibt’s gratis am Infostand. Sie ermöglichen einen komfortablen Konzertgenuss. Auch der Boden auf der Schützenmattwiese ist nicht schlammig, sondern fest. Eigentlich wäre das kein schlechter Rahmen für das Jubiläums-Festival bei den Zuger Docks.

Fast alle im weissen Regenumhang: Samstagabend am Rock-the-Docks-Open-Air in Zug.

Fast alle im weissen Regenumhang: Samstagabend am Rock-the-Docks-Open-Air in Zug.

(Bild: mam)

In den weissen Pelerinen wirken die versprengten Zuschauer wie Mitglieder des Ku-Klux-Klans auf einer Versammlung. Auf der Bühne steht Ay Wing, ein internationales Musikprojekt aus Berlin. Frontfrau Alex Landtwing stammt aus Zug und macht das Beste aus der Situation: Sie tut einfach so, als wäre nichts, performt und singt ihre Lieder. Sie weiss die Schönheit auf ihrer Seite – in  Stimme, Erscheinung und Musik. Das verhilft ihr zu Gelassenheit und einer gehörigen Portion Professionalität.

Mindcollision macht Dampf

Nach der Sängerin sind die Freunde der Stromgitarre an der Reihe: Mindcollision aus Zug, eine Rapcore-Band, die auch schon auf grossen Festivals die Hauptbühne bespielte.

Während im nahen Eisstadion die Namen der früheren Eishockey-Helden skandiert werden und das Publikum in Nostalgie schwelgt, blickt man am Hafen nach vorne: Mindcollision haben ihr eigenes Rezept, um gegen das missliche Wetter anzutreten: Sie machen Dampf.

Man merkt den harten Jungs die Spielfreude an. Das Publikum ist auf über 500 Leute angewachsen, das Festivalgelände voll. Eigentlich könnte es für Stunden so weitergehen. Aber nach der vereinbarten Auftrittszeit treibt ein Moderator die Musiker von der Bühne.

Nicht alle Wake-Freunde haben Platz

Eine Gruppe von Fans fordert frenetisch und unermüdlich weitere Zugaben – vergeblich. Als nächster Punkt steht der Auftritt von Wake auf dem Programm, einer bekannten Alternative-Rock-Band, die nach zehn Jahren Pause erstmals wieder auf die Bühne zurückkehrt.

Wake-Sänger Thomas Büchi.

Wake-Sänger Thomas Büchi.

(Bild: mam)

Und was tun die älteren Herren gegen das Wetter? Sie ziehen sich ins Bierzelt zurück, wo sie und die Zuhörer ein Dach über dem Kopf haben. Eigentlich handelt es sich um die Nebenbühne. Wobei man das Bierzelt auf einer Seite geöffnet hat, weil nicht alle Wake-Freunde ins Zelt passen.

Hauptact steckt im Ausland fest

Das Resultat ist freilich ernüchternd, der Klang breiig und leise. Der Band fehlt sichtlich die Routine auf der Bühne, auch wenn sich die Musiker redlich abrackern. Der Auftritt ist lediglich eine Aufwärmübung fürs kommende Konzert in der Galvanik, wenn Wake ein neues Studioalbum vorstellt.

Jetzt freuen sich die Zuschauer auf den Auftritt des festfreudigen Shantel & Bucovina Club Orkestars aus Deutschland. Ihr Balkan-Sound soll sie zum Tanzen bringen. Doch daraus wird nichts: Die Band steckt in Polen fest – «Verkehrsprobleme», wie es heisst. Der internationale Act ist abgesagt.

Barfuss gegen den Regen

Als Ersatz übernimmt die einheimische Band Troimer den Hauptact. Ihr Bassist ist praktischerweise auch der technische Leiter des Festivals, so geht alles flugs und unkompliziert.

«Tanzt im Schlamm, als sei es das erste Mal.»

Etienne Bühler, Troimer

Troimer ist seit Jahren die interessanteste Rockband in der Umgebung von Zug. Die Musik kracht endlich wieder und die Band spielt die Routine aus, die sie in vielen Jahren auf der Bühne erworben hat.

«Tanzt im Schlamm, als sei es das erste Mal», ruft Sänger Etienne Bühler dem Publikum zu. Er ist barfuss erschienen, so geht das Schlammtanzen leichter. Ebenso wie Bassist Björn Bredehöft, der sich zudem in ein Hasenkostüm gestürzt hat.

Ein Troimer: Bassist Björn Bredehöft.

Ein Troimer: Bassist Björn Bredehöft.

(Bild: mam)

Quallen schweben in der Luft

Die Reihen haben sich nun gelichtet. Geblieben sind jene Zuger Rockfans, die immer zur Stelle sind, wenn am Hafen Open Air ist. Sie erleben ein stimmungsvolles Konzert, auch wenn Troimer bei andern Gelegenheiten schon fokussierter gespielt haben. Quallen-Lämplein hängen im Himmel. Etienne Balmer beschwört den Wettergott: «Wo bleibt die Sonne, wenn ich sie brauch?», singt er.

Mit Ritualen geht der Abend am Rock the Docks zu Ende. Derweil spielt vor dem nahen Eisstadion beim EVZ-Fest immer noch eine Cover-Band. Nena lässt 99 Luftballone steigen und Oasis-Melodien vermitteln dem reichlich bedienten Publikum englische Pub-Glückseligkeit. Das wäre auch eine Lösung: sich das schlechte Wetter schönzusaufen.

Rock the Docks 2017: Unentwegte harren unter dem Quallenhimmel aus.

Rock the Docks 2017: Unentwegte harren unter dem Quallenhimmel aus.

(Bild: mam)

 

 

 

 

 

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