Wie der Untergang des Billettautomaten in Luzern seinen Anfang nahm
  • Regionales Leben
Das Fairtiq-System ist in der Schweiz praktisch überall nutzbar. (Bild: zvg Fairtiq)

Luzern ist Vorreiter in Sachen Ticket-Apps Wie der Untergang des Billettautomaten in Luzern seinen Anfang nahm

3 min Lesezeit 3 Kommentare 11.08.2020, 05:00 Uhr

In den Luzerner Bussen startete 2016 eine Billett-Revolution: Plötzlich konnte man sich das Ausdrucken eines Tickets sparen und sich stattdessen auf der Fairtiq-App Ein- und Auschecken. Die SBB haben die Technologie nun übernommen – mit unerwarteten Folgen für das Start-up.

Wer um moderne Billettautomaten einen grossen Bogen macht, muss nicht zwingend ein klinisch ausgewiesener Technophob sein. Die Nutzung eines solchen Kastens kann schnell zum Irrgang durch ein weitverwinkeltes Labyrinth aus Tarifzonen, Netzplänen, Modul- Job- und 9-Uhr-Abos, Multitageskarten, Anschluss- oder Sparbilletts verkommen.

Vor rund vier Jahren führten die Verkehrsbetriebe Luzern eine digitale Alternative zum Billetautomaten ein. Statt sich durch das Labyrinth zu tasten, reichen zwei Wischbewegungen auf einer App – diese berechnet mittels GPS-Ortung im Smartphones den Fahrpreis. Dahinter steckte ein kleines Berner Start-up namens Fairtiq.

500’000 Downloads später

Bei ihrer Lancierung 2016, war die App zunächst nur in den Regionen der Tarifverbunde Passepartout (Luzern, Ob- und Nidwalden), Freiburg und Engadin Mobil nutzbar. Mittlerweile kann man mit der Fairtiq-App im gesamten GA-Streckennetz der Schweiz, Liechtenstein und Teilen von Deutschland und Österreich unterwegs sein.

Die App wurde bisher rund 499’000 Mal heruntergeladen, wie es auf Anfrage heisst. Bis heute seien über 15 Millionen Fahrten mit der Fairtiq-App gemacht worden.

«Unsere Nutzungszahlen zeigen, dass die App hier öfters im Einsatz ist, als in manch grösserer Region.»

Andrin Huber, Mediensprecher Fairtiq

Besser genutzt als sonst wo

Zur Region Luzern besteht für die App-Macher aber weiterhin eine besondere Bindung, wie Mediensprecher Andrin Huber betont: «Unsere Nutzungszahlen zeigen, dass die App hier öfters im Einsatz ist, als in manch grösserer Region.»

Huber führt dies vor allem auf die stetige Kommunikation durch die VBL seit der Lancierung der App zurück. «Wir selbst können nur bedingt auf unseren Service aufmerksam machen, der Erfolg hängt also wesentlich von der Kommunikation unserer regionalen Partner – den Verkehrsbetrieben und Tarifverbunden – ab.»

Keine Angaben zum Umsatz

Zur Entwicklung des Umsatzes und den regionalen Nutzerzahlen macht Fairtiq allerdings keine genauen Angaben. Es bestehen auch keine öffentlich einsehbaren Geschäftsberichte der Firma. Dies sei mit den regionalen Partnern – sprich den Verkehrsbetrieben und Tarifverbunden – so abgemacht worden, heisst es auf Anfrage.

Diese Partner können zwar Zahlen zur Fairtiq-Nutzung in ihren Geschäftsberichten zwar ausweisen, tun dies aber nicht, wie ein Blick in die aktuellen der VBL und des Passepartouts zeigt.

Eine unerwartete Partnerschaft

Der Erfolg der Fairtiq-App blieb nicht unbemerkt. So könnte sich die Luzerner Politik etwa vorstellen, die Möglichkeiten einer solchen App auf alle Verkehrsangebote, vom Zug bis zum Taxi oder Leihvelo auszubauen (zentralplus berichtete). Noch gewichtiger: Auch die SBB horchten auf.

Unter dem Namen «Easy Ride» bieten die SBB seit Ende 2019 ebenfalls ein App-basiertes Ticketingsystem an. Spannend: Die dafür verwendete Technologie stammt direkt von Fairtiq. Das kleine Start-up ging mit dem Systemführer dazu eine Technologiepartnerschaft ein.

Die eigene Konkurrenz gefördert?

Nun ist die Fairtiq-Technologie plötzlich auf rund 5 Millionen Handys verfügbar. Das wirft aber auch die Frage auf, ob sich das Unternehmen nicht selbst in Bein schiesst und eine übermächtige Konkurrenz begünstigt. Mediensprecher Huber verneint: «Wir haben bisher keine negativen Effekte feststellen können – im Gegenteil.»

Die plötzliche breite Bekanntheit der Fairtiq-Technologie mit dem Check-in/Check-out-Prinzip, habe die Fairtiq-Nutzerzahlen weiter in die Höhe steigen lassen.

Durchschnittlich 47 Jahre alt

Die Tage der traditionellen Billettautomaten könnten bald gezählt sein. Das unterstreicht auch der Blick auf das Nutzerprofil von Fairtiq. Es sind längst nicht mehr bloss Tech-Nerds und Junge, die das System nutzen. «Der Altersdurchschnitt unserer Nutzer liegt aktuell bei 47 Jahre», sagt Huber. Das ist sogar leicht höher als der nationale Altersdurchschnitt.

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3 Kommentare
  1. Andreas Peter, 11.08.2020, 10:37 Uhr

    Aus deren FAQ:
    Welche Voraussetzungen sind für die Nutzung der FAIRTIQ-App zu erfüllen?
    – Das Smartphone muss mit einer funktionsfähigen SIM-Karte ausgerüstet sein, welche Datenverkehr erlaubt. Wir empfehlen, FAIRTIQ mit einem Abo/Vertrag mit Daten-Flatrate zu nutzen.-.
    -Man benötigt ein gültiges Zahlungsmittel.
    Schweiz: Kreditkarte (VISA oder Mastercard), PostFinance Card, Twint oder Reka.

    Habe weder ein Flatrate Abo noch eines der genannten Zahlungsmittel.
    Somit ist die „Die einfachste Fahrkarte.Schweizweit.“ bzw. der ÖV nicht für mich gedacht.

  2. Dunning-Kruger, 11.08.2020, 09:15 Uhr

    Solange die VBL die zu unrecht bezogenen Subventionen (man könnte auch ergaunert in diesem Zusammenhang einbringen) in der Höhe von 16’000’000.– inkl. Zinsen nicht an den VVL zurückerstattet haben, werde ich keinerlei Kostenbeteiligung leisten!!

  3. Stefan Hofmann, 11.08.2020, 08:13 Uhr

    Fairtiq ist super praktisch im Nahverkehr in der ganzen Schweiz – für längere Fahrten setze ich dann doch lieber auf die SBB-Ticket-App, weil Fairtiq ständig läuft und Batterie verbraucht.

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.