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Adieu, Billettautomat: Die Zukunft gehört einer App für alles
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Eine App für alle Verkehrsmittel kennt zum Beispiel die finnische Hauptstadt Helsinki bereits. (Bild: Screenshot Whim)

Luzern soll digitale Mobilitäts-Plattform schaffen Adieu, Billettautomat: Die Zukunft gehört einer App für alles

6 min Lesezeit 30.07.2019, 04:38 Uhr

Ob Bus, Zug, Mobility, Leihvelo oder Taxi: Zukünftig könnte all das in einer App gebucht werden. Womöglich gar zu einem fixen Abopreis. Luzerner Politiker wollen die Idee von «Mobility as a service» vorantreiben.

Wann hast du zuletzt ein Zugbillett an einem Automaten gekauft? Es dürfte lange her sein, jedenfalls bei den meisten. Gemäss Verkehrsverbund Luzern wurden letztes Jahr 22 Prozent der Passepartout-Billette über eine App gekauft. Der Umsatz über diesen Kanal hat sich innerhalb von drei Jahren mehr als verdoppelt (siehe Grafik).

Und wer in die Zukunft blickt, braucht kein Prophet zu sein, um zu sagen: Die Zahl dürfte weiter steigen. Die Zukunft der Mobilität ist digital. Und nicht nur das. Sie ist auch multimodal.

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Heisst: Wer von Ebikon nach Kriens will, fragt seine App und die liefert ihm die schnellste oder günstigste Option. Vielleicht: Zuerst nimmst du ein Leihvelo bis zum Bahnhof, dann steigst du auf den Zug um, später in den Bus – und die letzten Meter mit dem Taxi. Im Idealfall kann man online gleich das Ticket für alle Verkehrsmittel kaufen.

Digitale Plattform

«Mobility as a service» heisst das Zauberwort. Es verbindet Digitalisierung mit dem Sharing-Gedanken und geht über den klassischen öffentlichen Verkehr hinaus. Und: Luzern soll vorne mitmischen. Sowohl im Kantonsrat als auch im Grossen Stadtrat sind kürzlich Vorstösse zum Thema eingegangen. Grünen und FDP schwebt vor, dass der Verkehrsverbund Luzern (VVL) die Idee einer digitalen Mobilitätsplattform und einer Mobilitäts-App prüft.

«Heute fahren die einzelnen Verkehrsträger sehr stark auf ihrer eigenen Schiene», sagt Grossstadtrat Marco Müller (Grüne), der das Postulat gemeinsam mit Fabian Reinhard (FDP) eingereicht hat. Er ist überzeugt: «Je attraktiver das Angebot an öffentlichen und nachhaltigen Verkehrsmitteln ist, umso eher steigen die Menschen vom Auto um.»

Fairtiq als Wegbereiter

Das Smartphone ersetze den Ticket-Automaten und werde zunehmend zum Reiseplaner, schreiben die beiden in ihrem Vorstoss. Wie das funktioniert und mit welchen Erfolg, zeigt die Fairtiq-App, die inzwischen das ÖV-Netz der ganzen Schweiz abdeckt. Statt vor der Fahrt ein Ticket zu kaufen, loggen sich Nutzer beim Einsteigen – egal, ob in den Zug, den Bus oder aufs Schiff – einfach kurz ein. Beim Aussteigen wischt man einmal über den Bildschirm und die App berechnet den Preis.

«Ein Taxi, das ohnehin im Einsatz steht, ist immer noch nachhaltiger als ein privates Auto, das womöglich relativ lange auf einem Parkplatz verharrt.»

Marco Müller, Grossstadtrat

Dass «Mobility as a service» als erfolgversprechendes Konzept gilt, bestätigt Sebastian Imhof vom Kompetenzzentrum Mobilität der Hochschule Luzern. «Infrastruktur und Verkehrsmittel werden besser ausgelastet. Durch das Teilen wird zudem CO2 eingespart, was im Zusammenhang mit der Klimadiskussion von Bedeutung ist.» Zum einen könne also die Gesellschaft profitieren. «Zum anderen ist es für Kunden attraktiv, wenn sie die ganze Mobilitätskette auf einer Plattform serviert bekommen, im Idealfall mit Live-Daten.»

Nebst der Geschwindigkeit spielt auch der Preis eine Rolle. Seit kurzem macht zum Beispiel die SBB-App noch deutlicher sichtbar, bei welchen Verbindungen Sparbillette verfügbar sind. «Damit kann man Anreize schaffen, um Verkehrsspitzen zu brechen oder Menschen mit eigenem Auto auf nachhaltigere Angebote zu locken», sagt Imhof. Die Grundvoraussetzung dafür sei jedoch eine einfache und verständliche App.

Die SBB-App zeigt gleich an, für welche Verbindungen es günstigere Tickets gibt.

Andere Länder sind bereits weiter

Dass der Trend in diese Richtung geht, zeigen auch Pläne der SBB. In einer Pilotphase wollen die Bundesbahnen ein Abo für kombinierte Mobilität entwickeln, berichtete die «Handelszeitung» kürzlich. Über eine App sollen die Passagiere nicht nur ihren Bus, sondern auch Mietwagen, Sharing-Autos, Elektroscooter, Taxi oder Leihvelos nutzen können.

Andere Länder sind bereits einen Schritt weiter. Etwa Helsinki, Berlin oder Wien. Allerdings handelt es sich dabei meist um Räume, die ein Vielfaches der Bevölkerung umfassen als in Luzern unterwegs ist. Für Sebastian Imhof ist denn auch klar: Für ein solches Projekt braucht es nebst dem politischen Rückhalt eine kritische Grösse. «Um die Masse an Nutzern zu erhöhen, könnte man in der Zentralschweiz mehrere Kantone hinzuziehen.»

Genau das schwebt auch den Postulanten vor. Müller nennt als Beispiel den Tarifverbund Passepartout, in dem ebenfalls mehrere Kantone zusammengeschlossen sind. Oder auch die Leihvelos von Nextbike, die über mehrere Gemeinden hinweg benutzt werden können.

Laut Imhof macht es Sinn, wenn sich das Angebot nicht nur auf den urbanen Raum konzentriert. «Gerade im ländlichen Raum könnten Gebiete durch neue Mobilitätsformen besser erreichbar werden.» Er erwähnt das kürzlich lancierte Projekt EBuxi in Herzogenbuchsee, wo man – wie bei Uber – via App ein Tür-zu-Tür-Shuttle bestellen kann.

Mit Taxi oder ohne?

Was bei einem Luzerner Angebot letztlich effektiv integriert werden sollte, muss laut Marco Müller die Politik steuern. Die Grünen könnten sich durchaus vorstellen, auch Autos in die Palette aufzunehmen. «Bei Randzeiten ins Eigenthal macht es durchaus Sinn, mit einem Mobility-Auto oder einem Taxi hinzufahren. Und ein Taxi, das ohnehin im Einsatz steht, ist immer noch nachhaltiger als ein privates Auto, das womöglich relativ lange auf einem Parkplatz verharrt.»

Sebastian Imhof von der Hochschule Luzern nennt noch einen weiteren Grund für ein umfassendes Angebot. «Andere Länder zeigen, dass schnell Widerstand entstehen kann, wenn Taxis von einem solchen Markt ausgeschlossen werden.»

«Im Mobilitätsbereich gelten bereits sehr restriktive Regelungen. Mit den Cumulus-Punkten geben wir definitiv mehr von uns preis.»

Sebastian Imhof, HSLU

Gefragt ist die öffentliche Hand auch bei der Gestaltung der Preise und Abos, sofern solche geplant sind. In Helsinki, wo die Preisspanne 60 bis 500 Euro pro Monat umfasst, gehört zur Flatrate beispielsweise ein gewisses Kontingent an Taxifahrten. «Das kann dazu führen, dass Kunden Ende Monat unnütze Fahrten absolvieren, weil sie quasi nichts dafür zahlen», gibt Imhof zu bedenken. Bei der Gestaltung eines Geschäftsmodells sollte man dies also beachten.

Dass der Preis eine wichtige Rolle spielt, um die breite Masse anzusprechen, zeigt die «SBB Green Class». Das 2018 lancierte Angebot umfasst ein Generalabonnement und ein Elektroauto. Mit über 1000 Franken pro Monat bewegt es sich aber in einem höheren Segment. Bald wollen die Bundesbahnen eine günstigere Variante für Halbtaxbesitzer auf den Markt bringen.

Kosten schwierig abzuschätzen

Was den Datenschutz angeht, ein weiteres Sorgenkind der Digitalisierung, sieht Sebastian Imhof weniger Probleme. «Im Mobilitätsbereich gelten bereits sehr restriktive Regelungen. Mit den Cumulus-Punkten geben wir definitiv mehr von uns preis.»

Der Kostenrahmen für ein solches Angebot in Luzern oder der Zentralschweiz ist laut Imhof sehr schwierig abzuschätzen. Es sei aber sicher ratsam, auf dem bestehenden Wissen und den Angeboten des VVL aufzubauen. Wer die digitale Mobilitätsplattform betreibe, ist auch für Marco Müller von den Grünen noch offen. «Das muss nicht zwingend der VVL sein, aber er soll das Ganze koordinieren und die Interessierten an einen Tisch bringen.»

Müller ist überzeugt, dass das Anliegen auf der politischen Ebene eine Mehrheit finden wird. Denn dass der Trend in diese Richtung geht, sei nicht aufzuhalten.

Doch kurbelt ein solches Angebot nicht zusätzlich die Mobilität an und trägt damit zur stärkeren Belastung von Infrastruktur und Umwelt bei? Marco Müller hält fest, dass die Mobilität nicht als Selbstzweck gefördert werden sollte. «Doch es ist ein Bedürfnis, immer mobiler und flexibler unterwegs zu sein.» Die Menschen sind ohnehin in Bewegung, also sollte die Politik steuern, dass die Mobilität ökologisch, vernetzt und nachhaltig ist.

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