Wegen Umweltverschmutzung in der Arktis: Zuger Rohstofffirma erhält Besuch
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Ein Udege, ein Dolgane und ein Sami in Zug: Die Indigenen Russlands stehen wegen dem Rohstoffboom in der Arktis unter Druck. (Bild: Patrick Hürlimann)

Nornickel-Tochter verweigert den Dialog Wegen Umweltverschmutzung in der Arktis: Zuger Rohstofffirma erhält Besuch

5 min Lesezeit 12 Kommentare 02.06.2021, 18:00 Uhr

Der russische Rohstoffkonzern Nornickel ist für eine riesige Umweltkatastrophe im letzten Jahr verantwortlich. Der grösste Teil seiner Produkte wird über eine Zuger Tochterfirma verkauft. Indigene erhoffen sich von der Zuger Tochter eine Einflussnahme aufs Mutterhaus, zugunsten ihres Lebensraums.

«Willkommen in der Stadt Zug, wo Menschen aus 128 Ländern leben», steht auf Plakaten an den Einfallstrassen der Stadt. Am Mittwoch hat sich die ethnische Vielfalt in der laut Eigenwerbung «globalisierten Kleinstadt im Herzen der Schweiz» vorübergehend noch weiter erhöht.

Zu Besuch sind ein Sami, ein Dolgane und ein Udege, alles Indigene aus der Russischen Föderation. Grund der Visite ist nicht der schöne Sonnenuntergang über dem Lindenberg und nur indirekt das milde Steuerklima.

Rekordbusse wegen Umweltkatastrophe

Grund ist ein beabsichtigter Besuch bei der Rohwarenhandelsfirma Metal Trade Overseas SA im Metalli-Zentrum. Mit CEO Christophe Koenig sollte der Dialog gesucht werden. Die Firma verkauft für den russischen Konzern Nornickel alle in Russland und Finnland geförderten Rohstoffe – insbesondere Nickel, Kupfer und Palladium.

In den Schlagzeilen landete der Konzern wegen einer riesigen Umweltkatastrophe im vergangenen Jahr, als 21’000 Tonnen Dieselöl die Tundra und zwei Flüsse in Sibirien verschmutzten. Die darauf verhängte Rekordbusse von zwei Milliarden Franken bezahlte der Konzern umgehend (zentralplus berichtete).

Verschmutzung hat Tradition

Die Schweizer Nichtregierungsorganisation (NGO) «Gesellschaft für bedrohte Völker» kritisiert indes, Nornickel sei schon früher durch umweltbelastende Geschäftspraktiken aufgefallen. Durch wiederholte Umweltverschmutzungen werde der ökologisch sensible Lebensraum der indigenen Gemeinschaften in der Arktis schleichend vergiftet. Die Dieselkatastrophe gefährde ihren Lebensunterhalt unmittelbar: Ein Jahr nach der Katastrophe könnten viele der Leute, die von Subsistenzwirtschaft leben, ihre Versorgung mit Nahrungsmitteln nicht mehr gewährleisten.

Dialog mit einem Stuhl: Der Sessel von Christophe Koenig bleibt leer.

Die NGO hat die drei Indigenen für eine Woche in die Schweiz eingeladen. Hier wartet ein gedrängtes Programm auf sie, wie Kampagnenleiterin Tabea Willi erklärt. Lobbyarbeit bei Bundesstellen, Gespräche mit der parlamentarischen Gruppe Schweiz-Russland, Termine bei UBS und CS, die beide an Nornickel beteiligt und wichtige Kreditgeber sind, bei der UNO in Genf und die Teilnahme an einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung.

Symbolischer Dialog mit leerem Stuhl

Das Gespräch mit Koenig freilich, das die NGO zu organisieren versuchte, kam nicht zustande. Metal Trade Overseas verwies auf die Konzernzentrale, erklärte sich für nicht zuständig. Was die drei Indigenen indes von ihrer Lokalvisite nicht abhielt. Auf dem Zuger Bundesplatz organisieren sie einen symbolischen Dialog, bei dem der Stuhl von Koenig leer bleibt.

«Wir hoffen, dass wir durch unseren Besuch in der Schweiz besser gehört werden und sich die Situation der Indigenen in Sibirien dadurch verbessert.»

Rodion Sulyandziga

Was sie dem CEO der Zuger Rohstofffirma gern gesagt hätten? «Dass der Erhalt der Umwelt oberste Priorität haben sollte», sagt Gennady Schtschukin, der Dogane. Er lebt auf der Halbinsel Taimyr nördlich von Norilsk, war von der Umweltkatastrophe unmittelbar betroffen. «Ausserdem solle Nornickel die Gegend in Zusammenarbeit mit den einheimischen Völkern entwickeln» findet Schtschukin. In einer Weise, die ihnen erlaube, ihre herkömmliche Lebensweise beizubehalten.

Marode Infrastruktur gehört verbessert

Was sie zur Rekordbusse für Nornickel sagen? «Das war gut», sagt Schtschukin. Doch eine einmalige Zahlung reiche nicht aus. Es müssten in Zukunft saubere Technologien eingesetzt und die Infrastruktur müsse modernisiert werden. Rodion Sulyandziga, der Udege, sagt: «Die Summe mutet hoch an, aber die Schäden waren immens und sind zum Teil unumkehrbar.»

Nach dem symbolischen Dialog bricht die Delegation zum Metalli-Zentrum auf, um bei Metal Trade Overseas eine übergrosse Postkarte mit den Anliegen abzugeben: dass die Zuger Tochtergesellschaft sich beim russischen Mutterkonzern dafür einsetzen möge, dass Indigenenrechte respektiert und die Umwelt geschützt werden.

Niemand zu Hause?

Das minutenlange Betätigen der Klingel hat keinen Effekt. Doch dann verlässt eine Frau den Trakt, in dem auch noch andere Büros und Wohnungen untergebracht sind. «Paschlí – auf geht’s», sagt Andrei Danilov, der von der Kola-Halbinsel kommt, wo Nornickel die Umwelt mit Schwefeldioxid und Schwermetallen belastet.

Die Delegation steigt das Treppenhaus empor und die drei Aktivisten nehmen direkt vor der Büroflucht von Metal Trade Overseas nochmals Aufstellung und läuten Sturm. Nichts geschieht. Liegt es daran, dass die Belegschaft noch in der Mittagspause ist? Oder daran, dass alle Beschäftigten im Homeoffice sind? Oder doch eher daran, dass ihnen die Delegation durchs Kameraauge gefährlich vorkommt?

Treffen mit Zuger Politikern

Weil niemand die Türe öffnet, drapieren die Aktivisten die mitgebrachten Kanister mit rot gefärbtem Wasser vor der Tür und stecken die Postkarte in den Rahmen. Just als Erinnerungsfotos geschossen werden, steckt doch noch ein Mitarbeiter seine Nase heraus – nur um sie erschrocken sofort wieder zurückzuziehen.

Also bleibt der NGO und den drei Indigenen aus Russland nur der Rückzug. Am Abend werden sie noch an einem Treffen mit Politikern der Alternativen–die Grünen in Zug erwartet. Bis dahin können sie sich die Stadt anschauen. «Sieht so aus, als ob dies hier ein guter Ort für Geschäfte sei», sagt Rodion Sulyandziga.

Klingeln bei Metal Trade Overseas SA in Zug. Die Türen der Nornickel-Tochter bleiben zu.

Keine Werbung fürs Unternehmen

Er spricht als einziger der drei Indigenen Englisch und war schon einige Male in Genf, da er bei einem UNO-Organ Mitglied ist: dem sogenannten Expertenmechanismus für die Rechte indigener Völker. «Wir hoffen, dass wir durch unseren Besuch in der Schweiz besser gehört werden und sich die Situation der Indigenen in Sibirien dadurch endlich verbessert», sagt er.

Kampagnenleiterin Tabea Willi ist derweil unzufrieden: «Die Verweigerung des Gesprächs durch die Tochterfirma von Nornickel widerspricht den Leitsätzen des Unternehmens und wirft kein gutes Licht auf ihren Umgang mit Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger», findet sie.

Ihre Forderung an die Zuger Handelsfirma ist, abgesehen von der Einflussnahme aufs Mutterhaus: «Metal Trade Overseas soll seinen Verpflichtungen aus den OECD-Leitsätzen für multinationale Unternehmen und den UN-Richtlinien für Wirtschaft und Menschenrechten nachkommen.»

Affaire à suivre.

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12 Kommentare
  1. Oliver Vogl, 07.06.2021, 13:06 Uhr

    Die große Errungenschaft der Demokratie besteht ja darin, nur einer Seite das Wort zu geben. Die GfbV wurde schon zu einem Dialog nach Taimyr eingeladen, wobei ihr auch ausführliche Erläuterungen angeboten wurden. Stattdessen haben sich die drei Protagonisten in Zug dafür entschieden, die Mitarbeiter mit Farbe zu bewerfen und vor einem leeren Stuhl zu sitzen. Dies ist wieder einmal ein Beispiel dafür, wie ein berechtigter Protest gegen eine Ungerechtigkeit, völlig ins Leere greift und darüber eher wie eine typische Aktion der „Antifa“ nur auf Effekthascherei ausgelegt ist. Solche Aktionen sind sinnlos, strafbar und dumm. Dialog ja – kindische Aktionen nein!

    1. Redaktion Markus Mathis, 07.06.2021, 13:25 Uhr

      Lieber Herr Vogl, die drei Indigenen aus Russland haben niemanden mit Farbe beworfen, sondern waren ausnehmend höflich, darf ich Ihnen versichern – ich war bei der Aktion als Berichterstatter persönlich anwesend. Es wurden 3 mit Slogans dekorierte Kanister mitgeführt, darind befand sich Wasser, das mit harmloser Lebensmittelfarbe rot gefärbt worden war und symbolisch darauf hinweisen sollte, dass sich nach der Dieselkatastrophe zwei Flüsse in der Umgebung von Norilsk rot verfärbt hatten. Die drei Kanister nahmen sie nach der Aktion mit dem gleichen Füllstand wieder mit.

      Ebenso kann ich den Vorwurf in einem andern Kommentar nicht nachvollziehen, dass der Beitrag oder die Aktion antirussisch seien. Im Gegenteil entspricht die Busse, die Nornickel bezahlen musste, den Schätzungen der staatlichen russischen Umweltschutzbehörde über die Höhe der Schäden. Natürlich gibt es Kreise, welche die Schäden höher einschätzen. Dagegen steht aber der Konzern selber, der durchzusetzen versuchte, dass die Schäden weniger als ein Zehntel der Summe ausmachten – der damit aber vor russischen Gerichten gescheitert ist.

  2. Eugen Kistler, 03.06.2021, 15:26 Uhr

    Weil es in unseren Gestzen zu viele Kann-Formulierungen (Schlupflöcher) gibt fühlen sich solche Konzerne für nicht zuständig. Das isch eine Schande. Wichtig ist denen nur, dass der Rubel rollt. Alles andere ist denen egal.

  3. Peter Bitterli, 03.06.2021, 14:56 Uhr

    Wieso darf mich der Genzoli völlig argumentfrei unter der Gürtellinie persönlich beleidigen, und meine Replik, die deutlich sachlicher ist, wird unterdrückt?

    1. Redaktion Redaktion zentralplus, 03.06.2021, 18:06 Uhr

      Wäre sie sachlich gewesen, hätten wir sie publiziert.

    2. Peter Bitterli, 03.06.2021, 20:13 Uhr

      Sorry, „Redaktion“, aber klar doch. Ist ja offensichtlich, dass Genzoli hier ganz Entscheidendes zum Thema Norilsk Nikel, Umweltschäden und indigene Völkerschaften beigetragen hat.

  4. Hans Peter Roth, 03.06.2021, 11:07 Uhr

    @Peter Bitterli: Sie schaffen es doch immer wieder, zu 100% am Thema vorbeizureden und mit ideologischer Besessenheit die im Zentrum stehenden Fragen mit brauner Tunche zu übermalen. Fakt ist, dass der Mutterkonzern einer Zuger Firma in Sibirien einen gigantischen Umweltschaden verursachte, welcher die Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung dieser Region weitgehend zerstört hat. Der Mutterkonzern hat kaum etwas zur Schadenminderung unternommen, während die Zuger Tochterfirma, welche die Milliardengewinne der Mutter in der Steueroase Zug versteuert, sich lichtscheu in ihren Büros verrammelt und ein Gespräch mit den indigenen Vertretern verweigert.

    1. Peter Bitterli, 03.06.2021, 13:30 Uhr

      @Roth: Sie schaffen es doch immer wieder, Ihren nunmehr über ein halbes Jahrhundert andauernden gedanklichen Stillstand zu Markte zu tragen. Wenn Sie mir um Übrigen noch einmal „braunes“ Gedankengut unterstellen, bloss weil ich diesen Stillstand nicht mitmache, könnte das für Sie juristische Konsequenzen haben. Einstweilen leidet ja bloss Ihre Reputation als Debattant.
      Oleg Deripaskas Firma „Norilsk Nickel“ veranstaltet in Tscheljabinsk und anderswo zweifelsohne soziale und umweltmässige Sauereien. Die Steuern in Zug zahlen und die betroffenen Regionen leer ausgehen lassen: sehr unschön. Aber Geld fliesst nun einmal immer und passgenau nach unten zum Sammelpunkt.
      Wenn Sie allerdings glauben, es sei der Sache auch nur minimst genützt, wenn man drei Herren in frisch gebügelte Nationaltracht über Bluejeans steckt und für theatralische angebliche Gesprächsangebote nach Zug verfrachtet, dann beweisen Sie damit lediglich, dass Sie zwar sehr viel Sinn für kitschige und sinnlose Symbole aber null Analysevermögen oder Gespür für den widerlichen Zynismus der Organisatoren dieses Spektakels haben. Worauf ich mich dann frage, wer denn hier 100% am Thema vorbei redet. Das Thema heisst: Gesellschaft für bedrohte Völker, eine Organisation, die Offenlegung ihrer Geldgeber in Internet und Jahresrechnung verspricht, das Versprechen aber nicht einlöst. Wie sagen Sie so schön: lichtscheu in ihren Büros verrammelt.

    2. remo genzoli, 03.06.2021, 13:44 Uhr

      Ja, der rachesüchtige Polit-Konvertit Bitterli lässt keine Gelegenheit aus, seinen Ex-Gesinnungsgspändli ans Bein zu pinkeln. Er scheint in der Kommentarspalte von Zentralplus die ideale Vorlage gefunden zu haben, sich mit seinen täglichen literarischen und inhaltsfreien Beiträgen Befreiung zu verschaffen. So schadet er ja auch niemandem. Hauptsache, es tut ihm gut…….

  5. Peter Bitterli, 02.06.2021, 18:45 Uhr

    Die linke Zuger Politik inszeniert seit einem halben Jahrhundert immer wieder das gleiche kitschige David-gegen-Goliath-Rührstück. So schöne Kostüme waren in früheren Vorführungen allerdings nicht zu sehen.

    1. Mathias Raeber, 02.06.2021, 19:54 Uhr

      Lieber Herr Bitteli, ich wäre ja sehr gespannt auf das Theater, wenn die Metal Trade Overseas diese 21000 Tonnen Dieselöl in den Zugersee schütten würde. Typisch egoistisches Zug: Die Steuern für sich und Spott und Hohn für die Opfer.

    2. Peter Bitterli, 02.06.2021, 20:08 Uhr

      Ja, Herr Raeber, Sie sind ja ganz auf der richtigen Spur. Es geht tatsächlich wie immer darum, den Zugern ihr Zug madig zu machen. Das ist ein ganz dröger Volkssport. Herr Lang hat seinerzeit die Spielregeln geschrieben. Um die drei folkloristisch angezogenen Herren, die laut Anweisung ein Gespräch suchen, das sie mangels Sprachkenntnissen gar nicht zu führen imstande wären, geht es zu allerletzt. Aber die Inszenierung ist ja per se folkloristisch genug. Und die Geldflüsse? In diesem Fall gerne an die „Gesellschaft für bedrohte Völker“, bei der offenbar wieder einmal eine Anti-Russland-Aktion für die einschlägigen Geldgeber fällig war.

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