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Warum Osigwe und der SC Kriens vor jedem Spiel gemeinsam beten
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Sein jüngster Aufstieg im Tor der Krienser begann mit einem persönlichen Abstieg: Sebastian Osigwe. (Bild: Roger Keller)

So tickt der Goalie eines Überraschungsteams Warum Osigwe und der SC Kriens vor jedem Spiel gemeinsam beten

6 min Lesezeit 23.02.2020, 16:55 Uhr

Seit Sommer 2019 pflückt er im SCK-Tor die Bälle wieder als rehabilitierte Nummer 1 vom Himmel: Sebastian Osigwe. Seither reitet der Challenge-League-Verein auf einer Erfolgswelle. Der 25-Jährige musste für seinen aktuellen Höhenflug neuen Anlauf holen.

Nach der Aufstiegssaison mit dem SC Kriens verliert der gebürtige Nigerianer Sebastian Osigwe seinen Stammplatz an das ausgeliehene FCL-Torhüter-Talent Simon Enzler. Acht Monate später hat sich für Osigwe viel verändert. Heute ist er als Teamstütze im Team von Trainer Bruno Berner nicht mehr wegzudenken – und blickt auf turbulente Monate zurück.

Wir schreiben den 25. November 2018. Kriens spielt auswärts gegen den FC Chiasso 3:3. Was Osigwe damals nicht ahnen konnte: Es sollte das letzte Meisterschaftsspiel sein, bei dem er regelmässig als Nummer 1 zwischen den Pfosten der Krienser stehen wird.

«Bruno Berner teilte uns Torhütern damals mit, wer für ihn die Nummer 1 im Tor ist. Ich war es nicht.»

Sebastian Osigwe, Torhüter des SC Kriens

Simon Enzler heisst sein grösster Konkurrent, der ihm den Platz im Challenge-League-Verein streitig macht. In den folgenden Monaten muss sich der schweizerisch-nigerianische Doppelbürger mit der Reservistenrolle begnügen. «Bruno Berner teilte uns Torhütern damals mit, wer für ihn die Nummer 1 im Tor ist. Ich war es nicht.» Während Monaten hielt der Kriens-Trainer an seinem Entscheid fest und wies Osigwe stets einen Platz auf der Ersatzbank zu.

Obwohl Osigwe seit 2014 und bis zum Aufstieg regelmässig im SCK-Tor stand, musste er sich plötzlich mit einer neuen Rolle arrangieren. «Ich spielte fortan nur noch Gitarre», erinnert er sich mit Galgenhumor zurück. Es war keine einfache Zeit. Im Rückblick erkennt Osigwe aber auch die Vorteile, welche die Goalie-Hierarchie mit sich brachte.

Während der heute 22-jährige Enzler regelmässig Einsätze über die volle Distanz bestritt und einen wesentlichen Beitrag zum Ligaerhalt der Krienser leistete, sah sich Osigwe dazu veranlasst, seine Zeit anders zu nutzen. Er erzählt: «Ich war viel im Kraftraum, habe bewusst an meiner Physis gearbeitet.» Kraft habe ihm in dieser Zeit auch Gott gegeben. Wie stark er mit Gott verbunden ist, zeigt auch sein zweiter Vorname «Ogenna». Übersetzt bedeutet der Name: Gottes Zeit ist die beste. Und seine Zeit sollte schon bald kommen.

War Enzlers Wechsel ein guter?

Im Sommer 2019 transferierte der SC Kriens den ausgeliehenen Torhüter zurück zum grossen Nachbarn in die erste Mannschaft. «Ich fand es schade, dass «Simi» im letzten Sommer vom FCL nicht die Chance bekam, die gute Challenge-League-Saison zu bestätigen. Im Nachhinein ist fraglich, ob das ein guter Wechsel war.»

Fortan begann das Momentum wieder auf die Seite von Osigwe zu kippen. Wie wertvoll der Lebensmittelpraktiker, der als Detailhandelsfachmann im letzten Jahr seiner zweiten Lehre angekommen ist – für die Krienser sein kann, sollte sich in den folgenden Monaten immer stärker abzeichnen.

In der laufenden Meisterschaft hütete der 1,85 Meter grosse Goalie mit wenigen Ausnahmen den SCK-Kasten und hielt ihn achtmal sauber. Hätte er infolge einer Verletzung und Krankheit nicht dreimal durch Pascal Brügger ersetzt werden müssen, wäre er vermutlich in sämtlichen 23 Meisterschaftsspielen zum Einsatz gekommen. «Diese Saison läuft es mir sehr gut im Tor und das spiegelt sich auch in der Leistung der Mannschaft wieder. Aber ich weiss, dass Pasci lauert und jederzeit bereit ist. Das hat er in diesen drei Spielen gezeigt.»

«Vor jedem Spiel bete ich mit dem Team, dass wir alle das Spielfeld gesund verlassen.»

Sebastian Osigwe, Torhüter beim SC Kriens

Vergessen sind auch die Fehlgriffe von «Osi» in den ersten beiden Saisons für Kriens, welche die SCK-Anhänger schon verzweifeln liessen. Vielleicht waren es aber genau diese Fehlgriffe, die Osigwe als Torhüter weitergebracht haben. «Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle Menschen sind und Fehler einfach dazugehören», ordnet er seine unvorteilhaften Vorstellungen ein. Gerade weil aber die Torhüterposition nicht viel Raum für Fehler zulasse, sei es wichtig, den Rückhalt des Teams auf und neben dem Platz zu spüren.

Seine wichtigen Ansprechpersonen

Dieses Vertrauen in sich selbst und die Teammitglieder hat Osigwe auch in den Monaten als Nummer 2 gespürt. «Vereins-Mami» Lili Brun oder Team-Manager «Chrigu» Hartmuth Kurth waren in dieser Zeit wichtige Ansprechpersonen. Egal ob der Torhüter in der Stammelf spielte oder auf der Bank sass. «Vor jedem Spiel beten wir gemeinsam mit dem Team. Dabei geht es aber nicht darum, Gott darum zu bitten, als Sieger vom Platz zu gehen, sondern darum, den Platz gesund zu verlassen. Dazu gehören auch die Schiedsrichter oder die Staff-Mitglieder.»

Mittlerweile ist das Gebet im Programm der ersten Mannschaft fest verankert. Ähnlich verankert wie das Gebet im Fussballbetrieb ist Osigwe auch als Lehrling in einer Autogarage in Kriens.

Osigwe: «Spass und Fokus liegen nahe beieinander»

Im Sommer 2020 schliesst er seine zweite Lehre als Detailhandelsfachmann ab. Wie belastend es sein kann, Fussball und Ausbildung unter einen Hut zu bringen, weiss Osigwe aus eigener Erfahrung. Während der ersten Lehre zum Lebensmittelpraktiker gab es Zeiten, da schlief er im Training fast ein. Das ist heute anders. «Jetzt habe ich die Möglichkeit, meine Regeneration grösstenteils selbst zu organisieren», sagt Osigwe. Auch dank der profiähnlichen Strukturen, die seit dieser Saison in Kriens existieren.

Ausser mittwochabends trainiert Osigwe täglich mit der Mannschaft oder dem Torhütertrainer Guido Stadelmann. Dabei gebe es aber auch Raum, einmal ein Training auszulassen und stattdessen in der Kältekammer oder im neuen Kraftraum im Kleinfeld individuell zu regenerieren und sich auszuruhen. Dieser Balanceakt zwischen Spannung und Entspannung ist gerade auch auf der Torhüterposition entscheidend. «Spass und Fokus liegen nahe beieinander. Es ist wichtig, dass es einen Raum gibt für Spass, auch deshalb, weil ich innerhalb von wenigen Sekunden den Hebel von Spass auf puren Ernst umlegen muss.» Das lässt er auch seine Mitspieler spüren.

«Vielleicht kommt der nächste Schritt bereits im Sommer.»

Im Tor ist Sebastian Osigwe auf zweifache Weise gefordert: Einerseits muss er seine Mitspieler emotional aufrütteln, andererseits klare Anweisungen geben können und dadurch für Ruhe im Spiel sorgen. Dass ihm dieser Spagat in der aktuellen Saison gut gelingt, zeigt sich auch anhand des beeindruckenden Laufs der Krienser. In der zweiten Saison nach dem Aufstieg 2018, die bekanntlich schwerer ist als die erste, sind die Krienser im Rennen um einen Platz im Oberhaus dabei. «Wir haben uns weiterentwickelt und uns an die Spielweise auf dem Kunstrasen gewöhnt. Unsere Gegner wissen, dass im Kleinfeld ein unbequemer Gegner auf sie wartet», sagt Osigwe.

Wird er zur Krienser Antwort auf Zibung?

Die guten Resultate mit dem aufmüpfigen Aussenseiter befeuerten auch den Ehrgeiz von Osigwe. «Vielleicht kommt der nächste Schritt bereits im Sommer», orakelt Osigwe.

Sein Traum: Er möchte nach seinem U20-Einsatz mit der nigerianischen Nationalmannschaft an der WM-Vorbereitung 2013 auch in der A-Nationalmannschaft auflaufen. Dafür muss er aber in einem Super-League-Verein spielen.

Mit bald 26 Jahren wäre der Nigerianer für diesen Schritt bereit und legt ihn selbstredend in Gottes Hände: «Solange ich gesund bleibe und es meiner Familie passt, schliesse ich auch nicht aus, zum David Zibung von Kriens zu werden.» Der mittlerweile 36-jährige David Zibung ist seine ganze Karriere dem FC Luzern treu geblieben und fungiert in der Luzerner Torhüter-Hierarche als Nummer 3 hinter Stammkraft Marius Müller und dessen Ersatz Simon Enzler.

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