Warum frühe Fehlgeburten kein Tabuthema sein müssen
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Mit dem Kurzfilm «allein» ist Luisa Wolf mit neun weiteren Kandidaten in der Sparte «Kurzfilm» beim Open-Stage-Wettbewerb von Swisscom blue nominiert. (Bild: Kurzfilm «allein»/Luisa Wolf)

Luzernerin produzierte eigenen Kurzfilm Warum frühe Fehlgeburten kein Tabuthema sein müssen

4 min Lesezeit 11.04.2021, 14:04 Uhr

Sie hat es selbst mindestens zwei Mal erlebt: eine frühe Fehlgeburt. Nun widmet die Luzerner Schauspielerin Luisa Wolf dem Thema einen neuen Kurzfilm. Darüber zu sprechen, sollte längst kein Tabuthema mehr sein, findet sie.

Marie sitzt auf dem WC. Ihr Gesicht erstarrt, als sie das abgewischte Blut auf dem Toilettenpapier sieht. Die Farbe weicht aus ihrem Gesicht.

Später wird ihr der Arzt in der Notfallklinik sagen, dass das Herz ihres Fötus – sie ist in der zehnten Schwangerschaftswoche schwanger – nicht mehr schlägt. Zu einem sogenannten Frühabort kommt es ungefähr bei jeder dritten bis fünften Schwangerschaft. Der Arzt redet weiter – doch Marie hört ihn nicht mehr. Das Bild vor ihren Augen ist verschwommen. Eine Träne rollt über ihre Wange.

Nominiert beim Swisscom-Projekt Open Stage

Mit dem Kurzfilm «allein» ist Luisa Wolf mit neun weiteren Kandidaten in der Sparte «Kurzfilm» beim Open-Stage-Wettbewerb von Swisscom blue nominiert. Noch bis am 14. April mittags kannst du hier den Kurzfilm sehen und dafür abstimmen.

«Vielleicht braucht es Mut und Überwindung, darüber zu sprechen.»

Luisa Wolf, Schauspielerin

Der Film beruht auf wahren Begebenheiten. Luisa Wolf sprach mit mehreren Frauen über das Thema. Der Kurzfilm sei ein Mix aus all den Geschichten von Frauen, die ein Kind verloren haben. Von einer Fehlgeburt spricht man, wenn der Fötus den Körper der Mutter in einem frühen Stadium der Schwangerschaft verlässt – bis zur vollendeten 12. Schwangerschaftswoche.

«Durch den Kurzfilm habe ich meinen Weg gefunden, das Ganze zu verarbeiten», sagt die 34-Jährige, die Mutter eines Kindes ist.

«Vielleicht braucht es Mut und Überwindung, darüber zu sprechen», sagt Luisa Wolf. Vermutlich spreche man auch nicht so offen darüber, weil man über den Tod allgemein nicht gerne spreche.

Du bist selbst betroffen?

Du hast selbst eine Fehlgeburt hinter dir und möchtest mit jemandem darüber sprechen? Die Fachstelle Kindsverlust Schweiz bietet kostenlose Telefonberatungen für betroffene Mütter, Väter oder Angehörige. Mehr Infos findest du hier.

Auch jetzt bekommt Luisa Wolf zahlreiche Rückmeldungen von Frauen, die frühe Fehlgeburten erlitten haben. Stimmen von Frauen, die fast niemandem davon erzählt haben. Denn obwohl frühe Fehlgeburten keine Seltenheit sind – ist es für viele ein Tabuthema.

Selbst zwei frühe Fehlgeburten erlebt

Der von Luisa Wolf produzierte Kurzfilm zeigt eindrücklich die Ohnmacht. Die Ohnmacht, die Frauen widerfährt, wenn sie ihr Kind verloren haben. Die Schauspielerin aus Luzern hat selbst mindestens zwei frühe Fehlgeburten erlebt. «So genau weiss frau das nicht, denn es kommt häufig vor – oft unbemerkt.»

«Der Gedanke, dass ich jetzt zwei oder drei Kinder haben könnte – und nicht nur eines – beschäftigt mich manchmal.»

Luisa Wolf

Das zweite Mal war Luisa Wolf in der zehnten Schwangerschaftswoche. «Es war vor eineinhalb Jahren – und ist heute noch präsent», sagt sie. Sie sei ein positiver, aufgestellter Mensch. «Aber der Gedanke, dass ich jetzt zwei oder drei Kinder haben könnte – und nicht nur eines – beschäftigt mich manchmal. Dieser Gedanke, dass da ein Lebewesen mehr sein könnte.»

Die Schauspielerin Luisa Wolf. (Bild: Tanja Dorendorf/T +T Fotografie)

Das ungeschriebene Gesetz: In den ersten 3 Monaten behält man es für sich

Doch eigentlich fängt es sogar schon vorher an. «Viele meinen, dass man in den ersten drei Monaten die Schwangerschaft für sich behalten müsse», sagt Luisa Wolf. Das erlebte sie selbst, als sie es vor eineinhalb Jahren ihrem engsten Familien- und Freundeskreis bereits in der siebten Schwangerschaftswoche erzählte.

«Ich wollte kein Geheimnis daraus machen», sagt Luisa Wolf. Und sie wollte sich nicht erklären müssen, wenn sie müde war, sie die Übelkeit plagte oder sie nicht mit ihren Freundinnen mit einem Glas Wein anstossen konnte.

Sie will das Tabu brechen

«Ich erhielt damals einige Rückmeldungen: So was behält man doch erst für sich … Ich stand ziemlich alleine da.»

Doch Luisa Wolf ist überzeugt: «Es würde uns allen besser gehen, wenn wir alle auch offen über das Thema reden. Denn es betrifft so viele Frauen.» Und im Falle einer frühen Fehlgeburt habe man dann auch Menschen um sich, denen man sich anvertrauen kann, die einen auffangen. Auch ihr sei es damals viel leichter gefallen, mit ihrer Familie und ihren Freundinnen darüber zu sprechen, weil sie bereits von der Schwangerschaft wussten.

Mit ihrem Kurzfilm will Luisa Wolf einerseits aufklären. Das Thema aus der Tabuzone holen. Und andererseits Frauen Mut machen, darüber zu sprechen.

Das Poster zum Kurzfilm «allein». (Bild: Kurzfilm «allein»/Luisa Wolf)

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