Warum es sich lohnt, den Zuger «Pfauen» einmal genauer zu betrachten
  • Kultur
Die Bauforscherin Brigitte Moser in der historischen Kirchenstrasse in Zug. (Bild: wia)

Auf der Suche nach guter Baukultur Warum es sich lohnt, den Zuger «Pfauen» einmal genauer zu betrachten

5 min Lesezeit 02.09.2020, 05:00 Uhr

Was ist Baukultur? Und warum sollte sie uns allen wichtig sein? Um diese Fragen zu beantworten, nimmt uns Brigitte Moser mit in die Stadt Zug. Dort wurde vor zwei Jahren ein Bau-Ensemble vollendet, bei dem die neue Präsidentin der Wakkerpreis-Kommission ins Schwärmen gerät.

Um Brigitte Moser akustisch zu verstehen, müssen wir gut lauschen.
Denn wir stehen am Kolinplatz: Der Verkehr, der trotz abnehmender Rushhour vorbeiflitzt, ist beeindruckend laut. Viel beeindruckender ist jedoch, was uns die Bauforscherin über dieses Stadtgebiet erzählt. «Viele glauben, dass verdichtetes Bauen ein neues Thema ist», erklärt Moser. «Dabei hat man bereits im Mittelalter verdichtet gebaut. Quasi zwangsweise, da man ja innerhalb der Stadtmauern nur begrenzten Platz hatte.» Moser blickt in Richtung Zytturm, dem einstigen Tor in die mittelalterliche Stadt des 13. Jahrhunderts.

Sie sagt weiter: «Die Art, wie man damals gebaut hatte, ist insofern spannend, als sie sehr modular war. Die Häuser waren hierzulande anfangs nur aus Holz, sogenannte Bohlenständerbauten. Quasi Baukastensysteme – Gerüste aus Holzbalken, in denen es Schlitze gab, in welche man die Wände und Böden aus Holzbrettern einfahren konnte. Das Ganze ohne Metallnägel.» Entsprechend sei es verhältnismässig einfach gewesen, die Häuser je nach Bedarf zu bauen und umzugestalten.

Das Bohlenständer-System aus dem Mittelalter.

«Erst später begann man, die anfänglichen Holzwände durch Steinmauern oder Fachwerk zu ersetzen. Gründe dafür könnten die Verschlechterung der klimatischen Bedingungen, die zunehmende Holzknappheit, das steigende Bewusstsein für die Brandgefahr und nicht zuletzt der Repräsentationsgedanke gewesen sein», so Moser. «Noch heute schlummern vielfach Teile dieser mittelalterlichen Holzkonstruktion in den im Laufe der Zeit überformten Häusern – so auch in den Gebäuden im Kolingeviert. Sie prägen mit ihrer langen Geschichte, die am Bestand sichtbar ist, das Stadtbild.»

Dass wir uns hier mit der Kunsthistorikerin treffen, kommt nicht von ungefähr. Brigitte Moser ist seit zwei Jahren Mitglied der Wakkerpreis-Kommission, seit Mitte Jahr präsidiert sie diese. Der Preis des Schweizer Heimatschutzes wird jährlich einer Gemeinde überreicht, die sich in Sachen Orts- und Siedlungsentwicklung besonders positiv hervorgetan hat. 2020 ging die Auszeichnung an die Stadt Baden. Von der Zugerin wollen wir nun wissen, was denn gute Baukultur überhaupt ist.

Nicht nur nachdenken, sondern auch diskutieren

Moser ist überzeugt: «Wir müssen über Baukultur nachdenken und auch eine Diskussion darüber führen.» Darum treffen wir uns hier beim Kolinplatz. Bis 2018 wurde hier eine historische Häuserzeile restauriert und um eine langjährige Brandlücke zu schliessen, ein neues Haus gebaut (zentralplus berichtete). «Ein Vorzeigeobjekt», findet Moser.

Wir stehen in der Kirchenstrasse, die vom Kolinplatz den Hang hinaufführt in Richtung Kirche St. Michael. «Diese jüngst renovierten Gebäude gehen im Kern in die 1430er-Jahre zurück. In dieser Zeit wurden an der Kirchenstrasse einige Häuser gebaut. Das ist insofern interessant, als sich dieses Gebiet damals noch ausserhalb der Stadtmauern befand», sagt die Bauforscherin. «Vermutlich entstanden die Häuser im Zusammenhang damit, dass dies der Weg zur alten Kirche St. Michael war.»

Ein gelungenes Beispiel, mitten in Zug

Zurück zum Neubau und den renovierten alten Häusern im Kolingeviert. Warum ist das Ensemble so speziell? «Bei gelebter Baukultur geht es darum, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und sorgfältig weiterzuplanen. Mit dem «Pfauen» entstand hier etwas ganz Neues, Zeitgemässes, mitten im historischen Bestand», sagt Moser. «Die Stadt Zug als Eigentümerin wollte die Baugruppe als Ganze erhalten. Dabei ist sie vorbildlich vorgegangen. Es wurde eine Machbarkeitsstudie durchgeführt, die Situation analysiert. Letztlich entschied das Volk mittels Abstimmung über das Projekt», erklärt sie.

Brigitte Moser zum Kolingeviert.

Die Stadt war um bauliche Qualität bemüht. Die historischen Gebäude wurden sorgfältig von Röösli Architekten aus Zug nach dem alten Bestand renoviert. Für den Neubau gab es einen Projektwettbewerb im offenen Verfahren. Satte 103 Architekturbüros buhlten um den Auftrag, den letztlich Lando Rossmaier Architekten aus Glarus erhielten. «Ausserdem war es im Sinne der Stadt, dass dieses Haus nicht nur Privaten zugute komme, sondern dass auch eine öffentliche Nutzung und Belebung des Quartiers stattfindet. Dies mit der Öffnung des Innenhofs und der Betreibung eines Cafés im Erdgeschoss. In den oberen Etagen befinden sich ausserdem kostengünstige Zimmer für junge Menschen.»

Die Gänge im Neubau sind ungewohnt verwinkelt.

Alles in allem also eine gelungene Sache, findet Moser. Auch optisch. Tatsächlich schmiegt sich der Neubau ganz gut in seine Umgebung, tut, als wäre er schon immer da gewesen, jedoch in einer ganz eigenständigen und zeitgenössischen Haltung.

«Wenn ich die Vergangenheit verstehe, kann ich die Gegenwart begreifen und die Zukunft gestalten.»

Brigitte Moser, Präsidentin der Wakkerpreis-Kommission

«Die Diskussion über Baukultur ist immer auch eine Diskussion darüber, was uns unsere baulichen Zeugen wert sind und wie wir hochwertig und dabei nachhaltig weiterbauen», sagt Moser. «Wenn ich die Vergangenheit verstehe, kann ich die Gegenwart begreifen und die Zukunft gestalten», fasst Moser zusammen.

Der Innenhof des «Pfauen».

Der Neubau des «Pfauen» sowie die Sanierung der umliegenden Gebäude kosteten die Stadt insgesamt rund zwölf Millionen Franken. Für die öffentliche Hand ist es verhältnismässig einfach, die finanziellen Mittel aufzubringen und eine qualitativ hochwertige Planungsarbeit zu leisten. Private hingegen dürften dazu seltener in der Lage sein. «Das stimmt. Doch kann man sich im Rahmen der Möglichkeiten überlegen, wie man hochwertig und nachhaltig umbauen oder neu weiterbauen kann.» Darum nämlich gehe es letztlich auch beim Wakkerpreis, so die Vorsitzende.

«Wie schafft man gute, neue Bauten, die in einem respektvollen Umgang stehen mit der vorherigen Bausubstanz? Das ist eine Frage, die sich nicht immer einfach beantworten lässt.» Diese Diskussionen zu führen, sei jedoch wichtig. «Nicht zuletzt, da Bauten unsere eigene Geschichte erzählen und unsere Lebensqualität beeinflussen – auch in Zukunft.»

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