Verkehr & Mobilität
Gastbeitrag von Korintha Bärtsch

Gemecker über das Velo?! Widerworte an René Scheu

Das Velo ist nicht nachhaltig? Korintha Bärtsch lässt die Behauptung von René Scheu nicht gelten. (Bild: bic)

René Scheu vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern behauptet in einer Kolumne, das Velo sei weniger nachhaltig als das Auto. Die Luzerner Kantonsrätin und Pro-Velo-Co-Präsidentin Korintha Bärtsch kontert in einem Gastbeitrag.

René Scheu ist Geschäftsführer des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern – und schreibt für den «Blick» regemässig kontroverse Kolumnen (zentralplus berichtete). In der neusten nimmt er das vielgepriesene Velofahren unter die Lupe.

René Scheu behauptet – unter Berufung auf den Freiburger Ökonomie-Professor Reiner Eichenberger – Folgendes: Mit 22 Rappen pro Personenkilometer sei das Velo dreimal weniger nachhaltig als das Auto mit gut 7 Rappen. Und folgert: Die Rechnung zeige den «Velokönigen ihre Grenzen auf». «Sie zähmt politische Forderungen zum unkritischen Ausbau der Infrastruktur fürs Zweirad.»

Bei zentralplus nimmt jetzt die Luzerner «Velokönigin» Korintha Bärtsch den Ball in einem Gastbeitrag auf.

Korintha Bärtsch stehen die «Haare zu Berge»

Halleluja! Es ist beruhigend, dass René Scheu trotz seiner abenteuerlichen Zahlenspielerei doch noch Velo fährt. Meine Haare stehen zu Berge, wenn ich davon lese, dass die Kostenwahrheit der einzige Faktor im Rahmen der Nachhaltigkeit sein soll.

Fakt ist: Für den Klimaschutz ist das Velo die beste Wahl. Und, zur Erreichung unserer Klimaziele muss der Verkehr seinen Beitrag leisten. Ebenso stehlen die grossen Autokolonnen den Menschen Lebensqualität. Sie verbrauchen enorm viel Platz in den Städten und Agglomerationen und drängen alle anderen Verkehrsteilnehmerinnen an den Rand.

Ich weiss auch nicht, warum man Angst vor den Velofahrenden hat und diese verunglimpfen will. Im Gegenteil, viel zu viele Menschen haben Angst, auf Schweizer Strassen mit dem Velo unterwegs zu sein. Es fehlt an einem durchgängigen Velonetz, an attraktiven und sicheren Routen.

René Scheu zäumt das Pferd am Schwanz auf

Es ist absurd, wenn die von René Scheu zitierte Studie die Unfallkosten dem Velo negativ auslegt. Gemäss der Unfallstatistik der Suva passieren die Velounfälle gerade deshalb, weil es zu wenig Platz gibt, weil Velofahrende von Autos abgeschossen werden und sich den Platz leider häufig auch mit den Fussgängern teilen müssen. Bevor man Unfallkosten von Velos in eine Kostenwahrheit einbezieht, muss man einen Zielzustand der Verkehrsinfrastruktur formulieren. Und dieser soll ja eben so ausgestaltet sein, dass es möglichst wenige Unfälle gibt.

«Fakt ist: Für den Klimaschutz ist das Velo die beste Wahl.»

Deshalb setzt sich Pro Velo seit jeher und ganz aktuell mit Volksinitiativen für die Schaffung von Velonetzen ein (zentralplus berichtete). Wir fordern von Fussgängerinnen und dem motorisierten Individualverkehr (MIV) abgetrennte Velohauptrouten, die durchgängig und ausreichend breit sind. Sodass auch die Velofahrer sich gegenseitig sicher überholen können.

Breitere Velowege machen die Velos nachhaltiger

Häufig braucht es einen Anstupser, um mit etwas Neuem zu beginnen. Gerade im Verkehrsbereich, wo die Gewohnheit eine wichtige Rolle spielt. Mit Bike to work, der Aktion von Pro Velo Schweiz, die jedes Jahr im Juni stattfindet, können viele Menschen zum Velofahren bewegt werden. Gerade das E-Bike erlebt einen krassen Boom.

Wie oft höre ich von Neo-E-Bike-Fahrerinnen, wie praktisch es doch sei, mit dem Velo zum Einkaufen, in die Chorprobe oder ins Training zu fahren. Genau das braucht es, sind die Leute mal auf dem Velo, schätzen sie die Vorteile. Leider meiden sie häufig gewisse Strecken aus Sicherheitsgründen, was eine zu starke Einschränkung darstellt.

Nachhaltige Mobilität muss sich dem Klimaschutz verpflichten

Aber sowieso ist die Bewirtschaftung der Gräben in der Verkehrspolitik etwas für die Geschichtsbücher. Heute sind wir Menschen multimodal, also mit allen Verkehrsmitteln unterwegs. Mit dem Velo zum Bahnhof und mit dem ÖV weiter, mit dem Auto zur Park+Ride-Anlage und immer häufiger auch zu Fuss.

«Es ist beruhigend, dass René Scheu trotz seiner abenteuerlichen Zahlenspielerei doch noch Velo fährt.»

In jedem Fall ist es gut und wichtig, auch die jeweilig andere Perspektive zu kennen. Velofahrer sollen auch mal in einem Auto sitzen und die teils waghalsigen Fahrstile der Kolleginnen erleben. Oder erfahren, wie es ist, wenn man als Fussgängerin mit einem minimalen Abstand von 30 Zentimeter überholt wird. Gleichzeitig sollen sich Autofahrer mal auf den Sattel schwingen und so erleben, welche Manöver von Autos für die Velofahrerinnen gefährlich sind. Der Klassiker ist dabei wohl das Abdrängen bei Kreuzungen.

Eine nachhaltige Mobilität muss sich dem Klimaschutz verpflichten. Das Velo leistet einen essenziellen Beitrag dazu. Schöpfen wir das Potenzial doch endlich aus!

Korintha Bärtsch verwendet bei ihren Ausführungen den Genderstern. zentralplus wechselt seit 2019 in den Artikeln zwischen der männlichen und der weiblichen Form ab.

Verwendete Quellen
  • Kolumne «Abgeklärt & aufgeklärt» von René Scheu im «Blick»

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