Trotz «Obst-Armageddon»: Baars Früchte der Hoffnung
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Die Sonne geht auf für die Erdbeeren – das Kapital, auf das Zuger Obstbauern jetzt bauen. (Bild: woz)

Ernte-Impressionen auf Erdbeerplantage Trotz «Obst-Armageddon»: Baars Früchte der Hoffnung

3 min Lesezeit 30.05.2017, 12:25 Uhr

Kaum zu glauben: Vor gut vier Wochen lagen 35 Zentimeter Schnee auf dem Baarer Hotzenhof. Nun herrschen morgens um acht schon Temperaturen von 20 Grad in der Erdbeerplantage: ideales Erntewetter, also. Die süssen roten Früchte reifen heran und lassen die Bauern wieder aufatmen.

Zwischen Zeigefinger und Daumen nimmt Philipp Hotz den Trieb der Erdbeere in die Hand. Dann schnippt er kurz und hält die rote Frucht auf seiner Handfläche. «Das Ziel beim Ernten ist, die weiche Beere nicht zu drücken, sonst beschädigt man sie», erklärt der 27-jährige Baarer Obstbauer, Juniorchef auf dem elterlichen Hotzenhof in Deinikon. Das ist übrigens auch der Grund, warum Erdbeerpflücker so früh morgens aufstehen – denn solange die Früchte noch kühl sind, sind sie weniger druckempfindlich.

Apropos empfindlich. Obwohl Erdbeeren im Vergleich zu einem harten Apfel wesentlich verletzlicher sind, haben sie die brutalen Frosttage Ende April am besten überstanden. 35 Zentimeter Schnee lagen auf den Wiesen, das Dach über den Erdbeerfeldern drohte einzuknicken. «Diese Frostschäden waren wie ein Schlag auf den Kopf.»

Doch während die Blüten der meisten Obstsorten einfach erfroren sind, «konnten wir die Erdbeerpflanzen vierfach mit Vlies umhüllen und sie so vor der Kälte schützen«, berichtet Hotz von jenem «Obst-Armageddon» in der Zentralschweiz.

10’000 Schalen werden verkauft

Umso verständlicher ist es, dass Hotz mit seinen Erntehelfern täglich jede reife Erdbeere fast wie «Gold Nuggets» pflückt und sorgsam ins Körbchen legt. Nur ganz kleine und deformierte landen im Körbchen der zweitklassigen Früchte, die günstiger verkauft werden. Saftig rot schimmern die anderen Beeren, die in der 500 Gramm Schale abgelegt werden.

Sie werden zum Tagespreis – zwischen 5,90 und 4,50 Franken – im Hofladen und auf dem Baarer Wochen-Märcht verkauft. Rund 10’000 solcher Schalen gehen offenbar über den Ladentisch – wobei ab 12. Juni Freunde der roten Früchte diese selbst auf dem Hotzenhof pflücken können.

«Wir leben von der Substanz.»

Philipp Hotz, Hotzenhof Baar

Ein Silberstreifen am Horizont: Die Erdbeeren sind die letzte Hoffnung. Denn der Frost bereitet auch den Zuger Obstbauern ein existenzielles Problem. «Wir mussten unseren Saisonnier-Arbeitern aus Polen und Slowakei absagen», sagt Hotz. Und nicht nur das. Angesichts der erfrorenen Fruchtarten würde 95 Prozent des normalen Ernteeinkommens dieses Jahr ausfallen. «Das heisst: Wir leben von der Substanz. Investitionen werden zurückgefahren, Winterferien kann man dieses Jahr vergessen.» Einzig sein viertägiger Feuerwehr-Ausflug nach Riga sei dieses Jahr gesichert.

Prall und fruchtig: Die frisch geernteten Erdbeeren.

Prall und fruchtig: Die frisch geernteten Erdbeeren.

(Bild: woz)

Will heissen: Neben dem Verkauf der Erdbeeren haben die Hotzens sämtliche Vorräte im Hofladen aufgefahren – von der selbstgemachten Erdbeerkonfi bis zum selbstgebrannten Schnaps. Und man hofft, dass wieder viele Gäste beziehungsweise Gruppenreisen zu den «Farmsafaris» kommen. «Wir werden diesen Sommer auch wieder einen 1.August-Brunch anbieten – als weitere Einkommensquelle.»

Übrigens ist das Erdbeerpflücken heutzutage keine Plackerei mehr – bei der man nach kurzer Zeit Rückenschmerzen bekommt vom Bücken. Dass heisst man kann bequem im Stehen die Früchte abpflücken. Die Erdbeerpflanzen hängen wie in erhöhten Blumenkästen, in denen sie bis zu neunmal täglich per Computer bewässert werden. Das überflüssige Wasser fliesst zurück in den Tank und wird später erneut eingespeist.

Zuger Firmen gönnen ihren Mitarbeitern frische Früchte

Obwohl die Frost-Misere die Obstbauern in die Knie gezwungen hat (zentralplus berichtete), wirkt Philipp Hotz keineswegs deprimiert. Er liebt nicht nur seinen Job als Obstbauer, wo er sein eigener Herr sei und sich seine Zeit einteilen könne. «Ich liebe Früchte über alles», sagt der Baarer und gibt zu, dass er während des Erntens «locker ein Pfund Erdbeeren» nasche. Am besten schmeckten Erdbeeren direkt nach dem Pflücken.

Nicht zuletzt ist ein wichtiges finanzielles Standbein für viele Zuger Obstbauern, dass zahlreiche Zuger Firmen ihren Mitarbeitern während der Arbeitszeit frische Früchte gönnen. «Wir haben 20 Firmen, die wir regelmässig mit frischem Obst beliefern», lässt Hotz wissen. Denn dank einer gesunden Ernährung würden bei diesen Firmen auch weniger Mitarbeiter erkranken. «Das zahlt sich aus.»

«Ich liebe Früchte über alles»: Philipp Hotz.

«Ich liebe Früchte über alles»: Philipp Hotz.

(Bild: woz)

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