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Theologe tyrannisiert Quartier
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Gartenzwerge als Zeichen einer idyllischen Nachbarschaft. Doch der Schein kann trügen. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Nachbarschaftsstreit Theologe tyrannisiert Quartier

5 min Lesezeit 2 Kommentare 25.07.2013, 06:00 Uhr

Wenn Nachbarn streiten, endet das nicht selten vor dem Richter. So auch in der Kaspar-Kopp-Strasse in Ebikon, wo ein einzelner Anwohner seit zwei Jahrzehnten seine Nachbarn regelmässig verklagt. Dabei gäbe es einige Möglichkeiten, einen Streit konstruktiv anzugehen und sauber zu schlichten. Mediation zum Beispiel.

Krieg am Gartenzaun: Wenn sich Nachbarn streiten, geht es meist um Kleinigkeiten – und dennoch werden Mücken nicht selten zu Elefanten gemacht. Vor allem Lärmbelästigungen, Grenzüberschreitungen, besetzte Parkplätze oder zu hohe Bäume treiben manche Nachbarn nicht nur zur Weissglut, sondern öfters auch gleich zum Anwalt. Schliesslich muss ein Gericht über Gewinner und Verlierer entscheiden.

20-jähriger Nachbarschaftsstreit in Ebikon

Auch die Anwohner der Kaspar-Kopp-Strasse in Ebikon kennen den Weg zum Gericht nur zu gut. Seit nun 20 Jahren tobt dort ein Nachbarstreit, bei dem eine einzelne Person seine Nachbarschaft regelmässig mit Klagen eindeckt. Begonnen hat alles in den frühen Neunzigern, als der Theologe W.* in die damals idyllisch-friedliche Strasse oberhalb des Rotsees zog. Zunächst noch gesellig und freundlich, entpuppte sich W. aber bald als Tyrann, der die kleinsten Fehltritte seiner Mitmenschen gerichtlich abzustrafen versuchte – mit Erfolg.

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«Wenn Sie etwas schreiben, dann können Sie sich auf eine Klage gefasst machen.»
Theologe W.

So erwirkte der Theologe ein Amtsverbot für einen kleinen Schotterweg, den er sich mit vier unmittelbaren Nachbarn teilen muss. Die Hälfte des Weges gehört ihm und ein gut sichtbares Schild macht deutlich: hier ist Parkieren, Betreten, Begehen oder Spielen verboten. Wer sich nicht daran hält, wird verklagt.

Über 60 Beschwerden, Einsprachen und Klagen hat W. bisher eingereicht. Auch wenn sich die Anwohner verteidigen, in dem sie auf dem Boden des Weges genau markiert haben, wo sie sich klagefrei aufhalten können, belastet sie der Streit sehr. So sehr, dass sie bei einer weiteren Klage nicht mehr reagieren würden. «Wenn wir wieder vor Gericht müssten, würden wir nicht hingehen. Die Polizei müsste uns abholen. Wir sind es leid», sagt eine Nachbarin.

Theologe klagt und droht

Allmählich wurde es ruhig um den «Grenzweg», wie die Nachbarn den Schotterweg sarkastisch getauft haben. Was W. aber nicht davon abhält, nach neuen Klagegründen zu suchen. Ein Anwohner, der eine kleine Auto-Reparatur-Werkstatt in der Kaspar-Kopp-Strasse führt, wurde zur nächsten Zielscheibe des notorischen Klägers. Aufgrund der angeblichen Lärmbelästigung sowie unzulässigen handwerklichen Tätigkeiten im Wohngebiet, verklagte W. den Mechaniker. Erst nach sieben Jahren wurden die Klagen fallen gelassen. Dennoch sei ein grosser finanzieller Schaden entstanden, wie der Mechaniker sagt. «Insgesamt hat mich diese Angelegenheit 25’000 Franken gekostet.»

Die Niederlage gegen den Mechaniker scheint W. aber nur noch klagewütiger gemacht zu haben. Zurzeit versucht der Theologe einen ansässigen Malerbetrieb mit einem Baustopp am Ausbau des Betriebes zu hindern. Drei Verfahren sind in diesem Fall hängig.

Und was sagt W. selbst dazu? Auf die Anfrage von zentral+ reagiert der Theologe empfindlich: «Kein Kommentar. Und wenn Sie dennoch etwas schreiben, dann können Sie sich auf eine Klage gefasst machen.»

Win-Win-Situation durch Mediation

Nur, wieso müssen nachbarschaftliche Konflikte so oft über die Justiz geregelt werden? Dabei gäbe es doch andere Möglichkeiten, einem Streit unter Nachbarn beizukommen. Auch wenn ein persönliches Gespräch nicht möglich ist, so könnte beispielsweise ein Mediator eingeschaltet werden, der neutral zwischen den streitenden Parteien vermittelt und eine aussergerichtliche Lösung anstrebt.

«Man gibt sich oft die Mühe gar nicht, mit dem Nachbarn in einen konstruktiven Dialog zu kommen», erklären die Vermittlungsprofis der Neustadt Mediation GmbH in Luzern. «Mit Hilfe einer gerichtlichen Entscheidung erhofft man sich ‹endgültige› Zustände. Der Gewinner kann dem Verlierer dann endlich klar sagen: Siehst du, hab ichs dir doch gesagt.»

Jedoch gerade bei Nachbarschaftskonflikten sei der Gang vor Gericht eine schlechte Alternative. Die Beziehung zwischen den Parteien gehe ja meist im Alltag weiter, eine denkbar ungünstige Voraussetzung, um einen Streit endgültig zu schlichten, so die Neustadt Mediation. «Unsere Erfahrung zeigt, dass es sich lohnt, schon frühzeitig eine dritte Person als Vermittler einzuschalten – zur Entspannung und Förderung einer konstruktiven Kommunikation.» Zudem bietet die Mediation die Möglichkeit einer Win-Win-Situation für die streitenden Parteien. Vor Gericht gibt es immer nur Gewinner und Verlierer.

Auch finanziell ist die Mediation im Vergleich zu den horrenden Gerichts- und Anwaltskosten die bessere Alternative: Zwischen 2’000 Franken und 4’000 Franken kosten die drei bis fünf Sitzungen, die es in der Regel für eine komplette Mediation benötigt.

Intimsphäre ist nicht mehr geschützt

Der deutsche Psychologe Volker Linneweber erachtet Mediation ebenfalls für den besten Weg – sofern bilaterale Gespräche zwischen den Streithähnen nicht (mehr) möglich sind. Linneweber untersuchte die Ursachen und Auswirkungen von Nachbarschaftskonflikten und kam zum Schluss, dass sich die Mediation hierbei förmlich anbietet: «Die hohen Gerichts- und Anwaltskosten, die Dauerbeziehung zwischen den Parteien sowie die Komplexität in rechtlicher, psychologischer und tatsächlicher Hinsicht sprechen für die Mediation.» Ausserdem hätten Einigungen, welche die Parteien auf dem Weg der Vermittlung selber erarbeitet haben, in der Regel länger Bestand als Gerichtsurteile, so Linneweber.

Nachbarn stehen, ob sie es wollen oder nicht, in einer sozialen Beziehung zueinander. Streitigkeiten zwischen Nachbarn gründen meist auf Beziehungsproblemen. Störungen von Nachbarn werden als Eingriffe in die eigene Intimsphäre angesehen, sagt Linneweber. Mit dem heutigen Trend zu dichteren Wohnformen, Stockwerkeigentum, Reihenhäusern und Terrassensiedlungen, nehmen auch die möglichen Konfliktpunkte und damit die Nachbarstreitigkeiten zu.

Wenn es nichts mehr zu vermitteln gibt

Könnte eine Mediation somit auch den Anwohnern der Kaspar-Kopp-Strasse wieder zu einer glücklichen Nachbarschaft mit dem Theologen W. verhelfen? Kaum, so die Neustadt Mediation, «da gibt es vermutlich nichts mehr mittels gemeinsamen Gesprächen zu vermitteln.» Hätte man sich aber zu Beginn des Streits – vor 20 Jahren – an einen professionellen Vermittler gewandt, hätte einiges an Zeit, Geld und Nerven eingespart werden können.

Allerdings auch die Mediation hat seine Grenzen, vor allem dann, wenn sich eine Partei partout nicht zum klärenden Gespräch treffen möchte. Dann bewahrheitet sich, was bereits Wilhelm Tell in Friedrich Schillers gleichnamigem Drama wusste: «Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.»

*Name der Redaktion bekannt

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2 Kommentare
  1. Leo Nauber, 30.07.2013, 12:22 Uhr

    Wenn der Artikel in etwa stimmt, muss doch die Psychiatrie aktiv werden – von Amtes wegen!
    Der Mann ist doch ganz einfach krank und braucht professionelle psychiatrische Behandlung, möglichst stationär. Leo

  2. Peter Bitterli, 27.07.2013, 20:52 Uhr

    Was soll ein Theologe den lieben langen Tag schon tun? Lieber handfest streiten als über Gespenster reden.
    Und was will ein Schreiberling im Sommerlich schon tun? Besser eine Uralt-Kamelle aufwärmen als sich durch wirkliche Recherche Feinde machen.