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SBB werfen an der Luzerner Güterstrasse alle Mieter raus
  • Gesellschaft
Ruedi Lötscher auf dem Balkon an der Güterstrasse. (Bild: giw)

Eine letzte Bastion für günstige Wohnungen fällt SBB werfen an der Luzerner Güterstrasse alle Mieter raus

5 min Lesezeit 1 Kommentar 26.06.2017, 04:57 Uhr

Der 64-jährige Ruedi Lötscher wohnt seit 30 Jahren an der Güterstrasse 7. Für seine Dreizimmerwohnung im Luzerner Zentrum bezahlt er aktuell 617 Franken. Nun hat die SBB allen acht Mietern im Haus gekündet – im Anschluss an eine Gebäudebesichtigung. Bereits im September müssen alle das Haus verlassen.

Zwischen 600 bis 800 Franken kostet eine Dreizimmerwohnung an der Güterstrasse 7. Wer die Langensandbrücke überquert, kann das rosafarbene Gebäude inmitten der Geleise kaum übersehen. Das SBB-Entwicklungsgebiet Rösslimatt steht vor enormen Veränderungen, eine Grossüberbauung ist in den kommenden Jahren geplant (zentralplus berichtete).

Seit 30 Jahren in der gleichen Wohnung

Ursprünglich war das als erhaltenswert deklarierte Haus Teil der Baupläne für die Überbauung, doch nun hat sich alles verändert: Allen acht Mietparteien inklusive dem im Erdgeschoss befindlichen Kulturraum G7 sowie dem Kunstatelier wurde auf Ende September gekündet. Dies, nachdem ein Bauingenieur der SBB-Immobilien das Haus untersuchte. Begründung: «Erhalten der Personen- und Gebäudesicherheit», wie es in einer Kündigung heisst.

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Einer der Betroffenen ist Ruedi Lötscher. Die Hiobsbotschaft wurde ihm Mitte Juni von einer SBB-Mitarbeiterin persönlich überreicht: «Just an dem Tag, als in London das Wohnhaus niederbrannte, lag die Kündigung vor.» Ruedi Lötscher lebt seit 30 Jahren in einer Wohnung im dritten Stock. Der zuvorkommende und schmächtige Gastgeber tischt Süssigkeiten und Wasser auf. «1988 hat die SBB gesagt, in fünf Jahren ist hier Schluss.»

Als er mit seiner damaligen Partnerin eingezogen ist, war das Appartement mit den hohen Räumen vom Vormieter an einen Randständigen untervermietet worden. «Die Wohnung war in einem schlimmen Zustand, wir haben kräftig geräumt.»

Ruedi Lötscher in seinem Wohnzimmer.

Ruedi Lötscher in seinem Wohnzimmer.

(Bild: giw)

 

Gemütliche Einrichtung

Eigentlich hätten SBB-Mitarbeiter das Mietvorrecht. Öfters seien hier Angestellte für eine Besichtigung gekommen. Doch der Ausbaustandard habe sie alle abgeschreckt. Unschlagbar günstige 617 Franken Mietzins inklusive Nebenkosten bezahlt Lötscher für die Dreizimmerwohnung. Dazu gehören zwei kleine Balkone mit attraktiver Aussicht.

«Für diesen Preis werde ich in der Stadt kaum etwas finden.»

Ruedi Lötscher, Bewohner Güterstrasse

Die Infrastruktur ist nicht mehr auf dem neuesten Stand. In der Küche gibt es kein warmes Wasser, der Gasherd ist sicherheitstechnisch problematisch und die Wände zeigen teilweise Risse. Doch Lötscher hat sein Zuhause äusserst wohnlich eingerichtet. Instrumente, ein Notenständer, Bücher und eine antike Leselampe säumen das helle Wohnzimmer. Die Decke bietet schmucken Stuck.

Das Entwicklungsgebiet Rösslimatt von der Bahnhofspasserelle aus gesehen. Im Hintergrund die «Schüür», die bestehen bleibt.

Das Entwicklungsgebiet Rösslimatt von der Bahnhofspasserelle aus gesehen. Links das gefährdete rosa Haus, im Hintergrund die «Schüür».

(Bild: mbe.)

Kündigung nach Architekten-Besuch

«Ich habe immer geahnt, dass es so weit kommt.» Der 64-Jährige macht sich keine Illusionen: «Für diesen Preis werde ich in der Stadt kaum etwas finden.» Vielleicht ziehe er auch in eine kleinere Alterswohnung. Die SBB habe ihn fair behandelt: «Sie werden beim Ausziehen helfen und bieten Unterstützung bei der Wohnungssuche.» Die Kündigungen folgten auf einen Besuch durch einen Architekten vor zwei Monaten, um die Fenster zu erneuern.

Nach 30 Jahren in der gleichen Wohnung, was löst der Rauswurf aus? «Klar ist es traurig, dass ich raus muss.» Wohin er nun zieht, weiss Lötscher noch nicht. Er, der von AHV und Ergänzungsleistungen lebt, hat nur ein sehr begrenztes Wohnbudget.

«Die Gesellschaft sieht mich wohl als Wohnschmarotzer.»

Ruedi Lötscher, Bewohner Güterstrasse

Es habe immer wieder grössere Umbrüche in seinem Leben gegeben, dass die Lichter bald ausgehen an der Güterstrasse, akzeptiert er: «Ich mag nicht kämpfen.» Bereits sind die ersten Regale geräumt. Die anderen Mieter überlegten sich, eine Erstreckung zu erwirken – doch Lötscher sieht kaum Aussichten auf Erfolg.

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«Es geht allen nur ums Geld»

Selbstironisch lächelnd sagt er: «Die Gesellschaft sieht mich wohl als Wohnschmarotzer.» Für den politisch und sozial engagierten Schriftsetzer sind nicht die Immobilienverwalter der Bundesbahnen verantwortlich für den Rauswurf. In diesem profitorientierten System habe es kaum mehr Platz für günstigen Wohnraum. «Es geht allen nur ums Geld. Früher musste die Bahn Personen transportieren und die Post Briefe und Pakete überbringen. Heute haben beide Betriebe mit Immobilien Gewinn zu erwirtschaften.»

Das müssten eben alle Firmen tun. Lötscher sieht sich nicht als Opfer und die Immobilienverwalter als Täter. Er zeigt Verständnis für den Entscheid der SBB: «Man will kein Risiko eingehen, insbesondere nachdem ein Architekt auf die Gefahren aufmerksam machte.»

An der Güterstrasse 7 haben die SBB allen Mietparteien auf Ende September gekündet.

An der Güterstrasse 7 haben die SBB allen Mietparteien auf Ende September gekündet.

(Bild: giw)

 

Bleibt das Haus stehen?

Ob das Haus erhalten bleibt, weiss Lötscher nicht, vermutet jedoch, dass es nicht abgerissen wird. Als erhaltenswertes Gebäude geniesst es einen gewissen Schutz. Bei Veränderungen ist der Bausubstanz, dem Charakter, der Gestalt und der optischen Wirkung dieser Bauten Rechnung zu tragen, steht im Gesetz geschrieben.

Stellungnahme der SBB

Die SBB Immobilien führte nach eigenen Angaben Anfang Jahr zusammen mit externen Fachleuten eine Besichtigung der Liegenschaft durch, um dringende Sanierungsmassnahmen wie Fensterersatz, Reparaturen am Sonnenschutz etc. zu besprechen. Dabei habe sich gezeigt, dass sich der Zustand des Gebäudes gegenüber der letzten Besichtigung im Jahr 2014 massiv verschlechtert hat. Das über 100 Jahre alte Gebäude mit Baujahr 1905 sei bezüglich Statik in einem sehr schlechten Zustand; die Erdbebensicherheit ist nicht mehr gewährleistet.

Risse in den Tragwänden und Setzungen machen dies schon von blossem Auge gut erkennbar. Das Treppenhaus ist gegenüber dem linken und rechten Gebäudeteil um einige Zentimeter abgesunken. An manchen Stellen im Gebäude beträgt das Gefälle bis zu zehn Prozent.

Vorerst keine Sanierung

Die genaue Ursache der Schäden kann nicht eruiert werden, es müsse aber von einer verminderten Tragsicherheit ausgegangen werden. Im Rahmen der Risikoabwägung hat die SBB laut der Stellungnahme entschieden, auf weitere Abklärungen zu verzichten und den Mietern im Gebäude auf den nächstmöglichen Termin zu kündigen.

Die SBB hat entschieden, das Gebäude vorerst nicht zu sanieren und die weitere Planung der Überbauung Rösslimatt bzw. deren Auswirkungen abzuwarten. Eine Sanierung macht erst Sinn, wenn die Zukunft des Areals und die künftige Nutzung des Gebäudes geklärt ist. Die SBB wird die Mieter, welche zum Teil seit vielen Jahren im Gebäude wohnen, aktiv bei der Wohnungssuche unterstützen.

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1 Kommentare
  1. Stefan Jaeggi, 31.07.2019, 14:28 Uhr

    R.I.P. Ruedi…. Lebenskünstler, Philosoph, Journalist, Menschen- und Tierfreund, Musiker, Mentor, Freund… Souveräner Abgang (und unser Verlust). Die mit Hirn und Herz werden sich an Dich erinnern…