<p>Cantautore Pippo Pollina in Aktion.</p>
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Cantautore Pippo Pollina in Aktion. (Bild: zvg)

Der Cantautore über seine Anfänge in Luzern Pippo Pollina: «Ärmel hochkrempeln»

4 min Lesezeit 17.01.2018, 11:45 Uhr

Der grosse Cantautore Pippo Pollina tritt im Kleintheater auf. Es ist eine Rückkehr nach Luzern, wo einst alles begann. Wir haben den Musiker vor seinem ersten von zwei Konzerten getroffen – und mit ihm über seine Zeit auf Luzerns Strassen und die letzten Exoten gesprochen.

«Ich habe eine sehr emotionale Beziehung zu Luzern», erzählt Pippo Pollina bei Mousse au Chocolat und Cappuccino. Draussen schüttet es aus Kübeln und Luzern zeigt sich von seiner wenig gastlichen Seite.

Pollinas Stimmung vor seinem ausverkauften Konzert im Luzerner Kleintheater kann das nicht trüben. Denn der berühmteste «Cantautore» Europas tritt am 16. und 17. Januar nach Jahren wieder einmal in dem Kleinkunst-Haus auf, in welchem er 1989 seine erste Platte taufte. Und zwar exakt an dem Tag, als in Berlin die Mauer fiel.

Auf der Strasse entdeckt

«Luzern war damals ein Nest, aber zentral und mit vielen guten Leuten», erinnert sich Pollina an die 80er-Jahre in der Leuchtenstadt. «Es war eine Zeit, in welcher man die Welt durch die Musik entdeckte», sagt der 54-Jährige etwas wehmütig. Plötzlich seien die ersten Passanten mit Walkman und Kopfhörern und ihrer eigenen Musik in den Ohren unterwegs gewesen. «Das war der Anfang vom Ende der Strassenmusik, wie ich sie erlebt habe.»

«Heute findest du noch ab und an einen einsamen Exoten. Doch vor 30 Jahren waren die Strassen auch in Luzern noch voll mit internationalen Musikern», erzählt er.

«Ein Konzert ist keine Einbahnstrasse.»

Pollina war einer von ihnen. Er hatte seine Heimatstadt Palermo 1985 verlassen und blieb für fünf Jahre in Luzern hängen. Ein Grund dafür war seine Begegnung mit dem Schweizer Liedermacher Linard Bardill, der ihn 1986 musizierend in der Luzerner Altstadt entdeckte und mit dem ihn bis heute eine enge Freundschaft mit vielen künstlerischen Zusammenarbeiten verbindet. «Ich spielte an diesem Tag wieder einmal in der Kapellgasse», erinnert sich der Liedermacher.

Zurück nach Palermo?

Die ersten sieben Jahre in der Schweiz lebte er noch ohne Aufenthaltsbewilligung. «Ich habe es versucht, wurde jedoch abgewiesen. Ich hätte einen festen Arbeitgeber angeben müssen.» Den jedoch brauchte und wollte der Liedermacher nicht. Er spielte auf der Strasse, bald schon zahlreiche Konzerte, gewann Preise und verkaufte Alben, doch rückblickend sei es trotzdem eine ziemlich orientierungslose Zeit gewesen. «Auf der einen Seite war mein Leben ein Abenteuer, auf der anderen Seite war ich etwas verloren.» Er habe sich oft nicht akzeptiert gefühlt in seiner Wahlheimat.

«Il Cantautore»

Pippo Pollina kam 1963 als Sohn einer bürgerlichen Familie in Palermo zur Welt. In den 80er-Jahren war er sehr engagiert in der noch jungen Anti-Mafia-Bewegung. Seit über 20 Jahren lebt er nun in Zürich, reist jedoch fast monatlich nach Palermo.

Pollina ist verheiratet und hat zwei Kinder, die ebenfalls musikalisch aktiv sind. Seine Tochter ist Teil des Duos «Steiner und Madlaina», sein Sohn ist mit deutschen Texten als «Faber» unterwegs.

«Irgendwann hatte ich die Nase voll davon. Ich war verbittert und sauer und kurz davor, die Schweiz wieder zu verlassen.» Doch dann kam die Liebe, dann kamen die Kinder und Pollina wurde in Zürich sesshaft.

Obwohl «sesshaft» für den stets reisenden Musiker ein nicht wirklich passender Begriff ist. «Ich bin ständig auf Tour», sagt er. Seit drei Jahrzehnten füllt er mit seinen Konzertprogrammen die grossen Häuser in Europa – von der Arena in Verona bis hin zum Hallenstadion in Zürich oder dem KKL. Doch auch auf die kleinen Bühnen zieht es ihn immer wieder.

Im vergangenen Jahr waren es 170 Auftritte in 9 Ländern. Dieses Jahr werden es ungefähr 130 in 11 Ländern sein. Dabei arbeitet er immer wieder mit verschiedenen Musikern in neuen instrumentellen Besetzungen.

Der Cantautore als Autore

2017 ist auch Pollinas Buch «Verse für die Freiheit» im Rotpunktverlag erschienen, das unter anderem zahlreiche Fotografien aus den letzten drei Jahrzehnten und einige seiner (über 200) Liedtexte auf Italienisch und Deutsch enthält.

«Dieser ganze Glamour ist nichts für mich.»

Eine gewöhnliche Autobiografie ist Pollinas Buch auf keinen Fall. «Eigentlich war meine eigene Geschichte die Ausrede dafür, über so viel mehr zu schreiben», sagt er lachend. Weltgeschehen, Politik, Ereignisse, die unsere moderne Welt geprägt haben. «Wir alle leben in einem Kontext. Meine Geschichte gibt es nur innerhalb der grösseren Geschichte und die beeinflusst mich stark.»

Inhalte statt Glamour

Doch nicht nur als Autor, auch als Schauspieler hat man den Musiker schon gesehen. 2005 spielte er die Hauptrolle im Kinofilm «Ricordare Anna». Es blieb jedoch bei diesem einmaligen Ausflug in die Filmwelt. «Das ständige Warten, dutzendfache Wiederholen bei den Dreharbeiten war zum Teil sterbenslangweilig.» Da sei ihm die Theaterbühne sympathischer.

«Zudem ist dieser ganze Glamour nichts für mich», sagt er. Kunst solle auch eine Plattform für Inhalt sein, Kunst sei immer Kommunikation. «Und man kann so viele wichtige Themen konstruktiv an die Menschen heranbringen.» Künstler sollten wieder mehr ihre Verantwortung wahrnehmen, ihre Möglichkeiten nutzen und nicht bloss eine affektierte Show abliefern, findet Pippo Pollina.

Vor Konzerten informiere er sich beispielweise immer über das Land, die Geschichte, Politik und die Kultur der Menschen, vor denen er auftrete. Das habe nicht nur mit seinem Interesse, sondern auch etwas mit gegenseitigem Respekt zu tun. «Ein Konzert ist keine Einbahnstrasse. Ich will mit den Menschen kommunizieren und nicht nur meine eigenen Geschichten erzählen.»

Vor allem aber wolle er mit seiner Musik Hoffnung vermitteln. «Und Hoffnung bedeutet für mich: Ärmel hochkrempeln.» Denn unsere Welt habe so viele Baustellen.

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