Kultur

Andere Schweizer Städte machen's vor
Neues Luzerner Theater: So wird es ein Ort für alle

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Fünf Expertinnen im Gespräch (von links): Marion Tiedtke, Ina Karr, Anna Hohler, Christina von Rotenhan und Nadia Fistarol. (Bild: jal)

Der geplante Neubau des Luzerner Theaters soll ein Treffpunkt für die ganze Bevölkerung werden. Doch wie wird das, was auf Papier gut tönt, in der Praxis zum Erfolg? Zwei Beispiele aus anderen Städten zeigen, was möglich ist. Es wird aber auch klar, wie viel Aufwand dahintersteckt und welche Kritik das hervorruft.

Vom Kulturtempel zum Haus für alle: So soll im Idealfall der Wandel des Luzerner Theaters aussehen. Doch wie es sich für Slogans gehört: Sie klingen gut, doch der Teufel liegt im Detail beziehungsweise in der Umsetzung. Im Fall des Luzerner Theaters: Wie wird ein Foyer zu einem öffentlichen und belebten Begegnungsraum?

Frauen auf der Bühne unter sich

Darüber diskutierte am Montagabend eine bemerkenswerte Expertinnenrunde in der Box des Theaters. An der Seite von Intendantin Ina Karr und unter der Leitung von Kulturjournalistin Anna Hohler sprachen drei mit Schauspiel und offenen Räumen bestens vertraute Frauen über diese Frage: Nadia Fistarol von der Zürcher Hochschule der Künste, Marion Tiedtke von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt sowie Organisationsberaterin Christina von Rotenhan. Veranstaltet hatte das Podium der Theaterclub Luzern unter der Leitung von Philipp Zingg.

Zur Erinnerung: Derzeit läuft der Architekturwettbewerb für das neue . Das bisherige Gebäude ist überholt und soll – trotz Risiken – einem Neubau weichen. Bis Ende Jahr sollen die Vorschläge der Architektinnen vorliegen. Klar ist bereits jetzt der städtebauliche Anspruch: Das Theater soll sich öffnen, und zwar auch dann, wenn auf der Bühne weder Oper noch Tanz läuft (zentralplus berichtete).

Genf: ein Beispiel in anderen Dimensionen

So weit die Theorie. Wie immer, wenn diese zu abstrakt ist, helfen konkrete Beispiele. In diesem Fall aus Genf: Dort ist letzten Sommer das neue Stadttheater «Nouvelle Comédie» eingeweiht worden. Für 100 Millionen Franken hat die Rhonestadt einen ebenso kulturellen wie architektonischen Leuchtturm erhalten. Der nicht nur der theateraffinen Elite zugute kommen soll.

In einer Art Wandelhalle trifft man sich zu einem Kaffee oder einer Yoga-Stunde, vom öffentlichen Restaurant blickt man direkt in die Werkstatt. Ein Vorbild oder Quell der Inspiration für Luzern?

So sieht das neue Haus in Genf aus:

Gut möglich, dass dies auch für das zweite Beispiel zutrifft. Das Theater in Basel hat 2021 einen Teil seines Hauses als öffentlichen Begegnungsort geöffnet. Es sei ein Experiment und der Versuch, das Theater mit dem Stadtalltag zu verweben, erzählt Christina von Rotenhan. Sie hat als Organisationsberaterin das Projekt «Platz für alle – Foyer Public» begleitet.

Im öffentlichen Foyer gibt es hin und wieder Anlässe des Theaters, beispielsweise eine Gesangsprobe. Aber hauptsächlich steht der Raum der Bevölkerung zur Verfügung, die dort Tango tanzt, ein Digitalcafé für Senioren abhält, die Kinderecke besucht oder einfach strickt oder jasst. Damit das Angebot möglichst niederschwellig ist, hat man in Basel ausdrücklich einen «konsumfreien» Raum geschaffen. «Dass da erstmal nichts passiert, muss man aushalten», sagt Christina von Rotenhan.

So sieht das Projekt «Foyer Public» in Basel aus:

Verirrte Besucher und anstrengende Arbeit

Die Reaktionen der Besucher des Podiums, aber auch die Erfahrungen der Expertinnen zeigten schnell: Nicht alles kommt in der Praxis gut an. Und nicht alles lässt sich direkt auf Luzern übertragen. Nur schon der Grösse wegen: Allein die «Wandelhalle» in Genf ist rund 100 Meter lang – in Luzern besteht zwischen der Reuss, der Jesuitenkirche und den bestehenden Gebäuden gar nicht der Platz dafür.

Dazu kommt der Aufwand: In Basel, so sagt Kulturjournalistin Anna Hohler, braucht es zwei 80-Prozent-Stellen nur für das Management des Raums. Dazu kommen zahlreiche Ehrenamtliche, die als Ansprechpersonen im Raum agieren. Denn in Basel soll explizit die Bevölkerung das Programm entwickeln.

«Partizipation ist schwierig, dauert lange und kostet viel Geld. Man muss das wirklich wollen.»

Christina von Rotenhan

Laut Christina von Rotenhan setzte man dazu auf ein Mittel, das Luzern nur allzu gut kennt: Partizipation. Ganz früh seien in Basel ganz unterschiedliche Gruppen miteinbezogen und befragt worden, sagte von Rotenhan. Mit Erfolg, es ist etwas entstanden. Doch die Expertin räumt gleichwohl ein: «Partizipation ist schwierig, dauert lange und kostet viel Geld. Man muss das wirklich wollen.» 

Die Diskussion förderte auch unerwartete Hürden zutage. In Genf, so erzählte Anna Hohler, sei am Anfang ein Querdurchgang durchs Gebäude geöffnet gewesen. Doch die Besucher seien dann einfach durch alle möglichen Türen gegangen und hätten sich im Haus verirrt – inzwischen ist der Durchgang wieder geschlossen.

Kritische Stimmen aus dem Publikum

«Einfach Tür auf und alle rein – das ist noch kein Konzept», brachte Ina Karr das Problem auf den Punkt. Marion Tiedtke wies zudem darauf hin, dass Transparenz zwar schön und gut sei. «Doch die Künstlerinnen brauchen auch Schutzräume. Wichtig ist eine geschickte Kombination.»

Das aktuelle Luzerner Theater soll einem Neubau weichen.

Sie plädierte dafür, allfällige Schablonen wegzulegen. Wieso nur ein Foyer und nicht mehrere? «Wieso nicht lange Tische, auf der einen Seite weiss gedeckt, auf der anderen Seite isst man Pommes?», schlug Nadia Fistarol vor. Auch sie, die in Zürich an einem Umbauprojekt beteiligt war, machte sich fürs Experimentieren stark. Wichtig sei, dass sich möglichst viele Gruppen wohlfühlten, sagte Nadia Fistarol.

«Die Theater sind nicht mehr einfach Repräsentationshäuser des Bürgertums.»

Marion Tiedtke

Nicht ganz wohl bei solchen Vorstellungen schien es in der fast vollen Box am Montag einigen treuen Theatergängern zu sein. Ein Besucher sagte im Hinblick auf Basel, dass ein konsumfreies Foyer für Luzern gar nicht infrage kommen sollte. Zum Theatervergnügen gehöre, etwas zu trinken oder gar zu essen. Eine Frau fragte sich, ob die Jassrunde oder die Tangotänzerinnen später auch ins Theater gehen würden oder nur die kostenlose Spielwiese nutzten. Ist es die Aufgabe eines neuen Theaters, für all diese Gruppierungen Räume zu bilden?», so ihre kritische Frage.

Der Weg zu einem öffentlichen Raum im und ums neue Luzerner Theater dürfte also mit einigen Stolpersteinen gepflastert sein. Die Lust an der Auseinandersetzung scheint aber vorhanden. Und einig war man sich auf dem Podium in einem Punkt: Das Theater muss sich wandeln und es muss sich öffnen. «Heute haben wir keine homogene Gesellschaft mehr», sagte Marion Tiedtke. «Die Theater sind nicht mehr einfach Repräsentationshäuser des Bürgertums.»

Verwendete Quellen
  • Podiumsgespräch in der Box des Luzerner Theaters
  • Frühere Medienberichte
Weitere Quellen
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6 Kommentare
  1. Pro Omnibus?, 13.04.2022, 15:46 Uhr

    Für alle? Wurde dies nicht schon beim KKL versprochen? Jeder Musikverein erhalte dann sein Übungslokal? Und nach der Abstimmung wurde die Rechnung präsentiert, welche die Musikvereine dann nicht zu bezahlen imstande waren? Und der Traum war ausgeträumt, aber die Ja-Stimmen hatte man ja! Und nun wieder «für alle»? Ein Theater zieht den «Kulturkuchen» an, andere bleiben wohl fern. Dies mal meine These.

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    1. Michel von der Schwand, 13.04.2022, 18:18 Uhr

      Es war niemals davon die Rede, dass jeder Musikverein ein Übungslokal erhält. Beim KKL handelt es sich um ein 200 Millionen Bau mit einem Konzertsaal, welcher über eine hervorragende Akustik verfügt. Dieser Bau hat gefälligst rentabel zu wirtschaften und ein Konzert auf hohem Niveau anzubieten. Dazu gehört die Harmoniemusik aus Hinterschwand eben nicht. Solche Erwartungen sind schon sehr vermessen. Tatsache ist, dass das KKL zu Vorzugskonditionen offen steht. Die Stimmbevölkerung hat sicher für das KKL entschieden, weil das Lucerne Festival eben auch ein wichtiger kultureller Bestandteil in der Stadt ist.

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  2. Michel von der Schwand, 13.04.2022, 10:29 Uhr

    Aber vielleicht wollen nicht alle, dass es ein Ort für alle ist. Unter allen gibt es nämlich immer wieder welche, die sich selbst gerne ausgrenzen. Macht daraus mal ein Theater.

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  3. Schmidt Hugo, 12.04.2022, 13:09 Uhr

    Die ständige intellektuelle Diskussion hilft dem Projekt wenig. Der Stimmbürger muss gewonnen werden. Insider Debatten gibt es allzu viele.

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  4. Peter Bitterli, 12.04.2022, 13:05 Uhr

    Ein Theater ist ein Theater. Eine Bar ist eine Bar. Ein Restaurant ist ein Restaurant. Ein Tangokurs ist ein Tangokurs. Der Rest ist inhaltsleeres Top-Down-Gewäsch im Hinblick auf die Volksabstimmung.

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  5. Melchior Hoffmann, 12.04.2022, 09:45 Uhr

    Mir gefällt die Idee des konsumfreien Raumes. Konsumbefreite (insbesondere konsumzwangsbefreite) Orte sollten viel mehr Raum erhalten in unseren Städten.

    Und die Dame die sich sorgt, dass die Nutzer:innen einer «kostenlosen Spielwiese» allenfalls nicht auch Theateraufführungen besuchen… So what? Bildet sie sich etwa ein, sie würde mit ihren Tickets den ganzen Theaterbetrieb finanzieren? Ein Theater wird immer auch auf Subventionen angewiesen sein, und die werden – wie der ganze Bau an sich! – von der Allgemeinheit bezahlt. Es ist darum geradezu dreist davon auszugehen, das Haus stehe nur für eine ganz bestimmte Klientel mitten in unserer Stadt.

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