Kultur

Hazel Brugger mit Thomas Spitzer im Kleintheater
Flapsige Wort-Nabelschau tief unter der Gürtellinie

  • Lesezeit: 4 min
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Begegnung nicht ganz auf Augenhöhe: Moderatorin Hazel Brugger und ihr Fan Thomas Spitzer. (Bild: hae)

«Impro is King, Hazel is Queen.» So kündigten die Veranstalter den Bühnenstar Hazel Brugger an. Die Erwartungen waren gross an die freche Comedienne. Die Enttäuschung folgte auf dem Fuss. «Kacke», um die Frontfrau des Kleintheaters zu zitieren, wäre allerdings übertrieben.

Eigentlich war als Sparringpartner der preisgekrönten und überall gehypten (Tagi: «die böseste Frau der Schweiz») Hazel Brugger (24) eine etwas ältere, aber dennoch um nichts verlegene Autorin angesagt gewesen. Doch der ersehnte Auftritt von Sibylle Berg wurde leider aufgrund einer Operation, über die man sich an besagtem Abend noch unsäglich grotesk ausliess, abgesagt.

In die Bresche sprang der aus Freiburg im Breisgau stammende Slammer Thomas Spitzer (29), der dann leider reichlich blass blieb. Ausser bei den atemlos vorgetragenen Lektüre-Häppchen aus seinen vier Büchern. Deshalb die These: Vermutlich wäre der Abend mit Frau Berg als Herausforderin auf Augenhöhe attraktiver verlaufen. Die Wette gilt. Anschauungsunterricht zum Überprüfen bietet sich bald schon: Am 31. Mai misst sich Hazel Brugger mit einem anderen Brain des deftigen Wortschlags: Harald Schmidt. Tatort: Kaufleuten Zürich.   

Fast-Selbstmord in Luzern

Es ist aber von einem Fast-Selbstmord in Luzern zu berichten. Das mögliche Scheitern hängt Abenden wie diesem wie ein Damoklesschwert im Nacken, denn das spontane Diskutieren zu zweit kann immer schnell ins Peinliche abdriften. Deshalb wird gerne das Publikum ins Geschehen integriert, das dann automatisch auch Verantwortung trägt. Und allenfalls auch Schuld hat am allfälligen Schiffbruch des Anlasses.

So offenbarte sich das dann im Falle des Kleintheater-Abends: In einem ersten Teil wird der Gast vorgestellt. Der «Spitzer Thomas» präsentierte sich, liess sich von Moderatorin Brugger löchern und reflektierte das Ganze nebenbei: Es gehe wohl darum, dass er bis zur Halbzeit vom Publikum «einfach mal gemögt werden muss». Bei Bier und Cüpli dürfen Zuschauer in der Pause Fragen auf Zettel für den zweiten Teil des Abends notieren.

«Wir alle wollen doch genommen werden.»

Hazel Brugger

Nach der Pause dann darf Spitzer in der Wort-Nabelschau, wie er süffisant feststellte, «intimer werden». Worauf Brugger kalauerte: «Und genommen werden. Wir alle wollen doch genommen werden.» «Stammtischniveau» denkt da nicht nur, wer den sich Entblössenden böse will. Tja, Anspielungen unter der Gürtellinie haben leider immer die Tendenz, grässlich auszuschlipfen.

Die Sache gipfelte dann überdies noch im Bekenntnis, dass die beiden, die ja zu ihrem Youtube-Talk unter dem Titel «Hazel Brugger und Thomas Spitzer haben eine Show» die wichtigsten Deutschen empfangen, neu eine Stripperin für 100 Euro suchen. Banal oder was? (Das Duo infernale hätte sich vermutlich zu «Anal oder was?» verstiegen.)

Brain und schlagfertige Slammerin: Hazel Brugger, hier beim Intro in den Kleintheater-Abend.

Brain und schlagfertige Slammerin: Hazel Brugger, hier beim Intro in den Kleintheater-Abend.

(Bild: hae)

Doch Halt, die beiden Standup-Comedians wollen das nur tun, um eine wahrlich einzigartige Show zu bieten. Wie sagte Hazel Brugger einst in einem Interview zur #MeToo-Debatte so wahr: «Waaas, Hollywood ist sexistisch? Natürlich ist es das. Ich frage mich, ob die Leute noch nie im Kino waren. In jedem Film kommt doch eine Frau mit geilen Titten vor.»

Zusammenarbeit Kleintheater mit Loge

«Immer schräg. Immer mit Niveau. Immer überraschend.» Das versprach die Zusammenarbeit des Kleintheaters Luzern und der Literaturbühne Loge, denen beide immer wieder grandios erheiternde und erhellende Abende gelingen. Schräg und überraschend, okay. Aber wo nur blieb das Niveau?

«Darmspiegelungen sind mein tägliches Brot.»

Billiger Kalauer im Kleintheater

Der Abend hangelte sich von billigen Kaulauern über spröde Dialoge durch alle nur erdenklichen Themengärten – Kinder, Deutsche, Tierliebe, Zahnarztbesuche, Drogen, Pornos als Vorlagen für Liebesspiele und andere Schlüpfrigkeiten – , ohne wirklich Neues und Überraschendes zutage zu bringen. Oder sind Sätze wie «Sind Zähne wirklich Gebrauchsgegenstände?» und «Darmspiegelungen sind mein tägliches Brot» tatsächlich eine Diskussion wert?

Fast schon schadenfreudig stellte man da fest, dass etliche im Publikum ähnlich dachten: Spitzers immer wieder thematisierte Fussballliebe zu den gleichzeit am Abend im Champions-League-Halbfinal engagierten Bayern-Tschüttelern aus München wurde ausgebuht. Wenn auch nur zaghaft und leise. Denn hier sassen ja auch Stars in den roten Fauteuils. Immerhin war es mutig, die allseits gehassten Millionarios gut zu finden.

Mit Wehmut dachte man da an so herrlich tiefgründige Gespräche, die Hazel Brugger auch gibt, wenn sie sich etwa am TV mit Schawinski duelliert. Oder im «Spiegel» Denkwürdiges sagt wie: «Mir gefällt der Gedanke, mit einer gewissen Ernsthaftigkeit an die Arbeit zu gehen. Ich traue keinen Leuten, die immer lustig sind.»

Atemlose Sprache: Thomas Spitzer liest vor (man beachte die Grösse des Buches!).

Atemlose Sprache: Thomas Spitzer liest vor (man beachte die Grösse des Buches!).

(Bild: hae)

Einziger Trost an diesem Abend im ausverkauften Kleintheater: Hazel Brugger, bekannt als Brain und schlagfertige Slammerin, vermochte immer mal wieder mit spontanen Gedankenblitzen daran zu erinnern, zu was sie eigentlich fähig wäre. Ja: wäre. So aber blieb die umtriebige Bühnenfrau, die nach eigenen Angaben an 250 Tagen im Jahr Auftritte gibt, eine Talentprobe schuldig.

Der Abend erinnerte ein wenig an die zahllosen Studentenabende, als wir bekifft und reichlich angeheitert in durchgesessenen Sofas hingen und uns mit cool und weichgeklopften Sprüchen gegenseitig übertrafen. Die nur scheinbar originellen Sottisen hätten allerdings nüchtern nicht den halben Unterhaltungswert gehabt wie unter der heilsamen Wirkung dieser göttlichen Stimulantien.

Zum Glück geschah Selbiges damals nicht vor einem Publikum wie dieser denkwürdige Abend hier in Luzern.

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