IG Kulturprovisorium Zug: «Noch haben wir sehr viel Kapazität»
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Guido Simmen verleiht der Bühne im Kulturprovisorium Zug den letzten Schliff. (Bild: wia)

Günstiger Kulturraum, aber wenig Interessenten IG Kulturprovisorium Zug: «Noch haben wir sehr viel Kapazität»

6 min Lesezeit 1 Kommentar 03.05.2021, 05:00 Uhr

Dass die Pandemie gerade bei Kunstschaffenden grosse Verunsicherung ausgelöst hat, ist allseits bekannt. Mit dem sogenannten Kulturprovisorium, das seit April besteht, haben ein paar Zuger zumindest für gewisse Probleme einen Lösungsansatz zu schaffen versucht. Nur: So richtig Anklang findet das grosszügige Angebot noch nicht.

Guido Simmen steht auf der Bühne. Vor ihm ein Zuschauerraum, in dem unter normalen Umständen über 400 Personen Platz fänden. Im Moment, gemäss den aktuellen Regelungen, sind es deren 50. Und auch die sind nicht sicher.

Die Curlinghalle Zug, welche auf Initiative der IG Kulturprovisorium während der Sommermonate umfunktioniert wird, ist kaum wiederzuerkennen. Simmen ist Präsident der IG Kulturprovisorium und Leiter der Musicalschule Voice Steps. Sein Herz schlägt sowohl für eine vielfältige Kultur als auch dafür, Kinder und Jugendliche für diese zu begeistern.

«Schon vor Jahren habe ich mich gefragt, ob man diese Halle, die sonst zwischen April und August brachliegt, während der Sommermonate nicht nutzen könnte», erklärt Simmen und zeigt auf den grosszügigen Raum. Die Coronakrise und die Verfügbarkeit von Kulturräumlichkeiten in der Nachcoronazeit haben ihn und seine IG-Kollegen dazu gebracht, Nägel mit Köpfen zu machen.

«Aus der Not heraus entstand die Idee, diesen Saal temporär für die Kultur einzusetzen. Dies mit dem Hintergedanken, dass verschiedene Kulturorganisationen ihn nutzen können, kulturelle Projekte planen und durchführen können, mit wenig Aufwand und ohne dabei ein finanzielles Risiko eingehen zu müssen.» Das Kulturprovisorium, das nun hier steht, ist das erste Umwandlungsprojekt im Kanton.

Sowohl Live-Publikum als auch -Stream möglich

Mit solchen Projekten, welche von Kanton und Bund finanziell unterstützt werden, wird es für Kulturunternehmen möglich, sich den veränderten Verhältnissen anzupassen, die durch Corona entstanden sind. Mit zusätzlicher Unterstützung der Stadt wurde es für die Interessengemeinschaft möglich, den Raum über die Sommermonate zu mieten und mit der benötigten Infrastruktur zu versehen. Zum Equipment gehört auch eine Licht- und Tonausrüstung sowie professionelles Equipment für Livestreamings.

Als Leiter der Musicalschule Voice Steps ist Guido Simmen aber auch selber direkt betroffen von den seit langer Zeit geltenden Einschränkungen im Kulturbereich. Mit der Musicalproduktion «Saturday Night Fever» ist Voice Steps in der kommenden Woche auch im Kulturprovisorium. Es sollte die erste grössere Produktion darin sein.

Stünden im Vordergrund weitere Stühle, wäre in der Halle Platz für 430 Menschen. Heute ist das undenkbar.

«Im Frühjahr war noch alles unsicher. Können wir in nächster Zukunft vor Publikum spielen? Dürfen wir überhaupt proben?», schildert Simmen die Situation. Das Spielen vor kleinem Publikum ist mittlerweile zwar möglich, doch nicht für alle. Die Regelung gilt nur für professionelle, nicht aber für Amateurproduktionen, zu welchen das Voice-Steps-Musical gehört.

Seit dem letzten Entscheid des Bundesrates bezüglich Öffnungen im Kulturbereich ist klar, dass «Saturday Night Fever» ohne Publikum stattfinden muss. Entsprechend werden die Aufführungen nun als Live-Stream durchgeführt. Die Proben beginnen nächste Woche, über die gestreamte Bühne geht die Produktion am 8. und 9. Mai. Zudem will man das pfannenfertige Stück nächstes Jahr wiederverwenden und dann vor Publikum spielen. «So ist der Aufwand verhältnismässig und vertretbar», sagt der Musikpädagoge.

Die Bühne fürs Musical «Saturday Night Fever» steht bereits.

Ein finanzielles Risiko trägt der Verein dennoch, trotz Unterstützung der öffentlichen Hand. «Wohl konnten wir unsere Kosten senken, indem wir kein Ticketing, keinen Werbeaufwand und keine Plakate brauchen und dieses Provisorium zur Verfügung haben», setzt Simmen an. «Doch um das Projekt in dieser Form durchführen zu können, müssen wir finanziell und organisatorisch einen riesigen Aufwand auf uns nehmen.

Allein die Kosten der für alle Beteiligten notwendigen PCR-Tests zu Beginn der Schlussproben und die täglichen Antigentests belasten das Projekt finanziell extrem.» Ausserdem habe man ein Testteam ausbilden lassen müssen, welches täglich alle Beteiligten in der Curlinghalle testet.

«Dass wir das Projekt weiterführen, sind wir den Jugendlichen schuldig.»

Guido Simmen, Leiter der Musicalschule Voice Steps

Dennoch entschieden sich Guido Simmen und sein Team dafür, das Projekt weiterzuführen. Und Simmen scheint darüber trotz allem glücklich zu sein. «Das sind wir den Jugendlichen schuldig. Wir haben vor wenigen Wochen hier mit unseren Kleinsten bereits eine Live-Stream-Produktion gemacht. Die Anspannung auf der Bühne war voll da, auch ohne Publikum. Und schon das Erlebnis der intensiven Schlussproben hat bei allen Beteiligten eine unglaubliche Euphorie und das volle Bühnenfeuer entfacht.»

Nichts hier steht für die Ewigkeit. Im Gegenteil. Ende August geht in der Halle das grosse Curlingspielen wieder los.

Gleiches erlebte der Zuger, ale er gerade eine Woche mit Jugendlichen im Musicallager war. «Diese Begeisterung, mit der die Teilnehmenden dabei waren, hatte ich nie vorher gesehen. Die Jungen sogen diese Zeit geradezu auf. Es tat ihnen sehr gut, zumindest für kurze Zeit eine Insel zu haben, fernab vom ewigen Corona-Thema.» Überhaupt sei Simmen, der nebenbei als Musiklehrer arbeitet, sehr beeindruckt davon, wie «gefügig» die Kinder beim Thema Corona seien, obwohl die Pandemie ihnen vieles verbaue. «Umso mehr bin ich überzeugt, muss man ihnen etwas zurückgeben.»

Neben Voice Steps wird das Kulturprovisorium diesen Sommer unter anderem vom Literatur-Duo Satz und Pfeffer genutzt, ausserdem von den Zuger Kammersolisten und vom Ensemble Chamäleon. Diese Veranstaltungen sollen sogar live über die Bühne gehen. «Auch haben wir einige weitere, kleine Veranstaltungen. Doch haben wir noch sehr viel Kapazität», gibt Simmen zu bedenken.

Warum will niemand den Kultur-Jackpot nützen?

Zurück zum Provisorium in der Curlinghalle: Ein Veranstaltungsort, der quasi kostenlos und risikofrei nutzbar ist und bereits über eine Infrastruktur verfügt, um gegebenenfalls ein Live-Streaming zu machen: Das klingt zunächst nach dem kulturellen Jackpot. Warum also wird das Kulturprovisorium nicht überrannt?

«Ich glaube, dass viele Kulturschaffende nach der stetigen Ernüchterung der letzten Monate gar nicht mehr zu planen trauen. Für die, die den Mut aufbringen, jetzt noch eine Aufführung zu organisieren, ist diese Halle eine sensationelle Möglichkeit», sagt Philippe Koller wie Simmen im Vorstand der IG Kulturprovisorium. Ausserdem ist er mitbeteiligt am Projekt Punktzug.

Die Macher wollen Künstlern ermöglichen, inhaltlich und technisch ansprechende Formate zu generieren. Bereits zwei Sendungen gingen über den Bildschirm. Eine wurde in der Distillerie Etter aufgenommen, eine weitere mitten in einer Zimmerei.

«Für viele ist die Idee von Live-Streams absolutes Neuland und ein Buch mit sieben Siegeln.»

Philippe Koller, Musiker und Mitglieder der IG Kulturprovisorium

Koller, der selber Musiker ist, erklärt sich die Zurückhaltung der Kunstschaffenden im Moment wie folgt: «Für viele ist die Idee von Live-Streams absolutes Neuland und ein Buch mit sieben Siegeln.» Zwar stünden im Kulturprovisorium eine Kamera und eine Tonanlage zur Verfügung. Wolle man jedoch eine attraktivere Produktion, müsse das Ensemble mehr in die Technik investieren, was wiederum einen finanziellen Aufwand bedeutet.

Hinzu komme: «Als Musiker habe ich selber erlebt, wie herausfordernd es ist, Musik zu machen, ohne ein direktes Feedback zu erhalten. Hört die Band auf, kommt nichts. Kein Applaus, keine Rückmeldung. Das ist wie bei einer Zoomkonferenz, bei der die Mikrofone aller anderen zu sind.» Gerade für Ensembles, die auf diese Publikumsenergie angewiesen seien, sei das sehr schwierig.

«Weiter kommt dazu, dass die meisten Ensembles lange nicht proben konnten und sich schlicht nicht genügend vorbereitet fühlen für einen solchen Auftritt», schliesst Koller.

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1 Kommentare
  1. Peter, 04.05.2021, 21:32 Uhr

    Es stellt sich mir da schon die Fragen, wieso so ein Projekt finanziell unterstützt wird? Meines Wissens wurde kein einziges Zuger Kulturhaus von den Projektinitianten betreffend Auslastung angefragt und sie sagen jetzt auch, es hat noch viel Kapazität. Wäre es nicht sinnvoller gewesen zuerst, die vorhandenen Kulturräume zu bespielen/beleben?

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