«Ich muss nicht mehr ‹gut› sein»
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Livio Andreina, der Regisseur der diesjährigen Freilichtspiele, im Einsatz. (Bild: jav)

Livio Andreina inszeniert Luzerner Freilichtspiele «Ich muss nicht mehr ‹gut› sein»

5 min Lesezeit 25.04.2015, 16:00 Uhr

Die Proben der Luzerner Freilichtspiele laufen auf Hochtouren. Regie führt Livio Andreina, und das nicht zum ersten Mal. Ein Grund mehr, den Regisseur in den Proben zu besuchen. Dabei gab es so einiges zu erfahren: über Thomas Hürlimann, die Provokation von Schönheit und vom Menschen als Material.

Rund 30 Spieler stehen im Wintergarten des Zeugheersaals im Hotel Schweizerhof. Der Regisseur probt mit den Laiendarstellern einen chorischen Sprechgesang. An der Aussprache wird gearbeitet: Die Akkustik passt, der Text sitzt bei den meisten bereits. Der erste Durchlauf hat schon stattgefunden. Nun wird gefeilt.

Insgesamt sind 33 Spieler und 5 Musiker an der neusten Produktion der Freilichtspiele Luzern beteiligt. Der etablierte Luzerner Regisseur Livio Andreina inszeniert diese zum vierten Mal. «Wir haben die Freilichtspiele künstlerisch aufgebaut, haben sie mitentwickelt. Eigentlich finde ich ja, dreimal sind genug», erzählt der Regisseur nach der Probe, bei Bier und Wasabinüssen in der Schweizerhofbar. Doch der Autor, Thomas Hürlimann, wollte explizit Andreina als Regisseur für die Uraufführung seines neuen Stückes.

Und an diesem arbeiten die beiden gemeinsam. Mittlerweile wird mit der sechsten beziehungsweise allerletzten Stückfassung geprobt. «Nach der letzten Fassung kam die wirklich letzte und nun die allerletzte», lacht Andreina.

Der Druck ist weg

Es sei kostbar, mit einem so grossartigen Autor gemeinsam ein Stück zu schreiben, schwärmt der Regisseur. Die beiden haben bereits früher zusammengearbeitet und sind mittlerweile auch privat gut befreundet. «Wir sind uns sehr ähnlich, auch wenn man das erstmal nicht wahrnimmt», erklärt Andreina. Hürlimann als Autor legt die Grundlage und bündelt sehr exakt, Andreina als Regisseur nimmt wahr und schlüsselt auf. Und trotzdem seien sich beide in ihrer Art und Arbeit sehr nahe und ergänzten sich perfekt.

«Durch die Globalisierung hat der internationale und interkulturelle Austausch viel an Brisanz verloren.»

Besteht ein gewisser Druck, da es sich bei dem neusten Stück um eine Urraufführung handelt? «Für mich selbst spüre ich diesen Druck nicht mehr, nein. Ich muss nicht mehr ‹gut› sein. Doch ich habe eine Verantwortung dem Text, den Spielern, den Helfern gegenüber.» Früher sei es ihm doch noch eher darum gegangen, einen Hammer hinzulegen, sich selbst als Regisseur zu behaupten. Das müsse er heute nicht mehr.

Bei über 130 Theaterprojekten hatte Andreina bereits seine Finger im Spiel. Mit 18 Jahren gründete er in Luzern seine erste Truppe. Zwei Jahre später die zweite: Onddrom. Anschliessend hat er in Holland und Russland studiert.

Mit seiner Frau, die er in Holland kennengelernt hatte, führten ihn danach zehn «Wander- und Lehrjahre» durch Europa. Damals seien diese extrem spannend gewesen. Heute wäre es wohl nicht mehr derart inspirierend, bedauert Andreina: «Durch die Globalisierung hat der internationale und interkulturelle Austausch viel an Brisanz verloren.»

Der Mensch ist Material

Eigentlich sei es seltsam, dass er nach all seinen Reisen wieder in der Heimat gelandet sei. «Das liegt wohl an der Sehnsucht, dort zu sein, wo es möglich ist, im Material zu wohnen», so der Regisseur. Denn vor allem Urraufführungen von ortsverbundenen Stoffen sind Andreinas Spezialität. «Theater ist der gestaltete Stoff, in dem wir leben.»

Der Mensch sei dabei das Material – im tiefsten Sinne. Theater sei «die Wissenschaft der Beschaffenheit des Menschen», so Andreina. Er habe das so für sich formuliert. Die Proben seien demnach die Untersuchungen und Erforschungen. Das Herausfinden, wie der Mensch funktioniert, und danach die künstlerische Umsetzung der Erkenntnisse sei seine Arbeit. «Deswegen mache ich noch immer Theater», so der Regisseur.

«Ich glaube, ich habe in meinem Leben nie die Haare geschnitten.»

Bevor er beim Theater landete, war Andreina Musiker. Geiger, um genau zu sein. Eine andere Arbeit hat und wollte der Regisseur nie ausüben. «Einen Beruf ausserhalb der Kunst habe ich nie in Betracht gezogen.» Eine Tatsache, die man Andreina anmerkt und auch ansieht. Man erkennt den Regisseur immer gleich, auch von hinten – an seiner Frisur, dem grauen gelockten Pferdeschwanz. «Ich glaube, ich habe in meinem Leben nie die Haare geschnitten», amüsiert sich Andreina.

Keine Langeweile

Der 61-Jährige arbeitet neben dem Freilichtspiel noch an so einigen Projekten. Die Proben zum neuen Stück I’VE SEEN THE FUTURE; BABY der jungen Theatergruppe TheaterRostfrei, die er mit aufgebaut hat, laufen. Eine Produktion zum Thema Katastrophensehnsucht, welches die jungen Spieler gemeinsam mit dem «Alt-68er» Andreina und Christoph Fellmann, mit seinem 80er-Einfluss der «Züri brännt-Generation», erarbeitet – eine vielseitige Auseinandersetzung sei daher garantiert, freut sich der Regisseur.

Ein weiteres Projekt entsteht gemeinsam mit Dimitri und seiner Tochter Masha und soll im nächsten Jahr auf Monte Verità als Freilichttheater aufgeführt werden. Und in der Werkstatt für Theater, welche im letzten Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feierte und vom Künstlerpaar Andreina gegründet wurde, ensteht «Winterjournal» von Paul Auster, das im Oktober im Kleintheater Luzern Premiere feiert. Langweilig wird es Andreina auf jeden Fall nicht.

In der Werkstatt für Theater, aber auch bei anderen Produktionen hat sich um Andreina herum in den letzten Jahrzehnten ein künstlerisches Team gebildet, mit welchem er immer wieder arbeitet. Dazu gehören der Choreograf Lukas Schmoker, der Lichtdesigner Martin Brun, der Musiker Albin Brun, viele Schweizer Autoren und allen voran seine Frau und Ausstatterin Anna Maria Glaudemans-Andreina. Als Paar und Arbeitskollegen sind die beiden ein eingespieltes Team. «Es braucht aber auch die Abgrenzung zur Arbeit», so Andreina. Zeit, in welcher man die Arbeit Arbeit sein lasse. Trotzdem könne man nicht kontrollieren, wann die Inspiration zuschlägt. Andreina ist in seiner künstlerischen Arbeit ein Ästhet – genau wie seine Frau, was man bei den Arbeiten der beiden sehr schnell bemerkt. «Schönheit könnte die letzte Form von Provokation sein», zitiert Andreina dazu seinen ehemaligen Lehrer Anatolij Vassiliev.

Über 30 Laienspieler sind an der Produktion «Das Luftschiff» der Freilichtspiele beteiligt.

Über 30 Laienspieler sind an der Produktion «Das Luftschiff» der Freilichtspiele beteiligt.

(Bild: jav)

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