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Fragwürdige Tipps von der Beratungsstelle
  • Gesellschaft
Auch bei erheblicher Lawinengefahr liegen viele Skitouren drin – Erfahrung, Vorsichtsmassnahmen und eine gute Spuranlage vorausgesetzt. (Bild: Fabian Duss)

Zentralschweizer Skitouren Fragwürdige Tipps von der Beratungsstelle

6 min Lesezeit 3 Kommentare 18.02.2015, 18:55 Uhr

Es ist paradox: Ausgerechnet die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu), die wertvolle Präventionsarbeit verrichtet, präsentiert neuerdings Skitouren mit geringem Lawinenrisiko – und stösst dabei auf Kritik aus Bergsportkreisen. Vier von fünf empfohlenen Skitouren in der Zentralschweiz erfüllen die bfu-Kriterien kaum oder gar nicht.

Diesen Winter kamen bei Lawinenunfällen in den Schweizer Bergen bereits 21 Personen ums Leben, 12 davon Tourengänger. Wenn frischer Pulverschnee in den Hängen liegt, packen Tausende ihre Schneeschuhe und Tourenski aus dem Keller und begeben sich in die Berge. Während die einen auf markierten Schneeschuhrouten durch die Winterlandschaft laufen, suchen andere die schönsten Abfahrtslinien in steilen Bergflanken.

Angebot für Einsteiger

So verschieden die Aktivitäten, so unterschiedlich sind auch die Erfahrungen, Vorbereitungen und Kenntnisse, die Tourengänger neben der Notfallausrüstung mit ins Gelände bringen. Dass weiss auch die bfu, weshalb sie mitzuhelfen versucht, Lawinenunfälle zu verhindern. Seit kurzem präsentiert sie auf Onlineportalen (siehe Links zum Thema) etwa 20 sogenannte Plaisir-Skitouren. «Es handelt sich dabei um eine Auswahl von Skitouren, die weniger lawinengefährdet sind als andere», erklärt Monique Walter, die in der bfu für den Bergsport verantwortlich ist. Das Angebot richtet sich explizit an Einsteiger mit wenig Erfahrung. «Anders als für Schneeschuhläufer, Pistenskifahrer oder Freerider gibt es für Skitourengänger keine signalisierten, vor Lawinengefahr gesicherten Routen», so Walter.

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In der Zentralschweiz empfiehlt die bfu fünf Plaisir-Skitouren, die von David Coulin ausgesucht wurden. Der Weggiser ist ein erfahrener Berggänger und Autor zahlreicher Outdoorführer. «Die Lawinengefahr ist auf den Plaisir-Touren normalerweise gering (bis Lawinengefahrenstufe 3), ist aber nie ganz auszuschliessen», wirbt die bfu in ihrem vierteljährlichen Magazin «sicher leben». In den Kriterien steht, die ausgewählten Touren seien bei Lawinengefahrenstufe 1-3 mit geringem Lawinenrisiko begehbar.

Der Faktor Mensch: Ohne Erfahrung ein Risiko

Also alles gut und sicher? Mitnichten, denn von den fünf Zentralschweizer Touren lässt sich einzig jene von Sattel auf den Chaiserstock mit gutem Gewissen mit den bfu-Kriterien vereinbaren. «Man sollte Anfänger bei erheblicher Lawinengefahr nicht auf solche Touren schicken», lautet Josef Gantners erstes Urteil, nachdem er sich die vier verbleibenden Touren auf den Chaiserstuel (Bannalp), den Hagelstock (Lidernen), den Rotsandnollen (Melchsee-Frutt) und den Glattegrat (Brisen-Gebiet) angeschaut hat und sich das Wort «dilettantisch» nicht verkneifen konnte.

«Erheblich»-Touren erfordern Erfahrung

Auch bei sogenannt erheblicher Lawinengefahr (Gefahrenstufe 3) gehen viele Bergsportler auf Skitouren. Ueli Mosimann, Fachverantwortlicher Sicherheit beim SAC, weist indes darauf hin, dass es dazu Erfahrung und Zurückhaltung benötige. Er rät Unerfahrenen generell, bei erheblicher Lawinengefahr Hänge zu meiden, die Steilheiten von 30° und mehr aufweisen, denn bei geringerer Neigung gehen Lawinen höchst selten ab.
Bei der Risikoeinschätzung zählt die steilste Stelle im Hang und nicht nur jene, in der man sich gerade befindet. Aus den Skitourenkarten von swisstopo wie auch deren Online-Landeskarte lassen sich Hangneigungen von über 30° herauslesen.

Gantner ist Tourenchef beim SAC Pilatus und kennt die Zentralschweizer Bergwelt wie seine Hosentasche. Er kritisiert, dass sich die Plaisir-Touren der bfu explizit an Einsteiger richten, derweil das Schweizer Lawinenforschungsinstitut SLF in seinem Bulletin bei erheblicher Lawinengefahr stets darauf hinweist, dass Touren Erfahrung in der Beurteilung der Lawinensituation und eine vorsichtige Routenwahl erfordern. Also exakt jene Fähigkeiten, die bei Anfängern noch kaum, wenn überhaupt vorhanden sind.

Art und Weise behagt nicht

Markus Burch, Bergführer aus Sarnen, findet durchaus Gefallen an der Idee der bfu, derartige Tourenvorschläge zu machen. Aus seinen Lawinenkursen wisse er, dass es ein Bedürfnis nach einem Auswahlführer mit relativ lawinensicheren Touren gäbe. Die Art und Weise, wie die Idee von der bfu umgesetzt wurde, behagt ihm jedoch nicht. «Bei diesen Touren würde ich mich nie getrauen, derart pauschale Aussagen zu machen wie die bfu», sagt Burch. Als Beispiel erwähnt er den Chaiserstuel, dessen leichteste Route in zwei bis drei Stunden von der Bannalp aus in die Höhe führt. «Traversiert man bei einer erheblichen Triebschneesituation auf der Sommerroute den Bietstöck entlang, kann man doch nicht von einem geringen Risiko sprechen!», sagt er.

Der betreffende Aufstiegskorridor ist zwar bloss um die 30° steil, weist aber darüber Steilheiten von über 40° aus. Bei erheblicher Lawinengefahr ein No-go. Schlimmstenfalls käme der ganze Hang ins Rutschen – und der ist über der Aufstiegsroute 200 Meter hoch. Dass dem Tourenbeschrieb im Internet ein ungeeigneter GPS-Track beigefügt ist, macht die Sache noch unangenehmer: Der Track lotst den ahnungslosen Skitourengänger genau durch das heikle Gelände, derweil die deutlich sicherere Route, welche der SAC-Skitourenführer und die entsprechende Skitourenkarte empfehlen, auf dem Talboden verläuft.

…«dann Proscht Nägeli»

Natürlich sei jeder Berggänger auf eigene Verantwortung im Gelände unterwegs, sagt Bergführer Burch. Eigenverantwortung bedinge aber auch, die richtige Route zu wählen, die Verhältnisse richtig beurteilen zu können, die Gefahren richtig einzuschätzen und zu erkennen, wenn eine bestehende Spur falsch angelegt sei. «Kann man das nicht, ist ein Risiko vorhanden», so Burch.

Das gilt auch für jene Plaisir-Tour der bfu im Lidernengebiet, oberhalb von Riemenstalden. Der GPS-Track der Skitour auf den Hagelstock folgt mehr oder weniger dem Sommerwanderweg – und führt damit in steiles Gelände, wo es auch eine flachere, ungefährlichere Alternative gäbe. «Wenn man bei erheblicher Lawinengefahr beim Spilauersee zu direkt hochzieht», sagt der Bergführer, «dann Proscht Nägeli.»

Erfahrenere Tourengänger nicht sicherer unterwegs

Eine weitere bfu-Plaisir-Tour führt auf den Glattegrat, oberhalb vom Brisenhaus. Das Skitourengebiet bei Niederrickenbach ist aufgrund seiner mässig steilen Hänge bei angespannter Lawinensituation beliebt. Auch bei SAC-Pilatus-Tourenchef Josef Gantner: «Kommt man zu stark von der Route ab, kann es schnell heikel werden», weiss er. Dasselbe sagt Sepp Hurschler, Hüttenwart des Brisenhauses. «Der Glattegrat ist bei erheblicher Lawinengefahr durchaus machbar, aber man sollte die Hänge beurteilen und die Route richtig ins Gelände legen können», sagt er. «Ich könnte in Bezug auf Einsteiger die Aussage des bfu nicht unterschreiben, dass die Tour auch bei erheblicher Lawinengefahr mit geringem Risiko begangen werden kann.»

zentral+ hat Monique Walter, Bergsport-Verantwortliche des bfu, mit der Kritik konfrontiert. Manche der empfohlenen Plaisir-Touren seien tief gelegen oder sehr oft begangen, was das Lawinenrisiko enorm reduziere, sagt sie zurecht. «Bei erheblicher Lawinengefahr braucht es bereits bei der Auswahl einer geeigneten Tour Erfahrung, denn die Beurteilung ist komplex. Deshalb haben erfahrene Leute für uns die Touren anhand von spezifischen Kriterien ausgesucht», so Walter. Das reduziere entsprechend den Erfahrungsbedarf bei jenen Leuten, welche die Plaisir-Touren begehen.

bfu ist sich Kritik gewohnt

Walter sagt, sie sei es gewohnt, dass man die Empfehlungen der bfu dafür kritisiere, eine falsche Sicherheit vorzugaukeln. «Wir können den Leuten nur empfehlen, wie sie das Risiko reduzieren können», betont sie. Ihr sei es lieber, unerfahrene Einsteiger würden auf eine Plaisir-Skitour gehen, anstatt sich unwissend in 40°-Hänge zu stürzen, wo das Lawinenrisiko deutlich höher sei. Sie weist auf Studien hin, wonach Tourengänger mit Erfahrung und Ausbildung in Lawinentheorie keineswegs sicherer unterwegs seien, denn im Gegensatz zu Unerfahrenen wagten sie sich auch in heikleres Gelände vor.

Für Martin Maier, Autor des Zentralschweizer SAC-Skitourenführers, bleiben die Erklärungen, wie auch der Disclaimer bei den Tourenbeschrieben ungenügend. «Touren zu propagieren unter dem Motto, hier sollte euch nichts passieren, finde ich höchst heikel», so Maier. In seinen Büchern könnte er sich eine bfu-ähnliche Pauschalaussage nicht vorstellen. Auch der Berner Alpinjournalist und Autor von etwa zwei Dutzend SAC-Führern und Bergbüchern, Daniel Anker, blickt mit einem zwiespältigen Gefühl auf die bfu-Skitouren. «Ich würde einiges etwas defensiver formulieren – und bei den Beschreibungen mehr Sorgfalt walten lassen», so sein Rat.

Online-Tipps zur Vermeidung von Lawinenunfällen

Neben den plaisir-Touren hat die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) vor wenigen Tagen einen Ratgeber für Skitouren aufgeschaltet, in dem sie auch auf Lawinenausbildung hinweist. Neben den gängigen Methoden und Grundlagen zum Umgang mit der Lawinengefahr empfiehlt sich ein Blick auf das Onlineportal White Risk, das in Zusammenarbeit von Suva und der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL erstellt wurde.

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3 Kommentare
  1. Fabian Duss, 27.02.2015, 08:30 Uhr

    Wenig verwunderlich ist die naive, unprofessionelle Art und Weise, wie die bfu-Plaisirtouren von anderen Websites und Medien angepriesen werden. Das amüsanteste und zugleich zweifelhafteste Beispiel dafür bietet zurzeit die Online-Plattform bluewin.ch hier (http://www.bluewin.ch/de/leben/lifestyle/redaktion/2015/15-02/sichere-skitouren-fuer-ende-februar/sichere-skitouren-fuer-ende-februar.html)
    In der Abteilung “Lifestyle” zeigt bluewin.ch eine Galerie mit Skitouren, “in denen die Lawinengefahr derzeit als gering eingestuft wird.” Ein Blick auf das Lawinenbulletin zeigt leider genau das Gegenteil.
    Bild Nr. 4 bildet eine Familie mit Kinderwagen ab. Darunter die Legende: “Die Tour zum Glattegrat bei Emmetten (NW, im Bild) eignet sich hier auch gut für einen Winterspaziergang.” Viel Vergnügen wünsche ich jenen, die eine Kinderwagen-Begehung des Glattegrat wagen!
    Wenn mit der bfu-Kampagne derart Schindluder betrieben wird, ist schwierig zu sehen, wie sie zur Prävention von Lawinenunfällen beitragen soll.

  2. Christoph Steinemann, 19.02.2015, 10:18 Uhr

    Guter Artikel von Fabian Duss. Danke!

    Dass Frau Walter im Namen der bfu Besserung verspricht, ist gut und recht, aber ich denke ein paar grundsätzlichere Gedanken sind angebracht.

    «Anders als für Schneeschuhläufer, Pistenskifahrer oder Freerider gibt es für Skitourengänger keine signalisierten, vor Lawinengefahr gesicherten Routen». Mein Kommentar: Gäbe es die, würde es sich schlicht nicht mehr um Skitouren bzw. um Bergsteigen handeln.

    Falsch ist es auch die ‘Plaisir’-Idee – die schon beim Klettern oft problematisch ist – aufs Bergsteigen übertragen zu wollen. Bergsteigen ist kein Plaisir. Punkt. Wer nicht bereit ist, sich mit der Materie intensiv auseinanderzusetzen, soll eben nicht bergsteigen (aus Sicht der Sicherheit). Grundsätzlich gehören Anfänger in meinen Augen gar nicht unbegleitet in die Berge. Sicher gilt aber die Regel, die unter anderm auch das SLF (mehr oder weniger explizit) aufstellt. Bei Gefahrenstufe erheblich haben Anfänger abseits gesicherter Pisten nichts verloren. Die Beispieltouren der bfu beweisen eben genau das. Diese Touren sind machbar bei erheblich, wenn man Erfahrung hat und die Situation richtig einschätzen kann. Für Anfänger sind sie Fallen.

    «Manche der empfohlenen Plaisir-Touren seien tief gelegen oder sehr oft begangen, was das Lawinenrisiko enorm reduziere, sagt sie zurecht.» Leider stimmt auch das nicht. Das Lawinenrisiko ist reduziert in Steilhängen, die regelmäßig begangen werden. Grad für die Chaisterstueltour, wo der problematische Hang über der Aufstiegsspur liegt und nie befahren wird, gilt das nicht. Und die Aussage über die Unfallzahlen erfahrener Tourengänger zeigen nur auf, dass Frau Walter das Risikomanagement völlig falsch versteht. Relevant an den Zahlen ist, dass erfahrene Tourengänger, obwohl sie dank guten Risikomanagements viel höhere Risiken eingehen können, nicht mehr Unfälle haben, als Anfänger, die auf Touren bleiben, die an sich viel ungefährlicher sind.

  3. Monique Walter, 19.02.2015, 09:21 Uhr

    Die bfu nimmt die Kritik an einzelnen Plaisir-Touren ernst und wird die Routenverläufe so bald als möglich anpassen oder die Touren ersetzen.