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Fairtrade auch beim Handel mit Rohstoffen?
  • Wirtschaft
Sie wollen hinschauen: NGOs bei der Glencore-GV letztes Jahr. (Bild: anm )

Visionen fürs Zuger Rohstoffgeschäft Fairtrade auch beim Handel mit Rohstoffen?

4 min Lesezeit 17.05.2015, 17:09 Uhr

Eine Reihe von NGOs sammelt derzeit Unterschriften für eine «Konzernverantwortungsinitiative». Damit wollen sie Konzerne für das Verhalten ihrer Tochterfirmen haftbar machen. Wie kommt diese Forderung bei der Zuger Rohstoffvereinigung an? Und was bräuchte es, damit die Branche menschlicher würde?

Es gäbe ja das Fairphone, beginnen wir unsere erste Frage an Martin Fasser, den Chef der Zuger Rohstoff-Vereinigung. Ein Telefon mit Rohstoffen aus Fairtrade-Abbau. Und der sagt prompt: «Klar, ich habe so eins», und legt es auf den Tisch. Fasser ist das freundliche Gesicht und die sanfte Stimme der Zuger Rohstoffbranche, das Bild für einen neuen Umgang mit der Öffentlichkeit, ist offen und zugänglich, nicht so verschwiegen wie die alte Garde. «Es funktioniert nicht immer», sagt er und meint das Telefon, das zu einem Teil aus Fairtrade-Rohstoffen gebaut wird. «Aber ich bewundere das: Wenn Menschen wirklich etwas Konkretes tun, um die Lage von Arbeitern in Minen zu verbessern.»

Etwas Konkretes tun, das könnten ja auch die Mitglieder seines Branchenverbands, zumindest, wenn es nach einer Reihe von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) geht. Kürzlich haben 66 Schweizer NGOs eine Volksinitiative ins Leben gerufen. Diese «Konzernverantwortungsinitiative» verlangt, dass die Rohstoff-Konzerne für die Handlungen ihrer Tochterfirmen im Ausland haftbar gemacht werden können. Wie kommt das bei der Zuger Rohstoffvereinigung an?

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«Nicht das Ziel, möglichst viel kaputt zu machen»

Überraschenderweise nicht so schlecht: «Das ist die Aufgabe der Politik», sagt Fasser, «die muss solche Regeln diskutieren. Aus Branchensicht erachten wir es nicht als notwendig. Ich glaube die Branche hat andere Probleme, die für sie wichtiger sind. Die tiefen Margen etwa.» Ob man es tatsächlich so locker nähme, wenn die Rohstoffkonzerne für die Missstände ihrer Tochterfirmen geradestehen müssten, ist aber noch offen. «Im Grunde ist das Anliegen der Initiative eines, das wir teilen: Es ist nicht das Ziel eines Händlers, möglichst viel kaputt zu machen, um möglichst viel Gewinn zu erzielen. Einer der wichtigsten Faktoren der täglichen Arbeit eines Händlers ist, die Risiken unter Kontrolle zu haben.

Das Nichteinhalten von Sorgfaltspflichten ist ein Beispiel dafür. Das Risiko, dass eine nicht gemachte Sicherheitsüberprüfung dazu führt, dass ein Konzern einen Image-Schaden davonträgt, sei gross. «Deshalb sind wir nicht grundsätzlich gegen diese Initiative. Es ist nicht so, dass sich die Branche gegen Sorgfaltspflichten sträubt.»

«Das Aluminium in Ihrem Fensterrahmen zum Beispiel. Da überlegt sich niemand, woher das kommt.»

Martin Fasser, Zug Commodity Association

Widerstand sei vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt notwendig, schiebt Fasser aber gleich nach. Und formuliert schon mal die Hintertür dafür: «Offenbar ist sie aus rechtlicher Sicht nicht sehr sinnvoll formuliert. Die Initiative würde wohl dazu führen, dass Firmen in anderen Ländern dem Schweizer Recht unterliegen. Und dass man, wie in Amerika, Sammelklagen gegen Schweizer Firmen zusammenstellen könnte.»

Zug Commodity Association

Wer genau Mitglied der Zuger Rohstoff-Vereinigung ist, bleibt unklar. Die Liste wird nach wie vor nicht veröffentlicht. Die ZCA hat sich zum Ziel gesetzt, Vertrauen in die Industrie zu generieren, die Kommunikation innerhalb der Branche und gegen aussen zu verbessern, und ihren Mitgliedern vereinfachten Zugang zu den Behörden zu verschaffen. Der Impuls zu ihrer Gründung ist auch vom Kanton her gekommen, der sich einen Ansprechpartner gewünscht hatte.

Martin Fasser ist Präsident der ZCA. Er sitzt gleichzeitig in der Geschäftsleitung der Rohstoffhandelsfirma AOT (zentral+ berichtete: «Kikis» Erdöl auch in Zug).

Martin Fasser, Präsident der Zug Commodities Association.
Martin Fasser, Präsident der Zug Commodities Association. (Bild: zvg)

Wer ist schuld?

Die Frage nach der Verantwortung im Rohstoffhandel, die ist aber auch für Fasser interessant. Wer ist denn schuld, wenn in einer Mine wegen schlechter Wartung ein Unglück geschieht? Oder wenn aufgrund von Umweltverschmutzungen Menschen krank werden, die in der Nähe von Minen leben? «Ist es die Abbaufirma? Oder der Händler?», sagt Fasser. Da müsse man unterscheiden: «Der Händler hier in Zug ist weiter weg vom Geschehen, als der Bergbaubetrieb.»

Dass der momentane Trend bei Rohstoffhändlern allerdings in Richtung vertikale Integration geht, muss auch Fasser zugeben: «Es stimmt, immer mehr Handelsfirmen beteiligen sich auch am Abbau oder am Transport, um den sinkenden Margen zu begegnen. Und übernehmen damit auch ein grösseres Stück der Verantwortung.»

Fasser bietet aber auch noch eine andere Lösung für das Schuldproblem an: «Die Abbaufirma trägt sicher einen grossen Teil der Verantwortung», sagt er, «und der Händler, der diese Rohstoffe kauft, möglicherweise auch. Aber was man gerne vergisst, ist der Konsument: Der trägt genauso Verantwortung. Und ihm ist es momentan völlig egal, welche Rohstoffe er kauft.» Es gäbe kein Bewusstsein unter der Kundschaft, woher die Rohstoffe stammen: «Das Aluminium in Ihrem Fensterrahmen zum Beispiel. Da überlegt sich niemand, woher das kommt.»

Fairtrade würde «auf lange Frist funktionieren»

Klingt nach einfacher Ausrede, aber wie wäre es denn, wenn die Politik sich zum Beispiel entschliessen würde, für öffentliche Bauten nur noch Rohstoffe aus Fair-Trade-Abbau zu kaufen? Dann gäbe es wohl einen Markt für solche Produkte. «Ich nehme an, das würde auf lange Frist funktionieren. Es gibt ja solche Modelle, etwa im Strommarkt, wo der Kunde erneuerbare Energien kaufen kann. Und die werden auch gekauft.» Es gäbe auch erste Initiativen im Ressourcen-Abbau, beim Artisanal Mining-Projekt der Weltbank etwa, sagt Fasser. «Aber die Branche wird auf solche Veränderungen erst reagieren, wenn es aus der Geschäftslogik Sinn macht.» Oder, wenn die Rahmenbedingungen so seien, dass die Händler sich daran orientieren müssen.

Könnte das eine Vision sein fürs Zuger Rohstoffgeschäft? Die Einführung von Fairtrade-Standards – und des zugehörigen Marktes? «Das könnte eine Vision für die Zukunft sein», sagt Fasser. «Es gibt schon einige Händler, die sie teilen.» Sagt er und schaut auf die Uhr in seinem Fairphone. Ist das Ding nicht ein etwas gar aufdringliches Feigenblatt für den Chef der Zuger Rohstoff-Vereinigung, fragen wir. «Nein, ich bin wirklich begeistert von solchen Ideen.»

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