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«Es kann nicht sein, dass Johnson & Johnson über Leben und Tod entscheidet»
  • Gesellschaft
An die 40 Mitglieder von Ärzte ohne Grenzen versammelten sich am Donnerstag vor dem Eingang der Firma Johnson & Johnson. (Bild: wia)

Ärzte ohne Grenzen kritisieren den Preis von TB-Medikament «Es kann nicht sein, dass Johnson & Johnson über Leben und Tod entscheidet»

4 min Lesezeit 17.10.2019, 16:34 Uhr

Es gibt ein Medikament, das Hunderttausenden das Leben retten könnte. Bloss: Nur ein paar tausend Menschen können es sich leisten. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen kritisiert den Konzern Johnson & Johnson deshalb stark. Nicht zuletzt, weil öffentliche Gelder in besagtes Tuberkulose-Medikament geflossen sind.

«Hey hey, J and J, make this drug a dollar a day», rufen die rund vierzig Menschen vor dem Johnson-&-Johnson-Hauptsitz in Zug. Die Forderung, die die Mitglieder von «Ärzte ohne Grenzen» (MSF) während einer Stunde lauthals verkünden, hat berechtigte Gründe.

Der Pharmakonzern vertreibt das Medikament Bedaquilin. Es handelt sich um den Hauptbestandteil einer neu verabreichten Therapie gegen die Infektionskrankheit Tuberkulose (TB). «Der zunehmende Einsatz von Bedaquilin zeigt bereits Erfolge – sogar bei Patienten mit schlechteren Heilungschancen, etwa solche mit extrem resistenter Tuberkulose», schreiben Ärzte ohne Grenzen in einem Communiqué.

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Unter anderem mit öffentlichen Geldern finanziert

Soweit, so gut. Nur: Über 400’000 Menschen, also 80 Prozent der Menschen, die laut WHO jährlich eine resistente Tuberkulose entwickeln, bräuchten gemäss Ärzte ohne Grenzen eine Behandlung mit Bedaquilin. Gemäss nationaler TB-Programme seien jedoch bislang weniger als 12’000 Menschen mit dem Medikament behandelt worden. Grund: Die Behandlung dauert bis zu 20 Monate.

Der aktuelle Preis von 2 US-Dollar pro Tag sei dafür viel zu hoch, beteuert Ärzte ohne Grenzen. Deshalb fordert die Organisation eine Senkung auf maximal 1 US-Dollar pro Tag. Der aktuelle Preis sei problematisch, findet MSF-Sprecherin Lara Dovifat. Sie erklärt: «Bedaquilin wurde nicht allein von Johnson & Johnson entwickelt, sondern auch durch Regierungen und öffentliche Einrichtungen – und damit stark durch öffentliche Gelder gefördert. Es kann nicht sein, dass dieser Konzern, der das Monopol über dieses Medikament hat, über Leben und Tod entscheidet.»

Lara Dovifat, Referentin der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen.

Insbesondere, da dieser Preis nicht gerechtfertigt sei, betont Dovifat. «Gemäss Berechnungen, die im Rahmen einer Studie der Universität Liverpool gemacht wurden, würde Johnson & Johnson noch immer Profit machen, wenn sie das Medikament für 25 US-Cent pro Tag verkaufen würde.» Entsprechend sei die Forderung von Ärzte ohne Grenzen «absolut gerechtfertigt».

Es ist keine neue Forderung der Organisation. Vor einem Jahr habe man Johnson & Johnson in einem offenen Brief damit konfrontiert. Eine Antwort sei bis heute ausgeblieben. So auch an diesem Donnerstag. Trotz laut vorgetragener Parolen vonseiten Ärzte ohne Grenzen blieb eine Reaktion des Konzerns aus.

Frühere Medikamente führten zu Gehörlosigkeit

Es gibt zwar schon länger Medikamente gegen Tuberkulose, doch hätten diese horrende Nebenwirkungen. Die Luzernerin Erika Widmer, die an diesem Donnerstag ebenfalls vor Ort ist, ist seit vielen Jahren für Ärzte ohne Grenzen tätig, unter anderem war sie beim Aufbau von TB-Projekten in Swaziland und Kirgistan dabei.

Sie erzählt: «Mit der damaligen Therapie mussten die Leute 20, 30 Tabletten pro Tag schlucken, und das während bis zu einem Jahr. Die schwerwiegenden Nebeneffekte dieser Medikamente sind beispielsweise Gehörverlust und Psychosen.» Viele TB-Patienten seien natürlich abgeschreckt worden und hätten deshalb ihre Therapie abgebrochen. «Dies wiederum war ihr Todesurteil», sagt die pensionierte Pflegefachfrau. «Die Leute sind uns unter den Händen weggestorben.»

Erika Widmer hat mehrere Jahre bei Einsätzen in TB-Gebieten verbracht.

Und genau dieses Bedaquilin, das der Hauptbestandteil der neuen Therapie ist, sorge dafür, diese Nebenwirkungen zu verhindern, erklärt Lara Dovifat.

Auf Anfrage von zentralplus reagiert der Pharmakonzern wie folgt: «Johnson & Johnson ist ein engagierter Partner bei den weltweiten Bemühungen zur Bekämpfung der TB», so Thomas Moser, Sprecher der Firma. Man teile das Ziel von Ärzte ohne Grenzen sicherzustellen, dass Bedaquilin alle jene Patienten erreiche, die es benötigten.

Johnson & Johnson geht von 6-monatiger Behandlung aus

Bedaquilin sei ab sofort für 400 US-Dollar in mehr als 130 Ländern weltweit erhältlich. Man gehe dabei von einer Behandlungsdauer von sechs Monaten aus. Dies entspricht also einem Betrag von etwas über zwei US-Dollar Pro Tag.

«Der nicht gewinnorientierte Preis von Bedaquilin ermöglicht es uns, die Herstellung, den Vertrieb, die Zulassungsaktivitäten, die Forschungs- und Entwicklungsverpflichtungen nach der Zulassung, die Stärkung der Gesundheitssysteme und Überwachungsprogramme zu unterstützen, um die Wirksamkeit unserer Antibiotika zu gewährleisten», so die Firma weiter.

Es war nicht die letzte Kundgebung

«Neben dem erschwinglichen Zugang von Bedaquilin» habe Johnson & Johnson auch eng mit den Regierungen und anderen Partnern zusammengearbeitet, um das TB-Gesundheitssystem zu stärken. Etwa um Gesundheitspersonal auszubilden.

Die Frage, weshalb niemand von Johnson & Johnson das Gespräch gesucht habe am Donnerstag, will Moser nicht beantworten.

Es wird nicht die letzte Gelegenheit gewesen sein. Im Gegenteil: «Dies ist der Auftakt einer weltweiten Aktion», sagt Lara Dovifat. Man mache so lange weiter, bis die Preise des lebenswichtigen Medikaments markant gesunken seien.

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