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Eine Zugerin auf Beutefang
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Ein Netz aus Strickschnüren als Kritik an der Modewelt. Wer sich wohl darin verheddert? (Bild: pbu)

Kunstausstellung «Between the Lines» Eine Zugerin auf Beutefang

4 min Lesezeit 29.10.2015, 10:00 Uhr

Inmitten der Zuger Altstadt wurde ein Netz aus dicken Stoffschnüren gespannt. Die Urheberin: Eine ehemalige Mode-Designerin, die jetzt Kunst macht und zum Rundumschlag gegen die Textilindustrie ausholt. «Between the Lines» nennt sich das Ganze – und lässt eine Menge kritischer Fragen aufkommen.

Es bleibt nicht viel Platz, wenn man den Ausstellungsraum am Kolinplatz betritt. Direkt hinter der Türschwelle läuft man bereits Gefahr, sich in dem Netz aus Schnüren zu verheddern. Bedrohlich hangen hie und da Stricke, die an Galgenszenen aus Western-Filmen erinnern. Gefahr liegt in der Luft. «Das Netz ist eine Bedrohung», sagt die Künstlerin Patricia Jacomella. «Man muss sehr vorsichtig hindurchlaufen, sonst stolpert man oder gerät in eine der Schlingen.»

«Between the Lines», also zwischen den Linien, nennt sich die Ausstellung, die zurzeit am Kolinplatz in Zug gezeigt wird. Die Zweideutigkeit liegt auf der Hand: «Es ist zum einen das Hindurchlaufen zwischen den Linien. Man muss sich durch das Netz kämpfen, um die Ausstellung zu erleben. Zum anderen stellt man sich die Frage, was hinter den Linien versteckt ist», erklärt die Künstlerin.

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«Leute, überdenkt euren Kleiderkonsum.»

Patricia Jacomella, Künstlerin

Zur Person

Patricia Jacomella Bonola ist 1952 in Genf geboren. Sie ist in Lugano aufgewachsen und lebt und arbeitet seit 1986 in Zug. Ihre Erstausbildung als Fashion-Designerin schloss sie 1974 in Mailand ab. Da ihr die Tätigkeit als Modezeichnerin jedoch nicht behagte, sattelte sie sechs Jahre danach auf das «Kunst-Pferd» um. Ebenfalls in Mailand schloss sie ihr Studium in zeitgenössischer Kunst 1984 ab.

Ihre aktuelle Ausstellung «Between the Lines» ist vom 22. Oktober bis zum 12. November 2015 am Kolinplatz 21 in Zug zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Freitag, von 16 bis 19 Uhr, sowie Samstag, von 14 bis 18 Uhr. Eine Besichtigung ist auch auf Anfrage bei der Stelle für Kultur möglich.

Kritik an der Modebranche

Das Spinnennetz ist eine Analogie, natürlich. Jacomella, die Weberin des Netzes, will damit sagen: «Leute, überdenkt euren Kleiderkonsum.» Denn dieser sei eine Bedrohung. Es geht um Ausbeutung, Hungerslöhne und Profit. «Das Motto der heutigen Kleidungsindustrie lautet: Die höchste Stückzahl in kürzester Zeit zum Minimallohn zu produzieren», sagt Jacomella. Das resultiere darin, dass heutzutage viel mehr Kleider konsumiert werden, als dies etwa vor zehn Jahren der Fall gewesen sei. Das Angebot macht die Nachfrage. «Es ist ein Teufelskreis.»

Kleider würden heute en masse gekauft, getragen werden diese aber nur sporadisch. Bereits nach kurzer Zeit sind sie ausser Mode und landen im Abfall oder in der Altkleidersammlung. Von da aus würden sie in Entwicklungsländer verschifft und dort die lokale Textilindustrie zerstören. Daher der bedrohliche Charakter. «Mich interessierte, welche Effekte unser beschleunigter Kleiderkonsum nach sich zieht», sagt Jacomella.

Weltverschmutzung, so ihre ernüchternde Bilanz. Die Aufgabe unserer Kleidungsstücke, uns zu schützen und zu schmücken, werde ad absurdum geführt. «Die Textilien werden ihrer Schutzfunktion beraubt und stellen eine ernste Gefahr dar.» Natürlich spielten Kleider eine wichtige Rolle für unsere Identität. Aber der Massenkonsum fördere unser Kaufverhalten – immer mehr, immer schneller.

Patricia Jacomella Bonola, die Weberin des Textil-Netzes.

Patricia Jacomella Bonola, die Weberin des Textil-Netzes.

(Bild: pbu)

Von der Designerin zur Kritikerin

Durch die Ausstellung kann man aber nicht rennen. Die Besucher werden so zur Entschleunigung gezwungen. Die Zeitdimension sei der Künstlerin ein wichtiger Aspekt: «Es geht um das Vorher und das Nachher. Die gestrickten Schnüre sind aus ehemals getragenen Kleidungsstücken entstanden.» Die Leute sollen sich Gedanken dazu machen, was mit ihren Textilien geschieht, wenn sie diese entsorgen. Ausserdem würden sie mit der Geschwindigkeit der Massenproduktion konfrontiert.

«Die Oberflächlichkeit und die Verschwendung in der Modebranche haben mir überhaupt nicht gefallen.»

Gesellschaftskritik, Kapitalismuskritik und Kritik an der Modebranche: Es sind grosse Themen, die Jacomella anspricht. «Ich möchte die unvernünftigen Leute mit meinem Stoffnetz fangen», sagt sie. Denn nur der Konsument selbst habe es in der Hand, etwas gegen diese Entwicklung zu tun.

Die Kritik am Modebusiness kommt nicht von ungefähr. Denn Jacomella selbst war einst Teil davon. «Ich war Modezeichnerin. Aber die Oberflächlichkeit und die Verschwendung in der Branche haben mir überhaupt nicht gefallen.» Darum der Seitenwechsel, von der Designerin zur Kritikerin. Mittlerweile gebe es acht bis neun Kollektionen im Jahr, moniert sie. «Allwöchentlich hängen neue Stücke in den Geschäften. Und die Leute glauben, dass sie immer etwas Neues brauchen. Das ist doch verrückt.»

«Für viele fühlt es sich an wie eine Belohnung, wenn sie ein neues Kleidungsstück kaufen.»

Gefangen im Netz

Das Problembewusstsein sei nicht da. Im Gegenteil: «Für viele fühlt es sich an wie eine Belohnung, wenn sie ein neues Kleidungsstück kaufen. Das hat teilweise einen regelrechten Suchtcharakter», sagt Jacomella. Trotzdem möchte sie nicht zu sehr polemisieren. Vorderhand gehe es ihr darum, den Leuten die Augen zu öffnen, ihnen zu zeigen, dass wir letztlich alle in diesem Netz gefangen sind und nur wir selbst uns daraus befreien können.

Die Zuger Bevölkerung zeige Interesse an der Thematik. «Die Ausstellung ist gut besucht», freut sich Jacomella. Das sei zu einem grossen Teil der Lokalität geschuldet: «Dadurch, dass sich direkt vor dem Ausstellungsraum ein Sammelpunkt für Reisecars befindet, kommen auch viele Touristen vorbei.» Vornehmlich seien es asiatische Gäste. Menschen aus China, dem Land mit der global führenden Textilindustrie. Fette Beute also für die Künstlerin.

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