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Die Zuger untersuchen das Beil von Ötzi
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Das Zuger Kupferbeil (rechts oben im Bild) und Ötzi – hier in der Gestalt des deutschen Schauspielers Jürgen Vogel, der den Steinzeitmann im Film «Der Mann aus dem Eis» spielt (Kinostart ab November). (Bild: zvg)

Export-Import-Geschäft blühte in der Steinzeit Die Zuger untersuchen das Beil von Ötzi

3 min Lesezeit 03.10.2017, 12:08 Uhr

Es gehörte zwar nicht dem Gletschermumien-Mann persönlich, aber es ist das dasselbe Modell: das 5000-jähriges Kupferbeil, das 2008 in der Zuger Riedmatt gefunden wurde. Eine aktuelle Studie zeigt: «Made in Italy» stand schon damals für gutes Design.

Jetzt wissen wir es – der Zuger Kantonsaurchäologie und der Uni Bern sei Dank. Der Fernhandel und das Export-Import-Business sind keine Erfindung des Kapitalismus. Schon in der Jungsteinzeit schleppten Händler ihre Waren quer durch Europa – und liessen sich von schlammigen Wegen und fehlenden Mobilfunknetzen nicht abschrecken.

Lorzendelta mit Blick in die Zentralschweiz anno 3000 vor Christus.

Lorzendelta mit Blick in die Zentralschweiz anno 3000 vor Christus.

(Bild: Eva Kläui)

Denn: Eine Kupferbeilklinge, welche 2008 in der Pfahlbaufundstelle Riedmatt in Zug gefunden wurde, liefert neue Erkenntnisse. Untersuchungen der Zuger Archäologie und der Universität Bern werfen ein überraschendes Licht auf die Bedeutung und Verarbeitung von Metallen in der Jungsteinzeit.

Lieber importieren als selber herstellen

Form und Rohmaterial der Zuger Klinge sind mit derjenigen des Beiles von «Ötzi» und einigen Beilklingen aus Gräbern in der Lombardei und der Toskana praktisch identisch. Das bedeutet: Die Verwendung von Kupfer nördlich der Alpen war vor 5000 Jahren entgegen bisheriger Meinung stark durch Impulse aus dem Süden geprägt. Denn Metalle gabs auch im Alpenraum und sie wurden auch verhüttet. Aber offensichtlich hatten die Bewohner Zentraleuropas schon damals ein Faible für italienische Produkte.

Falls Sie denken: Was machen die für ein Aufhebens um eine Kupferaxt? Nun, so ein Teil war damals ein absolutes High-Tech-Tool, das nur wichtige Leute besassen. Das gemeine Volk hackte immer noch mit Steinklingen – denn man war ja eigentlich immer noch in der Steinzeit (wenn auch an ihrem Ende).

Probenentnahme am Zuger Ötzibeil.

Probenentnahme am Zuger Ötzibeil.

(Bild: zvg)

«Die Bleiisotopen-Analysen durch Igor Villa am geologischen Institut der Universität Bern haben unsere Vermutungen vollumfänglich bestätigt», sagt Gishan Schaeren, Leiter der Abteilung für Ur- und frühgeschichtliche Archäologie beim Zuger Amt für Denkmalpflege und Archäologie. Die Beilklinge aus Zug-Riedmatt stammt wie diejenige des Beils, welches 1991 zusammen mit der Eismumie vom  Tisenjoch (besser bekannt als «Ötzi») gefunden wurde, aus der südlichen Toskana. Die Verhältnisse der Bleiisotopen-Werte dieser beiden Klingen sind deckungsgleich.

Ötzi setzte auf das selbe Produkt

Dieser gemeinsame «Fingerabdruck» und die frappierende Übereinstimmung der chemischen Elementanalyse weisen darauf hin, dass die beiden Klingen bezüglich Datierung, Herkunft und Werkstatttradition in einen vergleichbaren Zusammenhang der Kupferförderung und -verarbeitung im erzreichen Gebiet um Campiglia Marittima und der Colline metallifere in der Toskana gehören.

Ausgrabungen: Blick in den Spundwandkasten.

Ausgrabungen: Blick in den Spundwandkasten.

(Bild: Salvatore Pungitore)

Die kleine, unscheinbare Kupferbeilklinge wurde 2008 anlässlich der Rettungsgrabung in der Riedmatt entdeckt. Die Fundstelle liegt heute rund 800 Meter vom Seeufer entfernt. Der exzellente Zustand der organischen Siedlungsreste führte dazu, dass der Pfahlbau Riedmatt – zusammen mit 110 weiteren Pfahlbauten um die Alpen – im Jahre 2011 zum Unesco-Welterbe erklärt wurde.

Das kostbare Ding landete im Wasser

Die Beilklinge von Zug-Riedmatt wurde vor mehr als 5000 Jahren wahrscheinlich als Opfergabe im Wasser deponiert. Sie ist eine der ganz wenigen sicher datierten jungsteinzeitlichen Kupferbeilklingen Europas. Sie stellt deshalb ein wichtiges Puzzleteil für die europäische Archäologie dar und verdeutlicht eine Vielzahl von kulturellen Verbindungen nach Süden und die Verteilungsnetze von Kupfer vor 5000 Jahren. Diese wirkten bisher eher zusammenhangslos und wurden unterbewertet.

Einen wissenschaftlichen Artikel dazu finden Sie in der diesjährigen Ausgabe der Zeitschrift «Tugium».

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