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Die Zentralschweiz war ein «Hotspot für Königinnen und Zaren»
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Fachmann der Adligen mit Humor: Michael van Orsouw inspiziert eine Krone. (Bild: zvg)

Zuger Autor Michael van Orsouw über «Blaues Blut» Die Zentralschweiz war ein «Hotspot für Königinnen und Zaren»

6 min Lesezeit 22.08.2019, 15:38 Uhr

Der Zuger Autor Michael van Orsouw hat Krimis, Sachbücher und Theaterstücke geschrieben. Jetzt erscheint sein Herzensstück: ein Buch über Adlige. In «Blaues Blut» forscht der Historiker nach unserer Liebesbeziehung zu den Blaublütern.

zentralplus: Michael van Orsouw, sind Sie ein Blaublütler – Sie haben ja ein «van» im Namen?

Michael van Orsouw: Nein, gar nicht. Das niederländische «van» ist kein Adelsprädikant, auch wenn es jeweils im Kreuzworträtsel so genannt wird. Es ist nur eine Herkunftsbezeichnung.

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zentralplus: Hätten Sie denn gerne blaues Blut?

Van Orsouw: Ich bin mit dem roten Blut ganz zufrieden. Es ist glaub’ auch gesünder  …

«Die urdemokratischen Schweizerinnen und Schweizer waren schon im 18. Jahrhundert richtige Royalfans.»

zentralplus: Was bringt es für Vorteile und Nachteile, adlig zu sein?

Van Orsouw: Auch wenn ich auf 320 Seiten über Adelige in der Schweiz geschrieben habe, bin ich kein umfassender Adelsspezialist. Mich haben die Geschichten interessiert, die aufgrund der Schweizer Besuche von gekrönten Häuptern zurückgeblieben sind: Denn diese sagen mindestens soviel aus über die Schweizerinnen und Schweizer wie über die Royals.

Literarischer Allgemeinpraktiker

Michael van Orsouw (53) ist Historiker, nennt sich «literarischer Allgemeinpraktiker», war Journalist und schreibt Krimis, Sachbücher sowie Theaterstücke. Zudem macht er Ausstellungen und ist als Wortakrobat auf Bühnen. Mit Judith Stadlin bildet er das Literaturduo Satz&Pfeffer und betreibt die Satz&Pfeffer-Lesebühne. Und tritt manchmal mit Charles Lewinsky und Judith Stadlin im Trio auf. Sein Buch «Blaues Blut» erschien dieser Tage im Verlag «Hier + Jetzt». Das Buch umfasst 13 royale Geschichten aus der Schweiz. Leichtfüssig geschrieben, historisch fundiert und doch unterhaltsam. 

zentralplus Was denn zum Beispiel?

Van Orsouw: Mir ist aufgefallen, dass die urdemokratischen Schweizerinnen und Schweizer schon im 18. Jahrhundert richtige Royalfans waren – also zu einer Zeit, als es keinen Medienhype und keine Boulevardpresse gab. Das finde ich erstaunlich. Offenbar ist die Faszination für das Königliche und Kaiserliche tief in der Schweizer Seele verwurzelt. Das wusste ich nicht.

zentralplus: Woher rührt diese Faszination, obwohl wir Schweizer selber keine Kaiser und Könige haben?

Van Orsouw: Die Schweiz mag gute Geschichten. Diese liefern im Ausland die Royals, hier bei uns andere Prominente aus Sport und Kultur. Sich im Leben anderer Personen gespiegelt zu sehen, scheint ein menschliches Urbedürfnis zu sein.

zentralplus: Wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem neusten Buch «Blaues Blut»?

«Sich im Leben anderer Personen gespiegelt zu sehen, scheint ein menschliches Urbedürfnis zu sein.»

Van Orsouw: «Hier + Jetzt», der führende Geschichtsverlag der Schweiz, hat mich angefragt, ob ich mir das vorstellen könne. Zuerst habe ich leer geschluckt. Als ich mich dann aber in eines der Themen vertieft habe, fand ich es sehr faszinierend. 

zentralplus: Was denn genau?

Van Orsouw: Die royalen Geschichten sind attraktiv und erzählen jeweils viel über die Zeitumstände. Auch habe ich viele Geschichten am Rande entdeckt, sodass ich das Royale kontextualisieren, also Zusammenhänge herausdestillieren konnte.

zentralplus: Ein prägendes Beispiel bitte?

Van Orsouw: Der Besuch von Zar Alexander I. in der Schweiz ist nur vor dem Hintergrund des Wiener Kongresses zu verstehen, also habe ich die wichtigsten Aspekte dieser europäischen Neuordnung in die Besuchsgeschichte verwoben. So kommen grosse und kleine Geschichten auf niederschwellige Art zusammen. Im Buch sind 13 Geschichten zwischen 1777 und 1954 – ich mag jede dieser Geschichten. Manchmal auch die Protagonisten. Manchmal aber auch gar nicht. Es tun sich da einige menschliche Abgründe auf, um es vorsichtig zu formulieren.

Residenz am See: Das ehemalige Schlosshotel Hertenstein bei Weggis war sehr beliebt. (Bild: zvg)

zentralplus: Wo lebten in unserer Region – Zug und Luzern – Adlige?

Van Orsouw: Wenn ich im Ortsregister des Buches nachschaue, kommt Luzern 23-mal und Zug 10-mal vor. Die Zentralschweiz war schon früher eine begehrte Reisedestination – dementsprechend waren der französische Bürgerkönig Louis-Philippe, König Gustav IV. Adolf von Schweden, Kaiser Napoleon III., Queen Victoria, König Ludwig II. von Bayern, Königin Wilhelmina der Niederlande, Königin Astrid von Belgien sowie Kaiser Karl I. und Zita in der Region. Also ziemlich viele!

«So verschieden die Royals waren, so unterschiedlich waren ihre Motive und Reiseziele.»

zentralplus: Welches sind beliebte Ausflugsorte für die Schönen und Reichen in unseren beiden Kantonen?

Van Orsouw: Manche der gekrönten Häupter wohnten zeitweilig in der Innerschweiz, etwa Kaiser Karl I. und Zita mit ihrem Hofstaat im Schlosshotel Hertenstein bei Weggis. Andere bereisten die Zentralschweiz als Touristen wie Queen Victoria. Wieder andere versteckten sich wie der spätere Bürgerkönig Louis-Philippe in Zug. Und so weiter: So verschieden die Royals waren, so unterschiedlich waren ihre Motive und Reiseziele.

Zu Gast im Schlosshotel Hertenstein bei Weggis: Zita mit ihrem Hofstaat. (Bild: zvg / Wikicommons)

zentralplus: Reiche kamen gerne in die Schweiz. Weil wir ein neutrales Land waren und heute vor allem ein sicheres Land sind?

Van Orsouw: Im 19. Jahrhundert war die Zentralschweiz das, was heute die Malediven sind: ein Hotspot des gehobenen Tourismus. Dementsprechend kamen die Blaublüter hierher – und ihnen folgten nachher ihre Landsleute.

«Die meisten gekrönten Häupter reisten unter falschem Namen.»

zentralplus: Wie sieht es mit der Anonymität aus – die ist doch je länger je weniger garantiert in Zeiten der Social Media?

Van Orsouw: Das ist ein interessanter Aspekt. Die meisten gekrönten Häupter reisten unter falschem Namen. Es ging aber nicht darum, die Leute in die Irre zu führen, sondern darum, dem höfischen Zeremoniell zu entkommen. Wenn sie inkognito unterwegs waren, mussten sie weder vom Bundesrat noch von Kantonsregierungen offiziell empfangen werden, was für beide Seiten eine Entlastung war. 

zentralplus: Sie wurden nicht erkannt?

Van Orsouw: Doch, denn das interessierte Volk wusste schon, um wen es sich beim noblen Besuch handelte und jubelte den Royals auf dem Bahnhof Luzern oder bei den Schiffanlegestellen lautstark zu. Die Social Media von damals war das Weitersagen von Mund zu Mund. Das funktionierte mindestens so gut wie Facebook oder Instagram heute.

Kam gerne in die Innerschweiz: der französische Bürgerkönig Louis-Philippe. (Bild: zvg)

zentralplus: Aber diese Adligen sorgten manchmal auch für Neid und Unmut, oder?

Van Orsouw: Bei den Besuchen von Royals in der Zentralschweiz, die mir untergekommen sind, bin ich nicht darauf gestossen. Im Gegenteil: Die Zentralschweizerinnen und Zentralschweizer waren genauso Royal-Fans wie beispielsweise die Berner oder Zürcher.

zentralplus: Jetzt wird ja ein sportlicher «König» ausgemacht: am Schwingfest. Gehen Sie da auch hin?

Van Orsouw: Nein, der Anlass ist mir zu gross. Doch finde ich es interessant, dass der Sieger des Schwingfests nicht nur in der Boulevardpresse, sondern überall «Schwingerkönig» genannt wird. Das bestätigt meine These, wonach die Schweizerinnen und Schweizer trotz des Stolzes auf ihre Demokratie im Innersten eine grosse Schwäche für Royales haben.

Buchvernissagen: 27. August 2019, Bibliothek Zug, 19.30 Uhr ; 29. August, Stadtbibliothek Luzern, 19 Uhr. 

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