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«Die Krisen gehören zum Prozess dazu»
  • Kultur
Luzia von Wyl komponiert gern am Schreibtisch. (Bild: wia )

Luzia von Wyl – eine junge Komponistin aus Luzern «Die Krisen gehören zum Prozess dazu»

6 min Lesezeit 16.11.2014, 11:00 Uhr

Luzia von Wyl ist noch keine dreissig Jahre alt, doch bereits beginnt sie sich als Komponistin in der Jazzszene zu etablieren. Komponieren als Beruf, das ist kein einfacher Weg. Trotzdem hat die Luzernerin nie daran gezweifelt, das Richtige zu tun. Ihr Motto: Wenn mehr Leute im Publikum sitzen als auf der Bühne, wird gespielt.

In der Nacht, wenn alles ruhig ist, wenn alle schlafen und niemand anruft, dann schreibt Luzia von Wyl am liebsten. Doch sie schreibt nicht Wörter, auch keine Geschichten. Sie schreibt Musikstücke. Und dafür muss sie nicht einmal zwingend am Klavier sitzen.«Komponieren, das geht auch am Schreibtisch.
Man muss die Musik nicht zwingend laut hören, sondern kann sie sich vorstellen. Diese Vorstellungskraft kann trainiert und verfeinert werden. Sie ist die Erklärung dafür, warum Beethoven auch noch komponieren konnte, als er bereits taub war.»

Groove soll’s haben

Vor allem der Jazz hat es von Wyl angetan. «Musik, die in den Körper geht», erklärt sie. Was das heisst? «Bei einem klassischen Konzert hat man nur selten das Gefühl, mit dem Fuss mitwippen oder tanzen zu wollen. Beim Jazz ist dies anders. Ich mag Musik, die groovt.» Der Entscheid, Komposition im Jazzbereich und nicht an einer Klassikabteilung zu studieren, war für von Wyl deshalb ein leichter.

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Die Musik, die von Wyl macht, ist nicht einfach und scheint es auch nicht sein zu müssen. Gerne überschreitet sie die Grenzen, komponiert komplex, lotet Möglichkeiten aus. Rhythmus ist dabei stets ein wichtiges Element.

2010 holte sie sich ihren Masterabschluss in Bern, seither komponiert von Wyl für verschiedene Musiker und Bands. Seit vier Jahren spielt sie selber im «Luzia von Wyl Ensemble» – zusammen mit neun Männern. Dass der Komponist selber auch mitspielt, sei im Jazz zwar oft der Fall, doch je mehr Musiker auf der Bühne sind, desto häufiger nehme sich der Komponist selber raus. «Ich höre differenzierter, wenn ich nur zuhöre. Trotzdem spiele ich selber einfach gerne mit, denn so entsteht eine völlig andere Energie.» Ob sich die Ensemblemitglieder trauen, auch von Wyl zu kritisieren? «Ich fühle mich geehrt, mit diesen phantastischen Musikern zu arbeiten und schätze daher auch, wenn ich ehrliche Feedbacks und Inputs erhalte. Auch wenn ich am Ende das letzte Wort habe.»

Persönlich zugeschnittene Melodien

Eine junge Luzerner Komponistin

Luzia von Wyl ist 1985 in Luzern geboren. Nach der Matura studierte sie Klavier und Komposition in Bern, Zürich und Luzern und schloss das Studium 2011 mit einem Master in Klavier und Komposition ab. Von Wyl präsentierte 2009 eine Uraufführung während des Musikfestivals Bern, im gleichen Jahr gewann sie den internationalen Kompositionswettbewerb des New Yorker contemporary Ensembles «Orchestra of Our Time». Von Wyl unterrichtet Klavier an der Kantonsschule Musegg in Luzern. 

Wenn von Wyl von den Musikern redet, mit denen sie arbeitet, dann mit Bewunderung und Hochachtung. «Alle Musiker sind äusserst engagiert. Einmal hat einer den falschen Zug erwischt und ist statt in Zug in Sargans gelandet. Er ist dann doch noch an die Probe gekommen – mit dem Taxi», sagt sie schmunzelnd.
Wenn von Wyl die Stücke fürs Ensemble schreibt, dann schreibt sie nicht nur für die jeweiligen Instrumente, sondern auch für die entsprechenden Personen. «Es gibt beispielsweise Melodien, da denke ich, ja, das wär etwas für unseren Fagottisten Lukas Roos. Und andere entsprechen ganz klar Nicola Katz. Beide spielen Klarinette, aber eben ganz anders.» Oder sie schreibt eine äusserst schwierige Passage fürs Marimbaphon. «Ich weiss dann, dass sie für Raphael Christen spielbar ist. Andere Marimbisten hingegen kämen ins Schwitzen.»

Die vielen Männer sind Zufall

Bei zehn Menschen kann es vorkommen, dass jemand ausfällt. Das sei tatsächlich ein Problem. «Unseren Geiger Simon Heggendorn kann man beispielsweise kaum ersetzen», sagt sie, und ergänzt, dass dieser sowohl eine klassische als auch eine Jazz-Ausbildung habe. «Und solche gibt es ganz wenige. Wenn er also ausfällt, sind wir nur zu neunt auf der Bühne.» Dass von Wyl ausschliesslich mit Männern spielt, sei Zufall. «Ich habe Musikerpersönlichkeiten gesucht, die neugierig und offen sind und sich dafür interessieren, mit einer Komponistin zu arbeiten. Ob Mann oder Frau war mir egal.»

Gerade ist das erste Album des Ensembles erschienen. «Frost» heisst es, «und so klingt auch das Titelstück darauf. Es ist statisch, hell, teilweise auch sperrig und ungemütlich. Mit einem wunderbaren Solo von unserem Bassisten André Pousaz.» Die Plattentaufe findet am kommenden Donnerstag im Theater Casino Zug statt.

Das Album als Visitenkarte

Das erste Album. Ein Meilenstein? «Naja, irgendwie schon, denn ein Album ist eine wichtige Visitenkarte. Ohne Platte ist man quasi niemand.» Noch hat von Wyl keine Ahnung, wie viele Gäste ans Konzert kommen. Das wisse man im Jazz sowieso nie so genau. «Mir ist bewusst, dass ich Musik schreibe, die nicht allen entspricht. Das muss sie auch nicht.»

«Es stört mich nicht, dass die Musik, die ich schreibe, wohl kaum im Radio gespielt werden wird.»

Luzia von Wyl, Komponistin und Pianistin

So brauche es Neugierde, damit jemand ihre Musik verstehe. Um dem Publikum den Zugang zu erleichtern, macht sie Ansagen während der Konzerte. «Ich versuche schon, die Leute abzuholen», erklärt sie. Trotzdem ist der Hörer für von Wyl zweitrangig. «Ich würde niemals Kompromisse eingehen, um ein grösseres Publikum zu erreichen. Es stört mich nicht, dass die Musik, die ich schreibe, im Gegensatz zur Popmusik wohl kaum im Radio gespielt werden wird.»

Liest man Texte über Luzia von Wyl, ist häufig auch ihr Aussehen ein Thema. Zweifelslos ist von Wyl eine schöne Frau. «Wenn ich ein Mann wäre, würde wohl kaum jemand über solche Äusserlichkeiten schreiben», sagt sie lächelnd. «Natürlich will ich nicht aufs Aussehen reduziert werden. Trotzdem möchte ich mich nicht verstellen müssen. Ich liebe Mode und wenn ich in High Heels spielen will, so tu ich das.»

Der Vorteil der Männerdomäne

Von Wyl bewegt sich in einer Männerdomäne, denn Jazz-Komponistinnen gibt es nur wenige. «Ich denke schon, dass ich mich stärker behaupten muss als ein Mann», sagt sie. Doch sieht sie darin nicht nur Nachteile. «Vielleicht ist es für einige interessant zu sehen, was eine Frau komponiert. Dennoch: Ich möchte keine Quotenfrau sein. Ich wünschte, das Geschlecht wäre gar kein Thema.»

«Ich denke schon, dass ich mich stärker behaupten muss als ein Mann.»

Luzia von Wyl, Komponistin und Pianistin

Angst, dass ihr plötzlich keine Melodien, keine Rhythmen, keine Klänge mehr einfallen, hat die Luzernerin nicht. «Doch es kommt oft vor während meiner Arbeit, dass ich irgendwann befürchte, dass das, was ich gerade schreibe, schlecht und unbrauchbar sein könnte. Solche Krisen kenne ich schon. Ich glaube aber auch, dass sie zum Prozess dazugehören.»

Der Wunsch: Konzentration auf die Kunst

Von Wyl arbeitet viel. Das Management für ihre Arbeit, also Konzertorganisation, Finanzierung und Werbung, lastet derzeit noch auf ihren eigenen Schultern. Das ist eines der Ziele von Wyls: Die administrativen Arbeiten eines Tages abgeben und sich noch mehr auf die künstlerische Tätigkeit konzentrieren zu können. Über die Runden kommt sie bereits jetzt: «In der Schweiz kann man sich als Musikerin gut durchschlagen». Um sich ihre Lebenskosten zu sichern, unterrichtet sie Klavier an der Kantonsschule Musegg Luzern. Mit den Auftritten des Ensembles verdient sie selber bis anhin nichts. Von Wyl macht sich diesbezüglich auch gar keine Illusionen. «Mit einer zehnköpfigen Band in einer stilistischen Nische wird man nicht reich.»

Immerhin werde das Konzertpublikum stetig grösser. Und wenn mal fast niemand kommt, gelte die Devise: «Sobald mehr Leute im Publikum sind als auf der Bühne, spielen wir.»

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