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Der Stadttunnel: Jahrhundertwerk für die Zukunft?

3 min Lesezeit 03.12.2014, 14:45 Uhr

Andreas Brunnschweiler, Architekt aus Zug, setzt sich in seinem Leserbrief mit den Vor- und Nachteilen des Grossprojekts Stadttunnel auseinander.

Dass das Mobilitätsbedürfnis stark zunimmt ist eine Tatsache, beim MIV (motorisierter Individualverkehr) wird von durchschnittlich 4% pro Jahr ausgegangen, im Raum Zug dürften es eher mehr sein. Bei der Bahn geht der Bund von einer Zunahme bis 2030 von 70% aus. Die Infrastruktur von Strasse und Schiene vermag mit dieser Entwicklung kaum mehr Schritt zu halten; dies nicht zuletzt aufgrund der sehr langen Umsetzungsdauer von entsprechenden Projekten.

Die ursprünglichen Planungsgrundlagen werden bis zur Inbetriebnahme von der Realität überholt und die Politik bringt es mit sich dass bei solchen Projekten keine noch nicht nachgewiesenen Kapazitätsreserven eingeplant werden dürfen. Der reibungslose Transport von A nach B ist Arbeits- und Lebensqualität und für das Funktionieren der Wirtschaft unabdingbar. Der Druck auf Verbesserungen der Situation steigt. Mit den Engpässe bei den schweizerischen Hauptachsen (Gubrist, Gotthard, Zürich – Bern, Lausanne – Genf oder auch mit dem abendlichen Stau beim Rotsee Richtung Luzern) werden wir uns jedoch abfinden müssen.

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Will man nun mit dem Rezept von Kapazitätsverbesserungen im kleinstädtischen Verkehr den MIV reibungsloser gestalten so ist der „Stadttunnel mit ZentrumPlus“ ein optimales und ausgeklügeltes Projekt – nur: allen Leuten recht getan hat seinen Preis und das innerstädtische Autofahren bleibt attraktiv. Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten um wenige Jahre nach Inbetriebnahme des Stadttunnels tägliche Staus beim Gubelloch/Kreisel Dammstrasse und beim Autobahnanschluss Baar (mit der Tangente Zug/Baar) zu prognostizieren. So bin ich überzeugt, dass wir uns dann wieder mit den gleichen Fragen wie heute auseinandersetzen werden, allerdings um die Investitionskosten und mehrere Jahre Stadttunnel-Betriebskosten ärmer.

Ich frage mich ernsthaft, ob das Rezept von Attraktivitätssteigerung im innerstädtischen MIV im heutigen Umfeld noch ein intelligenter Weg ist. Ich muss gestehen, ich gehöre auch zu denjenigen, die zu oft den bequemen Weg mit dem PW nehmen und der Stadttunnel käme mir entgegen. Aber werden wir in 20 Jahren den Arbeitsweg, den täglichen Einkauf, den Weg zum Café, das Begleiten der Kinder zu Schule, zum Musikunterricht oder zum Sport für eine Fahrt von wenigen Minuten noch mit dem PW unternehmen? Ein Parkplatz beim Arbeitsplatz, ein Parkplatz zum Einkaufen, ein Parkplatz für den Theaterbesuch, ein Parkplatz für Sportanlässe? Wohl kaum, die Stadt wächst rapide, die Dichte nimmt zu, das Mobilitätsbedürfnis wird doppelt so gross sein wie heute und die Kapazitäten bleiben beschränkt – ob mit oder ohne Stadttunnel.

Müssen wir in der heutigen Zeit von digitaler Vernetzung, Apps und Elektrovelos nicht sehr viel intensiver nach neuen Mobilitätskonzepten suchen? Wer hätte vor 10 Jahren geglaubt, dass heute jedermann die aktuellen Abfahrtszeiten der nächsten ÖV-Haltestellen auf seinem Handy abrufen kann? Was wird in 10 Jahren selbstverständlich sein? Können Abholdienste und ÖV von Haustüre zu Haustüre abgerufen werden, Fahrzeiten Tarife und Umweltbelastungen verglichen werden, per Handy bezahlt werden, etc.? Müssen wir nicht Lösungen forcieren, die den ÖV und das Zweiradfahren im innerstädtischen Gebiet attraktiver machen? Wie können vom ÖV heute schlecht erschlossene Quartiere bedient werden, z.B mit Sammeltaxis via Apps, mit Ortsbussen, etc.? Zu welchen Kosten kann das umgesetzt werden, braucht es Subventionen? Für Mobilitätsexperten aus aller Welt sind das längst überfällige Forderungen.

Wenn wir auf den Stadttunnel verzichten und diese Fragen heute und nicht erst in 20 Jahren ernsthaft angehen haben wir uns rechtzeitig mit zukunftsgerichteten Lösungen auseinandergesetzt, Schritt für Schritt Erfahrungen mit Pilotprojekten gemacht, schlussendlich neue Konzepte umgesetzt – und mit weniger MIV eine Aufwertung des Stadtzentrums erreicht.

Andreas Brunnschweiler, Zug

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