«Der Schmuck muss seinen Träger finden»
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Brigitte Moser in ihrem Schmuckatelier in Baar. (Bild: Laura Livers)

Nicht alles von Brigitte Moser ist einfach tragbar «Der Schmuck muss seinen Träger finden»

7 min Lesezeit 10.05.2017, 15:37 Uhr

Es gibt kaum eine Generation von zeitgenössischen Zuger Künstlern, die sie nicht geprägt hätte: die Baarer Schmuckkünstlerin und Kulturvermittlerin Brigitte Moser. Sie erzählt, wie die Scheidungswelle in den Achtzigern die Schmuckbranche beeinflusst hat. Und warum der Ruhestand für die rund 70-Jährige keine Option ist.

Mitten im Dorfzentrum von Baar befindet sich eine Schmuckgalerie. Es handelt sich um Werkstätte, Atelier, Büro und Ausstellungsraum der Baarerin Brigitte Moser. Ursprünglich gelernte Goldschmiedin, widmet sie sich seit den frühen 80er-Jahren dem Erschaffen von Schmuck jenseits der gewohnten Ästhetiken.

«Nach meiner Lehre arbeitete ich als Goldschmiedin, aber bereits nach einem Jahr war ich gelangweilt. Immer die selben Colliers, die gleichen Ringe, nur die Grösse der Steine variierte. Damit wollte ich mich nicht zufriedengeben», erklärt sie.

Mitten in die reine Männerdomäne

Die Baarerin mit dem omnipräsenten roten Lippenstift und der weissen Kurzhaarfrisur wusste schon früh, was sie will und was nicht. «Das habe ich meiner Mutter zu verdanken», antwortet sie auf die Frage, wie sie denn zur Goldschmiedin wurde, damals, 1963, als junge Frau. «Sie hat die Anzeige in der Zeitung gesehen und den Lehrmeister gezwungen, mich zu nehmen.»

«Die Frau, das dienende Geschlecht; so wurden wir erzogen. Gott sei Dank hat sich das relativ bald geändert.»

Brigitte Moser, Baarer Schmuckkünstlerin

«Und gesträubt hat er sich: ‹Meidli nimi sicher ned, die hüürated ja de sowieso!› Aber meine Mutter hat nicht locker gelassen. So begann ich die Lehre in der Berufsschule Luzern als einzige Frau.» Das Schmuckhandwerk zu dieser Zeit war eine reine Männerdomäne, sich als junge Frau durchzusetzen, verlangte von Moser viel Energie. «Damals waren die meisten Klassen geschlechtergetrennt – ich und meine Mitschüler wussten gar nicht, wie umgehen miteinander.»

(Bild: zvg)

Geheiratet wurde dann aber doch, wenn auch nur, um sich offiziell in Baar anmelden zu können. «Das Gesicht von Herrn Franci auf dem Einwohneramt werd ich meiner Lebzeit nicht vergessen, wie er uns zwei gemustert hat und sagte: Soso, in der Marktgasse wollen sie zwei wohnen? Ohne Trauschein geht das aber nicht.» Und dabei war es unserer Vermieterin egal, die wollte nur, dass die Miete pünktlich kommt.» Moser schüttelt den Kopf und blickt auf ihre Hände. «Das kannst du dir gar nicht vorstellen, wie das war damals. Die Frau, das dienende Geschlecht; so wurden wir erzogen. Gott sei Dank hat sich das relativ bald geändert.»

«Meidli nimi sicher ned, die hüürated ja de sowieso!»

Wolfgang von Müller, zukünftiger Lehrmeister von Brigitte Moser, 1962

Im Jahr 1970 arbeitet Brigitte Moser halbtags bei einem Goldschmied, halbtags in ihrem eigenen Atelier. Ihre Designs sind ungewohnt – die Fingerringe sind viereckig, die Armreifen klobig, die Colliers asymmetrisch. «Damals waren die meisten meiner Kunden Herren, die Schmuck für ihre Frauen kauften», erzählt Moser. «Aber natürlich kauften sie den Schmuck, der ihnen selbst am besten gefiel, und die Frau durfte sich dann artig bedanken. Ich musste also das Vertrauen meiner Kundschaft gewinnen; das Vertrauen in mich, meine Arbeit und meine Empfehlungen, damit sie selbstbewusst so ein Schmuckstück verschenken konnten und dabei sagen konnten: Jawohl, sowas gefällt mir.»

Ein deutsches Aha-Erlebnis

1983 verschlägt es Brigitte Moser auf Empfehlung einer Bekannten nach Köln zu Peter Skubic. Ein avantgardistischer Schmuckdesigner, der unter anderem mit der Performance «Schmuck, der unter die Haut geht», während der er sich Schmuckstück unter die Haut implantierte, zu provozieren wusste.

«In Köln hab ich erst verstanden, wie privilegiert meine Ausbildung und wie eng mein Verständnis von Schmuck war», erinnert sich Moser. «Dort konnte sich keiner Gold oder Silber leisten, um ein wenig zu experimentieren. Also haben sie Stahl, Draht und Glas benutzt und so aus der Not heraus völlig neue Formen und Ästhetiken erschaffen. Das war bei Weitem mein grösstes Aha-Erlebnis.» Die Zeit in Köln wird die Arbeit Mosers längerfristig prägen. Unter Skubic’ Anleitung arbeitet sie fortan mit Butterbrotpapier, Wellblech und Steinen. Sie lernt Metalle statt mit dem Lötkolben mit Verzahnungen zu verbinden und aus ihren Schmuckstücken Kunstobjekte werden zu lassen.

30 Jahre ohne Schaffenskrise

In den Vitrinen der Schmuckgalerie liegen traditionelle Edelmetallarbeiten neben Knochenschmuck, geschliffene Kiesel neben Wildschweinzähnen, geometrische Armreife neben auf Haaren aufgefädelten Perlen. Es ist die Mischung aus Funktionalität und Kunst, die Mosers Stil ausmacht. «Erstaunlicherweise gab es immer Menschen, denen mein Schmuck gefallen hat und die ihn getragen haben», lacht Moser lauthals. «Erst recht als in den 80-ern die Scheidungen aufkamen und Frauen nicht nur endlich ihren eigenen Schmuck kauften, sondern auch ihr neu gewonnenes Selbstbewusstsein nach aussen tragen wollten.»

«Ich überlege mir bei der Fertigung nicht, wer das Stück später einmal tragen könnte.»

Brigitte Moser, Baarer Schmuckkünstlerin

Es ist auffälliger Schmuck, manch ein Schmuckstück scheint auf den ersten Blick kaum tragbar zu sein. «Der Schmuck, den ich ausstelle, muss seinen Träger finden. Manchmal dauert das Jahre, denn ich überlege mir bei der Fertigung nicht, wer das Stück später einmal tragen könnte. Das ergibt sich erst mit der Zeit.»

(Bild: zVg)

Und was macht jemand wie Brigitte Moser, wenn Inspiration und Motivation mal Pause machen? «Das gibt’s bei mir nicht», sagt sie und lacht verschmitzt. «Meine letzte grosse Krise war irgendwann in den 80ern, als ich aus Köln zurück nach Baar kam und mich zu sehr eingeengt fühlte. Eigentlich wär ich am liebsten gleich wieder zurück.» In Baar geblieben ist sie trotzdem; in Deutschland liess es sich von der Schmuckkunst nicht leben. «Aber wenn ich dann doch mal ein wenig hässig werde, weil das Objekt nicht so wie ich will, dann geh ich spazieren, sammle Kieselsteine oder was sonst so auf dem Weg liegt, und dann geht’s dann schon.»

Von der Künstlerin zur Kulturvermittlerin

Die Schmuckgalerie in Baar ist nicht nur eine Schmuckwerkstatt, sondern auch ein Ausstellungsraum. «Unbekannte Kreaturen/Skulpturen» heisst die derzeitige Ausstellung, bestehend aus abstrakten Holzfiguren des Baarer Künstlers Martin Sutter. «Als Künstler ist es wichtig, nicht nur die hohle Hand zu machen, sondern auch zu geben», erklärt Moser. «Und mit diesem kleinen, aber feinen Örtchen hier kann ich genau das tun.»

Die Unterstützung ihrer Mitkünstler reicht weit über die Baarer Ortsgrenze hinaus – 2000 gründete sie den Verein Privileg, 2006 initiierte sie mit Carla Renggli die Zuger Kunstnacht, 2012 war sie Mitbegründerin des Kunstkiosk Baar, dazwischen organisierte sie Schmucksymposien im In- und Ausland, realisierte Buchprojekte und Ausstellungen, zuletzt «Frisch von Heute» letzten September (zentralplus berichtete).

(Bild: zVg)

Und dazwischen findet sie die Zeit, jungen Goldschmieden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. «Gerade letztens kam ein junge Dame vorbei und erzählte mir von ihrer Lehrabschlussarbeit – einem Ring mit Chaton (eine Fassung mit 4 Halterungen), einer vorgegebenen Steingrösse und Zungenschiene. Und jetzt raten Sie mal, was meine Abschlussarbeit war, damals, 1967? Ein Ring mit drei Brillantfassungen, vorgegebener Steingrösse und Zungenschiene. Es ist absurd», echauffiert sich Moser.

Ihr Netzwerk soll auch anderen dienen

«Gerade in der heutigen Zeit, in der ungewöhnliche und individualistische Formen längst zum guten Ton gehören und das Handwerk sich endlich weiterentwickeln konnte, Stichwort 3D-Drucker, zwingt man die Lehrlinge, Objekte herzustellen, die genauso gut 50 oder 100 Jahre alt sein könnten.» Also habe sie die junge Dame mit befreundeten Schmuckdesignern bekannt gemacht, damit sie nach der Lehre einen Praktikumsplatz hat und dort Schmuck als Design- und Kunstobjekt erleben kann. «Mein Netzwerk anderen zugute kommen zu lassen, ist für mich selbstverständlich. Auch ich musste ganz unten anfangen und habe davon profitiert, dass andere mein Potenzial erkannt und gefördert haben.»

Moser überlegt. «Wir Künstler wünschen uns ja alle, dass Effort anerkannt und belohnt wird. Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich Leuten begegne, die etwas machen wollen.»

«Ruhestand? Nein. Wo käme ich denn da hin?»

Brigitte Moser

Unlängst wurde Moser mit dem Zuger Anerkennungspreis ausgezeichnet, für ihr «starkes Engagement für den Schmuck und die Kultur im Kanton Zug», wie in der Pressemitteilung zu lesen war. «Wenn nicht Brigitte, wer sonst?», lautete damals der Tenor in der Zuger Kunstszene. Es gibt kaum eine Generation von zeitgenössischen Zuger Künstlern, die Moser nicht geprägt hätte. Sei es durch gemeinsame Ausstellungen, Empfehlungen oder Gespräche während Vernissagen, draussen im Raucherbereich.

Auf die Frage, ob sie den längst überfälligen Ruhestand in Betracht ziehe, verzieht Moser nur entrüstet das Gesicht. «Ich? Nein. Wo käme ich denn da hin? Da würde ich vor Langweile eingehen.»

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